Der Westen, die Werte und der mittlere Osten

Eigentlich ist es interessant: während man sich über die Enthauptungsvideos der Jihadisten des "Islamischen Staats" medial und politisch echauffiert, rollen auf der anderen Seite der Grenze ständig irgendwelche Köpfe – und niemanden scheint das so wirklich zu interessieren. Am heutigen "Welttag gegen die Todesstrafe" ein durchaus interessantes Thema.

Von Marco Maier

Wer hat sie nicht miterlebt: die im Internet kursierenden Bilder und Videos von geköpften Menschen, die auf das Konto des "Islamischen Staates" gehen sollen. Blutig, barbarisch und brutal, so der einhellige Tenor von Politik und Medien. Und ja, auf uns Europäer, die wir schon (mehr oder weniger) seit Jahrzehnten auf die staatlich ausgeübte Todesstrafe verzichten, wirkt diese Form der Tötung abstoßend. Gut, hierzulande setzte man auch mehr auf den Tod durch den Strick oder die Kugel. Das verursachte aber auch weniger "Sauerei".

In den arabischen Staaten hingegen gehört der Tod durch das Schwert zur allgemeinen Bestrafungskultur, wenngleich der Vollzug der Todesstrafe aufgrund kultureller Unterschiede auch regional anders gehandhabt wird. In Saudi-Arabien, welches von der sunnitischen Strömung der Wahhabiten dominiert wird, geht man zum Beispiel sehr rigoros mit angeblichen und tatsächlichen Verbrechern um. Für Delikte wie Mord, Vergewaltigung, bewaffneter Raubüberfall, Hochverrat, Drogenhandel, Ehebruch, Entführung, Gotteslästerung und Hexerei wird dort die Todesstrafe verhängt. Gängig sind hierbei neben der Enthauptung auch die Steinigung und der Tod durch Erschießung.

Allein seit August haben die Saudis nun schon mehr als 40 Mal das Krummschwert flitzen, und den Betroffenen das Haupt abschneiden lassen. Da das traditionalistisch-puritanische Saudi-Arabien weder ein Strafgesetzbuch noch eine Strafprozessordnung kennt, sondern sich auf das islamische Recht der Scharia beruft, sind die Delinquenten der polizeilichen Willkür völlig wehrlos ausgesetzt. Und dennoch hat man weder hier in Europa, noch in den USA ein Problem mit der saudischen Führung. Petrodollars stinken halt nicht.

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Auf jeden Fall ist es mehr als fragwürdig, dass der Westen einerseits totalitäre islamische Monarchien wie jene in Saudi-Arabien oder Katar toleriert, sowie diese gar mit Waffenlieferungen und engen wirtschaftlichen Beziehungen unterstützt, gleichzeitig jedoch einen scharfen Kurs gegen andere Länder in der Region fährt, die teilweise sogar deutlich pluralistischer sind. Ganz davon zu schweigen, dass nicht unerhebliche Finanzmittel aus den vom Westen hofierten arabischen Ländern zu extremistischen Organisationen wie der al-Quaida und dem Islamischen Staat fließen.

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Sicher, insbesondere die USA haben infolge ihrer Geheimdienstaktivitäten einen maßgeblichen Anteil an der Gründung dieser extremistischen Organisationen – doch rechtfertigt dies wirklich die aktuelle außenpolitische Linie Europas? Wie können Politik und Medien einerseits die IS-Milizen derart massiv kritisieren, die Beziehungen zu den Financiers in den arabischen Staaten jedoch weitestgehend ausklammern?

So grausam die Enthauptungsvideos der IS-Extremisten auch sind – wir dürfen hier nicht mit zweierlei Maß messen. Denn eigentlich müssten wir die Saudis, Katarer und die anderen Regime in der Gegend entweder deutlich härter behandeln, oder aber unsere politische und mediale Einstellung gegenüber den angeblichen "Schurkenstaaten" wie Syrien oder den Iran deutlich ändern. Denn im Gegensatz zu Ersteren finanzieren Letztere keine internationale terroristische Organisationen und insbesondere Assads Syrien galt nicht grundlos als religiös äußerst tolerant. Etwas, das man von Saudi-Arabien absolut nicht behaupten kann.

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Ein Kommentar

  1. Ich denke, der Westen ist krank! Was denkendie Arabischen Staaten, vor allem die angeblichen Partner, über den Westen? Jeder weißt doch was abgespielt wird!.

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