Fraport-Montagsdemo. Bild: Youtube

Frankfurt: Der Landraub aus der Luft (Teil 1)

Der Frankfurter Flughafen Fraport steht nach wie vor im Zentrum von Diskussionen. Vor allem jedoch scheint es hier zu einer Propagandaschlacht zu kommen, in der die Befürworter alle erdenklichen Mittel einsetzen. Bestehende Gefahren für die Frankfurter Bevölkerung werden dabei völlig negiert.

Von Claus Folger

Vorwort: Flugzeuge fliegen in einer Höhe von 250 Metern über Wohnungen, Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser und Altenheime, reißen Dachziegel herunter und gefährden Menschenleben. Zuletzt passierte dies einem in der neuen Einflugschneise des Frankfurter Flughafens lebenden Familienvater aus Raunheim: Er wollte gerade in sein Auto steigen, da zertrümmerte ein von einer Wirbelschleppe eines vorbeifliegenden Flugzeugs heruntergerissener Ziegelstein die Windschutzscheibe seines Autos. Er erstattete Anzeige wegen versuchten Totschlags, bekam jedoch von der Polizei zu hören, dass dies nicht möglich sei. Schließlich habe die Fraport AG eine gültige Betriebserlaubnis für den Flughafen. Ein Vorsatz sei somit nicht erkennbar.

Das hessische Verkehrsministerium und die Verwaltungsgerichte hatten zuvor in dem Planfeststellungsbeschluss zum Ausbau des Frankfurter Flughafens ein Wirbelschleppenrisiko kategorisch ausgeschlossen. Grundlage für diese Entscheidung war ein Gutachten der Fraport AG.

Willkommen im Zeitalter des Manchester-Kapitalismus, als Chemieunternehmen in Frankfurt/Höchst ihre Abwässer noch ungefiltert in den Main leiten durften. Die Neuauflage dieser dunkel-habgierigen Welt sieht offensichtlich nicht die Möglichkeit vor, die Betriebserlaubnis für eine Anflugroute zu entziehen, die nachweislich Menschenleben gefährdet. Solange es Arbeitsplätze vom Himmel zu regnen verspricht, dürfen die Gesichter von Fluglärmopfern ruhig auch pechschwarz sein.

Blinde Wachstumsideologen ignorieren die Tatsache, dass bereits mehrere Menschen unter dem Dauerlärm der neuen Nordwest-Landebahn (seit 2011) gestorben sind. Siehe dazu auch ein Politropolis-Artikel.

Die Frage, ob der Frankfurter Flughafen tatsächlich eine Jobmaschine ist, hat nach dem oben Gesagten keine Relevanz. Ethisches Handeln geht weder für wenig mehr noch für viel mehr Arbeitsplätze über Leichen! Sie wird aber trotzdem gestellt, um die Annahme wahrscheinlich zu machen, dass der Machtkomplex aus Politik, Industrie, Justiz nur ein Ziel hat, nämlich das Geschäftsmodell eines lobbystarken Großkonzerns auf Kosten der Gesundheit und des Lebens der Bewohner der Rhein-Main-Region durchzudrücken.

„Liebe Frankfurterinnen und Frankfurter, der „Grüngürtel“ umschließt unsere Stadt mit seinen vielen Rad- und Wanderwegen, den Flüssen und Bächen, Wäldern und Wiesen (…)“ Wörtliches Zitat von Frankfurts ehemaliger Oberbürgermeisterin, Petra Roth, aus dem Februar 2012, 3 Monate nach Eröffnung der Nordwest-Landebahn, die den Freizeitwert des Frankfurter Stadtwalds ruiniert.

Prolog

Fraport ist in der Frankfurter Gesellschaft unantastbar. Die Bekenntnisse sind aufrichtig – die IHK: „FRA ist der einzige relevante deutsche Verkehrsflughafen mit interkontinentaler Funktion (Drehkreuz)“ – und voller Wundergläubigkeit. Ihr Präsident Mathias Müller: „Ich bin gegen die Beschränkung der Flugbewegungen nach oben, da der Flughafen die ganz entscheidende Stellschraube für die wirtschaftliche Prosperität dieser Region ist.“

Die Frankfurter Größen aus Wirtschaft, Politik, Sport, Kultur und hessischer Geschichtswissenschaft stehen tief loyal zu Fraport. Fänden Fraport-Archäologen heraus, dass es schon vor 2000 Jahren in Frankfurt einen Flugplatz gegeben hat, die meisten würden es glauben.

