So unterschiedlich die strategische Ausrichtung der USA, Saudi Arabiens und des Iran auch sind, was die Dschihadisten vom IS im Irak angeht, so bilden die drei Länder in gewißer Weise eine unfreiwillige Schicksalsgemeinschaft. Der russische Orientalist Georgi Mirski über den „Islamischen Staat“ (IS): „Der Anführer Abu Bakr al-Baghdadi hält einen Sturz des syrischen Präsidenten Baschar Assad offenbar für kein vorrangiges Ziel mehr. Seine Kämpfer konzentrieren sich eben auf die Gründung eines islamischen Staates. In Syrien kontrollieren sie bereits genug Gebiete. Nun nehmen sie den Irak ins Visier.“

Von Florian Stumfall

Der bisherige Erfolg des Dschihadisten-Blitzkrieges sei unter anderem darauf zurückzuführen, dass die irakischen Sunniten über die Politik der Regierung in Bagdad empört seien. Der schiitische Regierungschef Nuri al-Maliki halte die Sunniten von allen wichtigen Ämtern im Staat fern. Auch die Annäherung mit dem schiitischen Iran schüre den Zorn der Sunniten, so Mirski. „Weder der Iran noch die USA wollen eine Konsolidierung des sunnitischen ‚Islamischen Staates‘ in Syrien und im Irak zulassen. Aus iranischer Sicht wäre das eine Niederlage der erst kürzlich erwachten arabischen Schiiten-Gemeinschaft. Und für die Amerikaner wäre das ein postmortaler Triumph von Osama bin Laden. Was aber noch wichtiger ist: Washington muss die Interessen seines wichtigsten Nahost-Verbündeten Saudi-Arabien wahrnehmen.“

Die Saudi hätten Sorge, so Mirski weiter, dass die IS-Gruppe eine Allianz mit der „Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel“ (AQAP) eingehen könnte, die seit Jahren gegen die saudische Dynastie kämpfe. Bin Laden habe die Monarchie in Riad einst als verräterisch gebrandmarkt und ihren Sturz angestrebt. Auch die im Jemen agierende AQAP halte daran fest. Komme ein Dschihadisten-Staat zustande, werde er ein Erzfeind von Saudi-Arabien sein. Das saudische Königreich befinde sich also zwischen zwei Fronten. Sein wichtigster Erzfeind sei der schiitische Iran. Aber auch die sunnitischen Radikalen seien nicht weniger gefährlich, denn sie wollten den Sturz der Monarchie.

„Mit all diesen Nuancen“ fährt Mirski fort, „hängt auch die undeutliche Position der Vereinigten Staaten zusammen. Die USA müssen das von ihnen geschaffene irakische Regime retten – selbst wenn dieses Regime ihre Erwartungen nicht erfüllt und sich nicht als proamerikanisch entpuppt hat, sondern eher als proiranisch. Doch eine Rückendeckung für die Schiiten im Irak kann eine Welle antiamerikanischer Stimmungen unter arabischen Sunniten auslösen – selbst in den Reihen der ‚gemäßigten‘ syrischen Opposition, die vorwiegend sunnitisch ist.“

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