Bild: Wikimedia / Ludovic Péron

Was macht die portugiesische Nationalmannschaft so gefährlich? Cristiano Ronaldo? Der auch als CR7 bekannte Weltfußballer des Jahres 2013 und 2008 ist mit Sicherheit der größte Trumpf der Lusitanier, aber bei weitem nicht der einzige!

Von Rui Filipe Gutschmidt

Ballhunger, auch nach einer sehr langen, schweren und verletzungsreichen Saison, ist was die Mannen von Trainer Paulo Bento auszeichnet. Diese Portugiesen können einfach nicht genug davon haben. Alles was irgendwie als Ball dienen kann, wird gekickt, geköpft und durch die Gänge der Hotels und Flughäfen getreten. Es ist eine wahre Freude zu sehen, wie erwachsene Männer, Profifußballer, Familienväter und – warum auch nicht diesen Aspekt erwähnen – recht clevere Geschäftsmänner, herumtollen, Witze machen und sich wie Teenager auf Klassenfahrt benehmen.

In den Sozialen Netzwerken und auf den verschiedensten TV-Stationen kann man hunderte von Videos sehen, in denen patent wird, dass die Seleção (Auswahl) eine lustige Truppe ist. Diese Stimmung ist der Grund, warum das Team mit dem Rummel um ihren Star, Cristiano Ronaldo, so gelassen umgeht und Cristiano selbst ist es gewohnt mit dieser Situation umzugehen. Sein Wesen und seine Stellung in der Mannschaft sorgen auch dafür, dass es keine Eifersüchteleien zwischen ihm und den anderen Stars gibt. Im Gegenteil. Nani, Pepe, Coentrão und all die anderen, die in ihren Klubs und in Ländern wie der Türkei, Ukraine oder Russland im Mittelpunkt stehen, sind ganz froh, dass die Presse sich nicht zu sehr auf sie konzentriert.

Die Unterstützung der Fans ist auch so ein Ding, was diese WM für die Portugiesen so besonders macht. Schon vor der Abreise, zu den Testspielen in den USA, haben die Fans in Portugal ihren Helden ihre uneingeschränkte Unterstützung garantiert. Auch wenn das Spiel gegen Griechenland in Lissabon (0:0) nicht ganz ausverkauft war, so war das Stadion für ein Freundschaftsspiel doch gut gefüllt.

Man darf nicht vergessen, dass die Geldbeutel der Portugiesen leer sind und dass das Estadio da Luz 65.000 Plätze hat. Aber viele Fans waren statt im Stadion, vor dem Stadion, in den Cafés oder wo auch immer ein Fernseher stand, waren die Fans und auch die, die sonst nichts mit Fußball am Hut haben, zusammengekommen und feuerten ihre Mannschaft an. Die Revanche für die Niederlage im EM-Finale 2004 wurde nicht erreicht, aber das wurde auch nicht überbewertet. Ein paar Millionen Fans in den Nationalfarben rot und grün, haben auch schon mal geübt.

In den USA haben die Manager von der FPF Stadien ausgewählt, die in der Nähe der größten portugiesischen Gemeinde, Newark, liegen. In Bosten waren die Mexikaner zwar in der Überzahl, aber das haben die Portugiesen mit Enthusiasmus wettgemacht. In New Jersey war das schon anders. Die irischen Einwanderer haben sich kaum für das Spiel interessiert und das Stadion den Portugiesen überlassen. Aber nicht nur im Stadion, sondern auch vor den Hotels, auf den Flughäfen und überall wo der Mannschaftsbus vorbeifährt, färbt sich das Land in rot und grün.

Das Beste aber war der Empfang in Brasilien. Das portugiesische Hauptquartier in Campinas könnte genauso gut in Portugal liegen. Eine Menschenmenge hat die Seleleção empfangen und den Weg zwischen Flughafen und Trainingslager zum Triumphzug gemacht. Die Ronaldomanie ist in Brasilien ausgebrochen und viele Brasilianer bevorzugen die Lusitanier gegenüber ihrer eigenen Mannschaft. Für die meisten kommt Portugal natürlich an zweiter Stelle und ein Brasilien – Portugal im Finale ist ihr Wunsch – nach Möglichkeit mit dem 6. Titel für das Team von Scolari.