Ein typischer Frankfurter ist Heribert Bruchhagen, Vorstandsvorsitzender von Eintracht Frankfurt. Zur Zeit als Fraport noch Hauptsponsor von Eintracht Frankfurt war, heißt es in einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung: „Über Heribert Bruchhagen dröhnen die Flieger im Minutentakt, so tief, dass man ihre Räder zählen kann. Er steht vor der Frankfurter Fußballarena und der Lärm juckt ihn nicht, er fliegt ja selbst fast jede Woche.“ Weiter unten dann: „Seit elf Jahren lebt Bruchhagen jetzt in Sachsenhausen direkt am Main, wo er abends noch am Ufer joggt mit Blick auf die Skyline, wo er nachts um drei noch auf joggende Banker trifft und die ‚unheimlich friedfertige Atmosphäre‘ genießt.“

Zuerst die unbedingte Bündnistreue zu Fraport, dann der Respekt für seine Mitmenschen. Solange der gemeine Frankfurter Mensch seine Fraport-Sponsorengelder/Gewerbesteuereinnahmen kassiert, juckt es ihn nicht, unter welchen Umständen seine Mitmenschen in den Einflugschneisen leben müssen; in Sachsenhausen am Stadtwald – dort, wo die Fußballarena steht – ,in Offenbach, Mainz, Flörsheim, Gelnhausen und weit darüber hinaus. Solange der gemeine Frankfurter Mensch auch mal fliegen darf und sich darüber freut wie ein Hund, dem man ein Stück Fleischwurst hinschmeißt, juckt es ihn nicht, dass Fraport-Diebe die Häuser ausrauben; in Sachsenhausen am Stadtwald – dort, wo die Fußballarena steht – ,in Offenbach, Aschaffenburg, Bad Kreuznach, im Rheingau und weit darüber hinaus.

Eine ganze Stadt wird geopfert

Die neue Nordwest-Landebahn am Frankfurter Flughafen ist raumunverträglich! In einem mit der Rhein-Main-Region vergleichbaren Stadtgebiet wie London oder Berlin läge der Flughafen mitten in der Stadt. Nach einer Analyse des Deutschen Fluglärmdienstes vergrößert die neue Landebahn das verlärmte Gebiet netto um ca. 1000 km². Sie weitet die Fläche des Siedlungsbeschränkungsgebiets von 270 km² auf 430 km² aus. Offenbach ist eine Großstadt mit 120.000 Einwohnern und besteht zu ca. 75 % ihrer Fläche aus Siedlungsbeschränkungsgebiet. Offenbach kann dort keine Kindergärten, Schulen und Krankenhäuser bauen und Wohnungen nur noch mit Ausnahmegenehmigung. Ca. 75% des Siedlungsgebiets einer Großstadt mit 120.000 Einwohnern ist am Tag einem Dauerschallpegel von mindestens 55 dB ausgesetzt.

Flugzeuge, die auf dem zentralen Marktplatz einer Großstadt zu landen scheinen. In welchem zivilisierten Staat gibt es das?
Bei den Planungen zum Ausbau des Frankfurter Flughafens spielten die Gesundheit und das Seelenheil von Hunderttausenden, die jetzt mit Lärmterror überzogen werden, allerdings keine Rolle. Genauso wurde die Idee vernachlässigt, dass sich Städte und Gemeinden durch den Bau von Wohnungen, Krankenhäusern, Schulen und Kindergärten entwickeln können. Es ging stattdessen um harte Faktoren wie strukturpolitische Effekte und Arbeitsplätze. Die sogenannten harten Faktoren werden im Folgenden untersucht.

Was wäre Frankfurt ohne den Flughafen

Die Statistischen Landesämter/Bundesämter führen Beschäftigungsstatistiken, deren Zeitreihen bis in das Jahr 1975 zurückreichen. Vom 30.6.1975 bis zum 30.6.2013 stieg in Frankfurt der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um 12%. In Hessen im gleichen Zeitraum um 23% und in Westdeutschland um 14%. Die Weltflughafenstadt Frankfurt ist – trotz Startbahn West und Nordwest Landebahn – in puncto Beschäftigungsdynamik nur graues Mittelmaß!
1. Frankfurt hatte längst seinen Status als Wirtschaftsmetropole erreicht, bevor der Flughafen über alle Maßen ausgebaut wurde.
2. Hermann Simon, Autor des Buchs „Hidden Champions – Aufbruch nach Globalia“, sagte 2012: „In den meisten Ländern dieser Welt ist die Intelligenz an einem Ort, in der Regel in der Hauptstadt, konzentriert. Wenige Länder sind so dezentral strukturiert wie Deutschland. Selbst auf dem Lande findet man bei uns überall Weltklasseunternehmen. Ich halte diese regionale Streuung für einen enormen Vorteil. Selbst in den neuen Bundesländern sind mittlerweile 45 Hidden Champions entstanden.“

