Die Barbaren bedrohen uns!

Nun, da wir in den letzten Monat der US-Wahlen eintreten, steht der erwartete Höhepunkt der lange begrabenen Feindseligkeiten bevor. Es ist unwahrscheinlich, dass er kurz oder entscheidend sein wird. Die inneren Erschütterungen der USA sind jedoch eine Sache. Aber die Implosion des gesellschaftlichen Vertrauens in den USA strahlt nach außen, und ihre Auswirkungen strahlen auf die ganze Welt aus. Wenn die Unwägbarkeiten unserer Zeit – verstärkt durch den Virus – uns nervös und angespannt machen, dann vielleicht deshalb, weil wir intuitiv spüren, dass auch eine Lebensweise, auch eine Wirtschaftsweise, zu Ende geht.

Die Angst vor gesellschaftlichen Umwälzungen sät Misstrauen. Sie kann den geistigen Zustand hervorbringen, den Emile Durkheim Anomie nannte, ein Gefühl der Abgehobenheit von der Gesellschaft; die Überzeugung, dass die Welt um einen herum unehelich und korrupt ist; dass man unsichtbar ist – eine „Zahl“; ein hilfloses Objekt feindseliger Unterdrückung, das vom „System“ aufgezwungen wird; ein Gefühl, dass niemandem zu trauen ist.

Die russische Literatur des 19. Jahrhunderts, darunter auch Romane von Dostojewski, berichtet, wie sich solche Gefühle unter den Kindern der russischen Wohlhabenden zu brennendem Hass entwickeln konnten. Dieser Hass erstreckte sich bis hin zu Nagelbomben, die in Cafés geschleudert wurden, um „zu sehen, wie sich die bösen Bourgeois in Todesqualen winden“.

Die Nachkriegszeit des Westens wurde weitgehend von der „Woodstock“-Generation bestimmt: eine Ära, in der die reichen (weißen) 20 Prozent der Welt in einem Konsumparadies der Auswahl und des Überkonsums lebten, während die 80 Prozent Nicht-Weißen dies nicht taten. Diese Generation lebte in einer Zeit relativer kultureller Kohäsion und sozialer Stabilität – und wurde nur selten zu Opfern oder Härten aufgefordert. Es war die Ära einer „leichten Entscheidung“ nach der anderen, in der sich ein Ethos herausbildete, das die persönliche Freiheit über jeden anderen Wert stellte, einschließlich der sozialen Verpflichtung.

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Die aufstrebenden Generationen von heute, argumentiert David Brooks in The Atlantic, „genießen nichts von diesem Gefühl der Sicherheit. Sie wuchsen in einer Welt auf, in der die Institutionen versagten, die Finanzsysteme zusammenbrachen und die Familien zerbrechlich waren. Dennoch brauchen die Menschen ein grundlegendes Gefühl der Sicherheit, um gedeihen zu können, wie es der Politologe Ronald F. Inglehart formuliert: „Ihre Werte und ihr Verhalten werden von dem Grad geprägt, in dem das Überleben gesichert ist“.

„Die Werte der Millennial- und Gen Z-Generationen, die in den kommenden Jahren vorherrschen werden, sind das Gegenteil der Werte der Boomer-Generation: nicht Befreiung, sondern Sicherheit; nicht Freiheit, sondern Gleichheit; nicht Individualismus, sondern die Sicherheit des Kollektivs; nicht sink-or-swim Meritokratie, sondern Förderung auf der Grundlage sozialer Gerechtigkeit … Misstrauische Menschen versuchen, sich unverwundbar zu machen, sich zu panzern in dem sauren Versuch, sich sicher zu fühlen … beginnen Bedrohungen zu sehen, die es nicht gibt.“

Brooks geht nicht ganz ins Detail, aber er deutet auf eine wichtige Generationsspaltung hin, die wenig geschätzt wird: Die Millennials und die Generation Z suchen immer noch nach Lösungen für eine (reformierte) Politik, aber einige in der Nachfolgegeneration, der Generation X, wollen das System einfach ganz niederbrennen.

Hier ist der Punkt: Für den Rest der Welt – diese 80 Prozent (mit wenigen Ausnahmen) – gab es nach dem Zweiten Weltkrieg nie eine stabile Ära des mühelosen Überkonsums oder der institutionellen Stabilität (mit Ausnahme eines winzigen Teils der kooptierten Eliten). Für viele war es eine Ära, die von Konflikten, persönlicher, finanzieller Unsicherheit und Gewalt geprägt war. Ist es da eine Überraschung, dass sich ihr nationales Bewusstsein verändert hat? Dass neue Normen und Überzeugungen, neue Werte für das, was bewundert und verachtet wird, entstanden? Die Macht wurde meist inmitten schwerer ziviler Erschütterungen neu ausgehandelt, nicht in der Ruhe der sesshaften Gesellschaft.

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Der ehemalige indische Botschafter, MK Bhadrakumar, schreibt:

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Eine Analyse von Alastair Crooke

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Ein Kommentar

  1. Persönliche Beobachtungen über Jahre haben zu dem Eindruck geführt, daß es hierzulande kein Wir-Gefühl mehr gibt.

    Die Leute gehen wie seelenlose Wesen aneinander vorbei und werden nur freundlich, wenn sie bekannten Gesichtern begegnen oder bestimmte Absichten hegen, ansonsten verschanzen sie sich in ihren Gärten hinter dem Haus, während sich früher auch vieles davor abspielte und die Gemeinschaft mehr oder weniger daran teilnahm.

    Das alles hat etwas mit der allgemeinen Veränderung der Gesellschaft zu tun, wo Raff und Pifke über allem steht, die Angehörigen im Altenheim entsorgt werden und dazwischen eine ewigwährende Party im trauten Kreis stattfindet und die zwischenmenschlichen Beziehungen nahezu überall aus egoistischen Gründen wegfallen und die Kirchen dann die Rolle der versäumten Tugenden übernehmen sollten, was auch schon im verfallen ist.

    Ganz deutlich merkt man den Unterschied, wenn man noch in einige intakte Regionen dieser Welt fährt, wo noch alte Gewohnheiten eine Rolle spielen, was uns schon lange abhanden gekommen ist und deshalb müssen wir uns doch nicht wundern, wenn nicht nur die politischen Handlungen danach ausgerichtet sind, sondern auch der kulturelle Untergang mit einher geht, der diese Gesellschaft so entzweit, wie es schlimmer nicht sein kann und nur noch mit verheißungsvollen Reden der Verantwortlichen übertüncht wird, ohne jeden substantiellen Inhalt.

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