In den Favelas von São Paulo. Bild: Flickr / Alexandre Vieira CC-BY 2.0

Brasilien hat mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, von denen man bereits gewusst hatte, als die Fußball-WM dorthin vergeben wurde. Organisation und Pünktlichkeit vor allem im Hinblick auf den Bau der Stadien sind Beispiele dafür. Doch ein anderes Problem könnte den Verantwortlichen über den Kopf wachsen. Die Kriminalität. Gerade jetzt geht eine Welle der Gewalt über das Land.

Von Florian Stumfall

Über viele Jahre war die Ordnung in Brasilien durch ein einfaches und stilles Übereinkommen mehr oder minder gewährleistet. Den Lebensraum der Reichen und denjenigen der Mittelschicht schützte die Polizei, die darin von der Politik den Rücken gestärkt bekam. In den Elendsvierteln, den Favelas, wo die Hoffnungslosigkeit haust, war die Drogen-Mafia zuständig. Verknüpft wurde die Funktionsfähigkeit der beiden Systeme durch eine ausgefeilte Korruption.

Diese schiedliche Art des Miteinander wurde jetzt, im Vorfeld der WM, von Politik und Polizei empfindlich gestört. In dem illusorischen Bestreben, als Gastgeber der Welt eine gute Figur machen zu müssen, haben die staatlichen Ordnungshüter den Versuch unternommen, die Mafia auszuschalten und in den Favelas selbst das Kommando zu übernehmen. Die Folge: Dutzende von Morden an Polizeibeamten wie Zivilisten, Aufstände in den Gefängnissen, Angriffe auf Polizeireviere, Blockaden auf den Autobahnen.

Was die Mafia besonders erbittert, ist, dass man ihren inhaftierten Bossen ganz wichtige Privilegien genommen hat. So wurde der Chef von Comando Vermelho (Rotes Kommando), Fernandinho Beira-Mar, vom Gefängnis in Rio nach São Paulo verlegt. Die Folgen waren für ihn und seine Geschäfte sehr unangenehm. Denn im neuen Gefängnis war er von seinen Verbindungen innerhalb und außerhalb abgeschnitten und konnte nicht mehr, wie er und seinesgleichen es gewohnt sind, seine Angelegenheiten hinter Gittern ungestört weiterführen.

Das ist eigentlich auch nicht im Sinne der Behörden. Wenn etwa Landesregierung oder Stadtverwaltung ein größeres Infrastruktur-Projekt durchziehen wollen, den Bau eines Staudamms oder einer Autobahn oder einer sozialen Einrichtung, so können die das nicht, ohne sich mit den Führern der großen Mafia-Föderationen abzusprechen. Ist dieser Kontakt unterbunden, gerät ein Teil der Regierungsarbeit ins Stocken. Außerdem behält die Mafia die Kleinkriminalität im Auge und schützt die Bürger vor Dieben oder Betrügern. Es ist das alte sizilianische Paten-System. Wer von den armen Leuten ein Anliegen hat, geht zur Mafia, nicht ins Rathaus. Deshalb kann die Polizei in den Favelas auch nichts ausrichten, kein Mensch hat Vertrauen zu ihr, und die Mafia korrumpiert sie mit Drogengeldern.

Nach dem Tod eines Polizisten, der vor  kurzem in den Favelas von Rio erschossen worden ist, hat sich die Lage wenige Wochen vor der WM weiter zugespitzt. Zwar hat die Regierung neben der Polizei auch Militär in die Elendsviertel geschickt, man fürchtet allerdings, daß die Mafia sich die Soldaten mit Rauschgift gefügig machen könnte.

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