Die Zahlenmagie der Luftverkehrsbranche

BARIG, ein Luftverkehrsverband, der die meisten nationalen wie auch internationalen Passagier- und Frachtfluggesellschaften vertritt, die in Deutschland geschäftlich tätig sind, befragte 2013 seine 99 Mitgliedsairlines – darunter vier der fünf größten – und ermittelte für sie 105.800 direkt Beschäftigte. Der Bundesverband der Deutschen Fluggesellschaften BDF befragte 2012 und 2013 seine 6 Mitgliedsairlines – darunter vier der fünf größten – und ermittelte für sie 135.000 direkt Beschäftigte. Mengenlehre ist manchmal schwierig. Anständig zu zählen ist die nächste große Herausforderung.

Das Statistische Bundesamt, das seine Erhebungen in der gewerblichen Luftfahrt als Vollerhebung durchführt, zählt in diesem Sektor aktuell ca. 66.000 Beschäftigte. Andrea Hütter, zuständig für Unternehmen im Luftverkehr, erklärt in einer Antwort-E-Mail, wie das Bundesamt die Statistik definiert: „In die Erhebung werden Unternehmen, die entsprechende Verkehre betreiben, in die Statistik einbezogen, auch wenn sie den jeweiligen Verkehr nicht als Haupttätigkeit betreiben. Der Statistik liegt somit eine funktionale Betrachtung zugrunde. Die Untergliederung des Personalbestands erfolgt nach fliegendem Personal und Bodenpersonal. Zum Bodenpersonal bzw. sonstigem Luftpersonal gehören z. B. diejenigen Beschäftigten, die für Wartungs- und Überholarbeiten an Luftfahrzeugen sowie in der Verwaltung und in der Passagier und Frachtabfertigung für Zwecke der Luftfahrt eingesetzt sind. Es werden nur die Personen eingerechnet, die im Luftverkehr ihre Haupttätigkeit haben.“

image_pdfimage_print

4 Kommentare

  1. Wenn der Fraport eine wirklich private Firma wäre, also ohne Stadt, ohne Landes, ohne Regierungsbeteiligung: ja dann würde diese Firme täglich mit Prozessen wegen Verrstosses gegen TH-Luft, Lärm, Emission, Gerwerecht, usw usw verklagt.

    Nur weil Frankfurt, hessen und die BRD am Fraport beteiligt sind( massgeblich, mehrheitlich) wird alles toleriert und auf den Kopf gestellt. 

    Die Sache Fraport ist der klassische Fall von regierungsamtlicher Omnipotenz und vor-demokratischer Korruption. Normalerweise hätte der Fraport KEINE GEWERBE_GENEHMIGUNG!

  2. Ein wenig spät, sich über Umweltverträglichkeiten der “neuen” Landebahn Gedanken zu machen. Es gab doch eine Planungsperiode.

    Hätte man nur auf die Grünen gehört, dann wäre das nie passiert. Na ein paar der Grünen, meine ich. Die wollten Flughafen BER doch allen Ernstes unter die Erde verlegen. Also Start- und Landebahnen inbegriffen, unterirdisch.

    Den Grünen nimmt man’s ja nicht übel, weil man weiß, dass die nicht meh alle Tassen im Kopf haben. Schlimm aber, wenn sich solche Soziopathen dann doch durchsetzen, was ja bei Linksgrün gang und gäbe ist. Die nerven so lange, bis alle nachgeben. Frankfurt Landebahn West unter der Erde, und jeder hätte Ruhe. Vor allem vor Flugzeugen 😉

  3. Im Artikel las ich das Schlagwort JOBMASCHINE. Das ist für mich eine DROHUNG.

    Wenn der Flughafen wirklich sowas ist, dann muss er sofort verkleinert werden.

    Die einen propagieren die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Im selben Moment jammern die anderen, dass Deutschland angeblich zuwenig Arbeitskräfte hat und deswegen händeringend um Zuwanderung bemüht sein muss.

    Ja, was denn nun?

    Tatsächlich wird hier nur ein nie endender Teufelskreis kreiert zur weiteren Bereicherung der bereits Besitzenden.

     

     

     

Leave a Reply

Your email address will not be published.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>