In Brasilien leben und arbeiten immer mehr Portugiesen, die von der Krise zum auswandern gezwungen worden und im Boomland Brasilien, durch die gleiche Sprache und die gemeinsame Geschichte ein logisches Ziel haben. Fern der Heimat nimmt man die Gelegenheit wahr mit seinesgleichen zu feiern, auch wenn man sich gar nicht so sehr für Fußball interessiert.

Das erste offene Training hat 10.000 Fans ins Stadion von Rio Preto gebracht und hätte es mehr Tickets gegeben – noch mehr Menschen hätten das Training gesehen. Die Fans – Portugiesen, Brasilianer und einige die extra angereist sind – waren völlig aus dem Häuschen. In einem Ambiente, welches mehr an ein Rockfestival erinnerte, wie an ein Fußballtraining, hörte man das kreischen der weiblichen „Ronaldeiras“ bzw „Cristianeiras“! Nichts, was CR7 nicht gewohnt wäre. Dennoch, die Gelassenheit, mit der er und seine Kollegen diesen Trubel ertragen ist bewundernswert. Selbst als eine 22-jährige Brasilianerin es schaffte, den über 2,5 Meter hohen Zaun zu überwinden und wie ihr Idol in Richtung Spieler stürmte, und dabei zunächst die Leute von der Sicherheit austrickste, bevor sie von einem 150 Kilogramm schweren Bodyguard gestoppt wurde, blieben alle cool und machten weiter ihre Dehnübungen.

In Tränen wurde sie vom Platz geführt, nicht ahnend, dass sie ihr Ziel noch erreichen würde. Nach dem Training haben die Spieler, wie immer bei solchen Gelegenheiten, Autogramme gegeben und die begehrten Dresse verteilt. Noch ein Foto, noch ein Selfie und schließlich wurde die völlig in Tränen aufgelöste Hardcore Cristianeira wieder zu Ronaldo gebracht, wo sie ihn umarmen durfte, ein paar Worte mit dem Idol wechselte und noch ein Autogramm auf ihr T-Shirt bekam.

Voller Stolz zeigte sie ihm ihr CR7-Tattoo auf dem Arm, welches sie schon seit über einem Jahr habe. „Ich bin seit acht Jahren ein Fan von dir ….“, sagte sie, immer noch nicht fassend, dass sie wirklich bei ihm ist. „Beruhige dich. Du musst doch nicht weinen.“ Ronaldo selbst, eindeutig berührt von der selbst für ihn ungewohnten Szene, versuchte sie zu beruhigen. Als die Reporter sich schließlich auf den immer noch völlig in Tränen aufgelösten, diesmal vor Glück, „Fan Nummer 1“ stürzten, nahm sie nochmal ihren ganzen Mut zusammen und rief ihm zu: „Eu amo você…“ (Ich liebe dich…). Die Episode zeigt, wie das Spiel mit dem Ball unsere Herzen berührt, auch wenn es uns oft extrem übertrieben scheint. Und Ronaldo wurde wieder mal an seine Verantwortung erinnert, obwohl er das längst nicht mehr nötig hat.

Ob die Spieler rechtzeitig den Schalter umlegen können und vom Urlaubsmodus auf Arbeitsmodus gehen können? Ich bin davon überzeugt. In der gestrigen Pressekonferenz, hat Ronaldo nochmal klar gemacht, dass das gesamte Team, den Fans gegenüber, die Verantwortung hat, ihr Bestes zu geben. Er sei zu 100 Prozent, wäre aber lieber zu 110 Prozent fit. Inzwischen ist die Konzentration wohl auch auf 100 Prozent und der Fokus liegt beim heutigem Spiel gegen Deutschland. Seit dem 3:0 bei der EM in Belgien/Holland, haben die Portugiesen drei mal gegen Deutschland verloren.

So geschehen bei der EM vor zwei Jahren. Auch da war es das erste Gruppenspiel und die Deutschen gewannen mit 1:0. „Es wird Zeit, dass sich das ändert und ich habe das Gefühl, dass es morgen (heute) soweit ist …“  Auch wenn Paulo Bento die Startelf erst vor dem Spiel bekannt gibt, ist die Aufstellung mehr oder weniger ein offenes Geheimnis:

Rui Patricio, João Pereira, Pepe (Luis Neto), Bruno Alves, Fabio Coentrão, Miguel Veloso, (William Carvalho), Raúl Meireles, João Moutinho, Nani, Hugo Almeida, (Hélder Postiga), Cristiano Ronaldo

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