„Im Osten fehlen 40 Jahre Bürgerlichkeit“

Politikwissenschaftler Münkler sieht im Osten gravierende demokratische Defizite und gibt der DDR eine Mitschuld für den Aufstieg der AfD.

Von Redaktion

Die Vorgänge in Thüringen belegen für Herfried Münkler einen bedenklichen Abstand zwischen Ost- und Westdeutschland in Fragen der politischen Kultur. „Im Osten fehlen 40 Jahre Bürgerlichkeit“, sagte der Wissenschaftler in einem Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“.

„Der lange Prozess der Entstehung der mit sich selbst beschäftigten Bundesrepublik, das Abarbeiten der Erfahrungen aus der Schlussphase der Weimarer Republik und des Lernens aus dem Scheitern einer Demokratie geht den Menschen in den neuen Bundesländern ab“, sagte Münkler weiter. Den Menschen im Osten fehle daher eine „innere Imprägnierung gegen Fremdenfeindlichkeit und völkische und nationale Ideen“ – im Gegensatz zu den Menschen in Westdeutschland.

Nach Einschätzung Münklers rächt sich jetzt, dass „man im Prozess des Zusammenwachsens von Ost und West fast ausschließlich auf die wirtschaftlichen Faktoren gesetzt hat“. Der ökonomische Erfolg sei gegeben. „Dabei ist aber zu wenig bedacht worden, dass 40 Jahre Diktatur den Leuten ebenso in den Knochen stecken wie das Fehlen einer wirklichen Aufarbeitung der NS-Zeit. Die Aneignung dessen, was eine Demokratie ist, fehlt eben.“

Der Politikwissenschaftler forderte in diesem Zusammenhang, sich neu mit der deutschen Geschichte zu beschäftigen. Das Ende der Weimarer Republik zeige, wie gefährlich es sei, wenn die soziale Mitte zerfalle.

Loading...
Spread the love
Lesen Sie auch:  Das Bündnis von Donald Trump und Benjamin Netanjahu: Einfach schlechte Nachrichten

Wir brauchen ihre Unterstützung!

Liebe Leser, wenn Sie keine Premiumartikel lesen möchten, aber uns dennoch unterstützen wollen, dann können sie das auch mit einer Spende auf unser Bankkonto tun. Fragen Sie per eMail: [email protected] nach den Bankdaten oder übersenden Sie einen Unterstützungsbeitrag einfach per Paypal. Danke für Ihre Hilfe!

Loading...

3 Kommentare

  1. „Im Osten fehlen 40 Jahre Bürgerlichkeit“
    Im Westen 70 Jahre freies und unabhängiges Denken, da die Schulen deren Bürgerlichkeit verblödet haben. Sonst gäb es solche Stilblüten wie Münkler nicht.
    Er hätte in einem normalen System mit gebildeten Bürgern keine Existenzgrundlage.

  2. Irgendwie passen die Auslassungen des Herrn Münkler in ein Denkschema, das an der Realität völlig vorbeigeht. Da zerbrechen sich zum Teil hochdekorierte „Politikwissenschaftler“ den Kopf, warum die Menschen in Mitteldeutschland so sind, wie sie sind. Was fällt denen da nicht alles so ein. Die einen meinen, es fehlte den Bürgern die Möglichkeit, Westfernsehen zu sehen oder die Bildzeitung zu lesen. Jetzt fehlen ihnen, laut Herrn Münkler, 40 Jahre Demokratie.
    Es fehlt also auch die wirkliche Aufarbeitung der NS-Zeit in der DDR. Das sagt Jemand aus der Richtung der Vorwende-BRD, in der Alt-Nazis auf Daunen gebettet und mit guten Posten versorgt wurden. In Nachbarländern verurteilte NS-Kriegsverbrecher wurden geschützt und können einem schönen Lebensabend genießen.
    Vielleicht ist es eher ein Vorteil, dass man in den neuen Bundesländern anderen Bedingungen ausgesetzt war. Ja, nachdem sie 40 Jahre SED-Diktatur erlebt haben, sind die Menschen hier geistig hell wach, wenn man versucht, sie durch die staatstragenden Medien zu verblöden. Der scheibchenweise Abbau unserer Demokratie wird von immer mehr Menschen erkannt. Und wenn jetzt eine alte Frau aus Südafrika eine Wahl, die nach demokratischen Prinzipien erfolgte, einfach per Dekret rückgängig macht, setzt das dem Ganzen die Krone auf.
    Da hat die DDR also eine Mitschuld am Erstarken der AfD? Da bleibt einem der Mund offen stehen. Sind es nicht eher die alten „Volksparteien“, die durch ihr Versagen die Wähler zur AfD drängen, weil es sonst kaum Alternativen gibt?
    Aber vielleicht sollten die Worte von Herrn Münkler ja nur provozieren. Trolle gibt es ja überall. Gute Nacht an Herrn Münkler.

  3. An welcher versifften Quelle hat sich der Herr Münkler da gelabt?
    Wenn ein Mehr an 40 Jahren Bürgerlichkeit zu derart katastrophalen Verformungen an Verstand, realistischer Einschätzung und politischer Sehschwäche, fast schon Blindheit, führt, na ja, Herr Münkler, nochmal in aller Ruhe drüber nachdenken. Gerade eben der gemeine Wessi rafft nicht, was da
    für viele Ossis ganz offensichtlich, ab läuft.
    Seit die Schaufensterfunktion des Westens entfallen ist, fallen dort in beängstigender Geschwindigkeit alle Hüllen der Fassade, und ein einziges massives Defizit an Demokratieverständnis, Redlichkeit, Interesse am Volkswohl, an friedvollem Miteinander, und Rechtsstaatlichkeit tut sich auf.
    Der politische Krebsschaden auf vielerlei Gebieten – gelenkte Demokratie – tut sich unübersehbar auf, das geht mit entzauberten Eliten nicht mehr gut.
    Das Gift der A. Merkel und ihrer Strippenzieher wirkt…

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.