Glaubenskriege

Der Westen versteht sich als „Wertegemeinschaft“. Diese gründet sich im Wesentlichen auf ethisch-moralische Kriterien, die im christlichen Glauben wurzeln. Deshalb schwören Präsidenten wie Soldaten bei ihrem Amtseid auf die Bibel oder fügen der Eidesformel den Satz an: „So wahr mir Gott helfe.“ Die Frage gilt als beantwortet, welcher Gott gemeint ist. Natürlich nur der eine. Andere Weltreligionen kennen bekanntlich keinen Gott, sie haben nur Götter, Allah oder Voodoo.

Seit Kolumbus Amerika entdeckte, also seit einem halben Jahrtausend, versuchen die Europäer den Rest der Menschheit zu missionieren. Sie bekehren die Ungläubigen und beweisen ihnen, dass sie nur dann glücklich werden, wenn sie so beten und leben wie die Menschen im christlichen Abendland, also in Europa. Mit dieser Begründung errichtete man koloniale Weltreiche, plünderte diese, führte Kriege, rottete ganze Völker aus oder brachte sie mit Schiffen von einem Kontinent zum anderen. Die Nachfahren der Sklaven etwa in den USA werden noch immer benachteiligt. Es ist noch gar nicht so lange her, dass Weiße und Schwarze nicht die gleiche Kirche besuchen durften, um zum gleichen Gott zu beten.

Aber: Es existiert nur eine einzige Wertegemeinschaft. Selbstverständlich.

Sie wird vorzugsweise beschworen, wenn sie von außen, also von den Ungläubigen, infrage gestellt oder als unmoralisch erklärt wird. Oder wenn ihre tragende Säule, nämlich die Religion, diese metaphysische Kopfgeburt vor Beginn der Zeitrechnung, auch so gesehen wird. Nämlich als Heilsversprechen auf eine glückliche Zukunft, die man erst im Jenseits erleben wird.

Nun gibt es auch Atheisten, die der opportunistischen Meinung sind, Religion sei wegen des moralischen Zusammenhalts der Gesellschaft wichtig. Braucht man wirklich die zehn Gebote, um zu wissen, dass man nicht töten oder stehlen darf? Komisch: Bei der Missionierung der Welt scheinen die Gebote für alle, nur nicht für die Missionare selbst zu gelten.

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Und da sind wir schon beim nächsten Problem: Wie halten es die Religiösen mit der Religion? Ist ihnen nur die Heilige Schrift heilig, oder beten sie auch Anderes an? Und wie halten sie es mit der religiösen Toleranz, die sie von anderen stets einfordern?

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Am 23. September 2019 hat der christliche Fundamentalist Donald Trump in seiner Eigenschaft als US-Präsident vor der UNO-Vollversammlung einen dringenden Appell an die Weltgemeinschaft gerichtet, „die religiöse Verfolgung zu beenden“. Jeden Tag, so der Führer der freien Welt, „würden elf Christen wegen ihres Glaubens getötet“. Trump sagte, der Schutz der Religionsfreiheit sei für ihn eine Priorität und rief andere Staaten und deren Führer auf, die Strafverfolgung bei Angriffen gegen Gläubige zu verschärfen. „Es gibt kein schlimmeres Verbrechen als das.“

Monate zuvor hatte der Brite Jeremy Hunt, da war er noch Außenminister des Vereinigten Königreichs, eine in seinem Auftrag erstellte Studie publiziert, in der es hieß, dass etwa ein Drittel der Weltbevölkerung aus religiösen Gründen verfolgt würde. Die Christen stellten dabei die größte Opfergruppe. Der britische Catholic Herald, der die Untersuchung publizierte, verglich die weltweite Christenverfolgung gar mit „Völkermord“.

Nun, unter diesen Aspekten muss man auch einen kritischen Blick auf die Ukraine werfen.

Der seinerzeitige Präsident Petro Poroschenko veranlasste die Schaffung einer eigenen ukrainischen Kirche, womit er die Verfassung brach: Die sieht nämlich die strikte Trennung von Staat und Kirche vor.

