Brasilien ist gespalten – Demos für und gegen Dilma

„Impeachment” ist das Schlagwort des Tages. Der Ausdruck bedeutet nichts anderes als die Forderung nach einem Amtsenthebungsverfahrens, in diesem Fall gegen die Präsidentin Dilma Rousseff. Letztes Wochenende forderten über eine Million Demonstranten die Absetzung Dilmas und ihrer Arbeiterpartei (PT) in 170 Städten Brasiliens und in Städten wie Lissabon, Porto oder London. Die oppositionelle PSDB (Mitte-Rechts) behauptet nicht an der Organisation beteiligt zu sein. Protestierende fordern auch das Einschreiten des Militärs. Doch gestern bliesen die PT, die Gewerkschaften und zivile Organisationen zum Gegenangriff.

Von Rui Filipe Gutschmidt

Brasilien ist ein Land der Gegensätze. Schwer zu verstehen für den Europäer sind die radikalen Positionen zwischen Links und Rechts, Arm und Reich, Land- und Stadtbevölkerung. Eine bunte Mischung der Rassen und Völker aus aller Herren Länder verhindert, dass es zu offenem Rassismus kommt und hält die Menschen dahingehend zusammen. Was die Menschen trennt, sind die sozialen Grenzen, die nicht nur von der Oberschicht gezogen werden, sondern auch von der Mittelschicht, die darauf besteht sich von der großen, in Armut lebenden Masse abzugrenzen. Hohe Mauern schließen die Favelas ein, in denen die Unterschicht ihr Leben fristet und wo oftmals die kriminellen Banden das Sagen haben.

Dilmas Wähler kommen aus dieser Unterschicht, die seitdem die PT mit Lula da Silva an die Macht kam, nach und nach ein menschenwürdigeres Leben bekamen. Der „Abono Familiar“ sollte vor allem die Kinderarmut beenden und half dabei dem Land eine bessere Bildung und somit besser vorbereitete Arbeitskräfte zu verschaffen. Ausländisches Kapital – unter anderem aus Deutschland – und eine aktive Wirtschaftspolitik haben Brasilien einen Boom beschert. Selbst die weltweite Finanzkrise hat dem kein Ende setzen können, da sich das Land vom US-System abschirmen konnte und mit den übrigen BRICS-Staaten eine relativ unabhängige Wirtschaftspolitik implementiert hatte.

Was treibt die Menschen dann auf die Straße? Es ist die Rezession, die Brasilien, wie auch die anderen BRICS-Staaten letzten Endes doch noch erreicht hat. Die Mittelschicht konnte in den letzten Jahren wachsen und hat sich schnell an einen besseren Lebensstil gewohnt. Jetzt, wo der Staat sparen muss, bekommt die Mittelschicht das als erstes zu spüren. Aber weniger Geld für Gesundheit, Bildung und generell für die öffentliche Hand ist nicht alles, was die Menschen in Rage bringt. Wirklich wütend macht es die Bürger, wenn sie ständig von neuen PT-Politikern hören, die sich die Taschen vollstopfen, während alle anderen die Gürtel enger schnallen sollen. Die Korruption ist natürlich nicht nur in Dilmas Arbeiterpartei weit verbreitet, doch hat die lange Regierungszeit Strukturen geschaffen, die besonders Tief wurzeln und einen Sumpf wie diesen trockenzulegen hat sich als besonders schwer erwiesen.

Die bürgerlichen Parteien attackieren schon seit langem die Linksregierung über die Schiene „der Korrupte Haufen muss weg“. Wobei sie selber mehr wie genug Dreck am Stecken haben. Die Justiz aber scheint auf dem rechten Auge blind zu sein. Wieso? Die Richter, Staatsanwälte und große Teile der Polizeikräfte sind aus den Familien der alten Elite, die sich die Militärdiktatur zurückwünscht und unter der Regierung der PT ihre Macht verloren hatte. Nicht zu vergessen, die Einflussnahme der US-Finanzbosse, die aus den BRICS gerne die RICS machen würden. Sie haben es auf das Öl, das Holz und das Wasser des Amazonas, sowie die vielen anderen Rohstoffe des größten Landes Südamerikas abgesehen. Dilmas Herausforderer bei der letzten Wahl im Oktober 2014, Aécio Neves, wartet nur darauf, den US-Konzernen zu geben, was diese sich wünschen.

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Genau das ist der Vorwurf derer, die gestern für Dilma Rousseff auf die Straße gingen. Die rechtskonservativen und rechten Parteien würden einen Putsch anstreben und versuchen mit undemokratischen Mitteln die gerade erst an den Urnen legitimierte Regierung der PT von Präsidentin Dilma Rousseff zu stürzen. Der Versuch über die Wahlaufsicht zu gehen, wegen angeblichen Wahlbetrugs, hat bislang keinen Erfolg gebracht und es wird auch nicht erwartet, dass es jetzt noch etwas bringt. Aber all das hilft, den Ruf der Regierung zu schädigen und ist der alten Machtriege willkommen.

