Österreich: Das “Problem” mit dem Arbeitsmarkt

Der Arbeitsmarkt krankt schon seit längerer Zeit gewaltig. Während die Zahl der Arbeitslosen stetig wächst und viele Menschen in diversen Kursen und anderen Maßnahmen "verschwinden", gibt es immer weniger offene Stellen. Vielleicht wäre es an der Zeit, das "System Arbeitsmarkt" einmal grundsätzlich zu überdenken.

Von Marcello Dallapiccola

Ein Beispiel von vielen

Vor wenigen Tagen erschütterte wieder einmal eine Horrormeldung die heimische Wirtschaft und Politik: Der Wäschehersteller „Triumph“ schließt mit Ende Juli sein Werk im burgenländischen Oberwart. Man wundert sich wie so etwas passieren kann, nachdem doch Ex-Vizekanzler Spindelegger erst vor zwei Jahren mehrfach in aller Öffentlichkeit von einer "entfesselten Wirtschaft" delirierte… Jedenfalls sind 210 Arbeitnehmer von dieser bevorstehenden Schließung betroffen – vorwiegend weibliche, meist nur „gering qualifizierte“, wie's im Wirtschafts-Sprech so unschön heißt, und mit einem Durchschnittsalter von 47 Jahren.

Erschwerend kommt noch hinzu, dass die Gegend um Oberwart als "strukturschwache Region" gilt, soll heißen: Es gibt dort nicht viele Möglichkeiten für die Betroffenen, schnell wieder eine Arbeitsstelle zu finden. Wie immer in so einem Fall laufen sofort die verschiedensten "Sozialpläne" an, das Land (Burgenland) stellt 200.000 Euro für eine Arbeitsstiftung bereit. Eine Arbeitsstiftung – das bedeutet, dass die ehemaligen Triumph-Angestellten mehr oder weniger "in einem Aufwasch" direkt in eine AMS-Maßnahme übernommen werden. Wer will, kann sich dort zur Pflegehelferin umschulen lassen, eine andere Möglichkeit wäre eine Qualifizierung in Richtung Tourismus.

Die nackten Zahlen

Fraglich bleibt jedoch trotzdem, ob alle von dieser Schließung betroffenen Mitarbeiter wieder einen Arbeitsplatz finden. Denn wenn man sich die Statistiken ansieht, sprechen diese eine deutliche Sprache: Je nach Lesart und Kalenderjahr stehen da etwa 65.000 offene Stellen mehr als 400.000 „Nicht-Erwerbspersonen“ gegenüber; wobei auf Seite der Arbeitslosen die zigtausend, die sich in "Maßnahmen" wie Kursen, Arbeitstrainings oder Institutionen des sogenannten "Zweiten Arbeitsmarktes" befinden, aus Gründen der Optik gar nicht erst mit eingerechnet werden.

Auch wenn man also alle offen gemeldeten Stellen in Österreich besetzen könnte, blieben immer noch mehr als 300.000 Menschen "übrig", für die es keine Anstellung gibt – bei diesen Zahlen beschleicht einen das Gefühl, dass es hier um ein größeres, ein strukturelles Problem zu handeln scheint. Ein Gefühl, dass sich augenblicklich verstärkt, sobald man seinen Blick über die Grenzen schweifen lässt: Deutschland rühmt sich zwar als Wirtschaftsmotor und ist auch das einzige Land in der EU, das sich mit Österreich regelmäßig ein Match um die niedrigste Arbeitslosenquote liefert – die niedrige Quote Deutschlands kommt jedoch einzig durch jene Hunderttausende zustande, die sich mit Ein-Euro-Jobs und ähnlichen prekären Arbeitsverhältnissen mühsam über Wasser halten. Schon etwas weiter westlich, in Frankreich, sieht die Sache bereits wesentlich düsterer aus und wenn man dann erst in den Süden Europas blickt, gerät man nur zu schnell in Versuchung, alle Hoffnung fahren zu lassen.

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Lösungen in Sicht?

Doch wie reagiert die Politik darauf? Immer wieder hören wir den Sermon vom Wachstum, das beschworen wird. Wachstum, welches Jobs und Wohlstand schaffen soll damit wir alle mehr Geld haben – um noch mehr Wachstum zu generieren. Gleichzeitig wird das Pensionsantrittsalter immer weiter hinaufgesetzt, Urlaub wird beschnitten und Überstunden werden so viele wie noch nie zuvor geleistet – natürlich oft unbezahlt. Politiker verweisen auf die Krise, der es endlich Herr zu werden gilt sowie auf das Pensionssystem, das auf immer wackeligeren Beinen steht und fordern von den Bürgern, den Gürtel enger zu schnallen und sich ins Zeug zu legen.

Ein vernünftiges Modell zur Besteuerung der reichsten 10 Prozent der Gesellschaft bringt die Politik zwar nicht zustande, hingegen mangelt es ihr nicht an Einfallsreichtum wenn es darum geht, ein erniedrigendes System der permanenten Gängelung für Menschen ohne Arbeitsplatz zu schaffen und am Laufen zu halten. Da werden Milliarden verpulvert, um Langzeitarbeitslosen mittels Ausdruckstanz neue Facetten ihrer Persönlichkeit zu erschließen und so neue Perspektiven zu eröffnen, da wird mit viel Steuergeld ein gewaltiger Apparat am Leben erhalten, der seinen eigentlichen Zweck – Arbeitslose zu vermitteln – selbst bei idealen Bedingungen einfach nicht erfüllen kann. Eben weil es nicht genug Arbeit gibt.

Doch sollte man es wirklich als ein Problem betrachten, dass immer mehr Tätigkeiten von Maschinen und Computern übernommen werden? War es nicht noch vor wenigen Jahrzehnten das erklärte Ziel vieler Utopisten, dass wir eines Tages eine Technik haben werden, die uns einen Großteil unserer Arbeit abnimmt? Und könnte man nicht die Arbeit, die nicht von Maschinen erledigt werden kann, gerechter verteilen so dass mehr Menschen eine Anstellung haben, aber jeder einzelne weniger arbeiten muss?
Wäre es nicht die ureigenste Aufgabe der Politik – und zwar nicht nur der österreichischen – sich endlich ernsthaft mit diesem Thema zu befassen?

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