In der Ukraine existierten seinerzeit drei Religionsgemeinschaften. Die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche (Moskauer Patriarchat) mit mehr als zwölftausend Gemeinden war die größte. Dann gab es noch die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats mit fünftausend Gemeinden. Diese wie auch die ukrainische autokephale orthodoxe Kirche (mit etwa tausend Gemeinden) wurden von den anderen orthodoxen Kirchen nicht anerkannt, sie galten als Abspaltungen. Poroschenko sorgte nun dafür, dass sich Ende 2018 eine neue ukrainisch-orthodoxe Landeskirche in Kiew konstituierte, indem die beiden bis dahin nicht anerkannten Kirchen fusionierten und den Segen der orthodoxen Kirchen in der Türkei, dann Griechenlands erhielten. Die neue Staatskirche ist vornehmlich im Westen der Ukraine verbreitet.

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Und möchte sich natürlich in den Osten ausbreiten. Auf bekannte, tradierte Weise. So beklagte denn der Hochkommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte (UNCHR) bereits im Februar 2019, dass „nach der Gründung der neuen Kirche“ eine Reihe von Glaubensgemeinschaften sich ihr angeschlossen hätten, „dass dieser Übergang in einigen Fällen (aber) nicht freiwillig war und von Regierungsbehörden, lokalen Behörden oder sogar von Vertretern rechtsextremer Gruppen initiiert wurde, die nicht Mitglieder dieser Religionsgemeinschaften waren“.

Es heißt, dass bis Ende Oktober 2019 etwa neunzig Gemeinden mehr oder minder „freiwillig“ in die neue Staatskirche überführt worden seien. Und deren Gotteshäuser und anderes Kircheneigentum gleich mit.

Wie die Überzeugungsarbeit etwa im Dorf Postoynoe im Gebiet Rovno aussah, berichtete der Priester Alexander Malchuk. Die Gemeinde bekam Besuch von den Werbern, die Argumente waren handgreiflich. Einer Frau wurde die Nase gebrochen, eine andere erlitt eine Gehirnerschütterung, ein Dritter erhielt einen Schlag in die Magengrube. Im Mai 2019 wurde der Vater von Viktoria Danilyuk, Pfarrerin im Dorf Mnishin in der Region Rive nordöstlich von Lviv (Lemberg), zusammengeschlagen. Ihm wurde von den „Missionaren“ der Kiefer gebrochen, er verlor zwei Zähne und musste drei Wochen im Krankenhaus bleiben.

Obgleich diese und andere Übergriffe von Gemeindemitgliedern mit Smartphones gefilmt und als Beweise der Polizei vorgelegt wurden, weigerte sich diese in den meisten Fällen, Strafverfahren einzuleiten. Der Glaubenskampf sei ja keiner.

Die Gläubigen werten den ihnen verordneten Übertritt zur neuen Staatskirche als ungesetzlich. Sie fühlen sich entrechtet und gedemütigt und ihres kirchlichen Eigentums beraubt. Und jenen, die nicht diesen Schritt vollzogen, wurden unwürdige Räume zugewiesen, wo sie ihren Gottesdienst künftig abhalten sollten.

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Die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche appelliert seither an die internationale Gemeinschaft, der Verfolgung ihrer Gläubigen nicht tatenlos zuzuschauen. Als Abt Gedeon, Bischof der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche (Moskauer Patriarchat) im Februar 2019 von einer USA-Reise zurückkehrte, wurde er in Kiew festgenommen und ihm die Staatsbürgerschaft entzogen. Dann schob man ihn ab. Bischof Gedeon hatte in den USA mit Kongressmitgliedern und Außenminister Pompeo über die Diskriminierung seiner Kirche und die Verletzung der Rechte und Freiheiten von Gläubigen gesprochen und um Unterstützung gebeten.

In einer Videobotschaft an die UNO, OSZE und EU kritisierte auch Bischof Viktor (Kozaba), Leiter der Vertretung der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche bei den europäischen internationalen Organisationen, die Zustände in der Ukraine. Die orthodoxen Gläubigen seien „Geiseln in einem politischen Spiel der Anführer des Landes“.

Tja, wer zur christlich-abendländischen Wertegemeinschaft gehört, bestimmt nicht die Religion, sondern noch immer die Politik.

Waldemar Berg wurde in der Westukraine, in Lvov, geboren. Der Schriftsteller lebt seit über 20 Jahren in Deutschland.

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