Dazu kann man auch den Versuch zählen, die brasilianische Version des Bundesrechnungshofs einzuspannen, um der Regierung verschwenderischen Umgang mit den Steuergeldern vorzuwerfen und um Veruntreuung im großem Stil zu beweisen. Ohne dass dem Volk es wirklich bewusst ist, wurde Brasilien zu einem Kriegsschauplatz im neuem Kalten Krieg. Das Land soll – wenn es nach dem Willen der US-geführten Welt geht – aus dem BRICS-Wirtschaftsbündnis herausbrechen und als erster Dominostein der links regierten Staaten Südamerikas dienen, der die anderen nach und nach zu Fall bringen soll. Die brasilianische Mentalität lässt noch einen blutigen Winter erahnen, in dem sich einfache Menschen für die Interessen einer Hand voll Leute gegenseitig die Köpfe einschlagen. Ich kann nur hoffen, dass die Brasilianer dies erkennen und der Gewalt abschwören. Auch vom Militär erhoffe ich, dass es nicht dem Druck der US-Lobby und der Demonstrierenden nachgibt und dass es in den Kasernen bleibt, wo es hingehört.

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7 Kommentare

  1. „Wobei sie selber mehr wie genug Dreck am Stecken haben. Die Justiz aber scheint auf dem rechten Auge blind zu sein.“

    Offensichtlich doch nicht so blind:

    http://extra.globo.com/noticias/brasil/procuradoria-denuncia-eduardo-cunha-fernando-collor-ao-stf-17249375.html#ixzz3jXwMoV00

    „BRASÍLIA – O procurador-geral da República, Rodrigo Janot, denunciou o presidente da Câmara, Eduardo Cunha (PMDB-RJ) por lavagem de dinheiro e corrupção passiva, e a ex-deputada e prefeita de Rio Bonito Solange Almeida (PMDB-RJ) por corrupção passiva, além do senador Fernando Collor (PTB-AL), também por corrupção. As denúncias foram protocoladas no Supremo Tribunal Federal (STF) nesta quinta-feira.“

    „Aécio Neves, wartet nur darauf, den US-Konzernen zu geben, was diese sich wünschen.“

    das niedergehende US-imperium kämpft verbissen und mit allem mitteln um seinen machterhalt, aber die zeit dieser halunken ist zuende

    siehe passend zu deren aktueller false-flag-aktivität in china diesen artikel:

    http://www.epochtimes.de/Insider-Exklusiv-zu-Tianjin-Explosion-Weil-er-Chinas-kuenftige-Wallstreet-wegbombte-wurde-Ex-Staatschef-Jiang-festgesetzt-a1261962.html

  2. Aécio Neves hat kein Karisma.Lula gestand selber er hat nie ein Buch gelesen. Die wichtigsten Mitglieder der Regierungspartei wie z. Beispiel die zwei Tesoureiros do Partido PT und José Dirceu ex- Minister da Casa Civil wurden verhaftet, Dilma un Lula haben sich bis jetz frei gehalten.Warten wir ab was auf uns noch zukommt.

    1. da ich in brasilien lebe und alles in net überwacht wird, kann ich nicht das schreiben, was ich gerne möchte, so weise ich nur auf die parallelen hin:

      jiang ist in china das, was neves in brasilien ist, und so wie in china dem staatschef xi der kragen geplatzt ist, so scheint auch hier in brasilien bei jemandem das ende des geduldsfadens erreicht zu sein, bis zu 180 jahre haft für diese seilschaftler stehen im raum

      vor ca. 2 jahren sagte staatschef xi (in etwa): ‚es ist zeit für eine entamerikanisierung dieser welt‘ und ich habe die hoffnung, das das jetzt geschieht

      dumm nur, dass dieser waidwund geschossene cowboy lieber die ganze welt mit in den abgrund reisst als sich zu besinnen

      auf jeden fall erleben wir eine der aufregendsten und entscheidensten zeiten auf diesem globus mit, und allein um zu sehen, ob diese apokalyptische schlacht ein happy-end hat, lohnt es sich durchzuhalten!

      alles liebe von shumil

  3. keine ahnung, ob ich richtig liege aber dass parallel zu den demonstrationen in brasilien auch noch welche in london und lissabon stattfinden impliziert, dass es in erster linie us-dollar sind, die die menschen auf die strasse treiben – ähnlich, wie der marsch in moskau, kurz nach der „annexion“ der krim, bei dem die marschierenden allerdings nicht erklären konnten, wogegen genau denn protestiert wird.

    1. ‚dass es in erster linie us-dollar sind‘

      genau das ist der fall, und sie haben es fast geschafft, auf diesem weg wieder den fuss in die tür von südamerika zu bekommen … dilma denkt an rücktritt … wenn neves an die macht kommt, dann ist brasilien raus aus BRICS

  4. Brasilien wurde immer als Hinterhof von USA angesehn bei den Amerikanern. Frei werden kostet sehr viel, man sieht was in Venezuela passiert , die Regalen stehen leer auf 75%.Die Hausfrauen kämpfen verbissend wegen den Nahrungsmitteln, stehen Schlange ein Tag vorher…Was wir an Zinsen zahllen an die Banca Financeira Internacional ist nicht zu glauben. Deswegen für die große Masse ist Fußball alles.Und wir ??

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