Polen schaut den russischen Gaslieferungen nach Westeuropa schon seit längerem mit Misstrauen zu. Vor allem der Bau der Ostsee-Pipeline hat lauten Protest aus Warschau hervorgerufen. Jetzt scheint dem polnischen Premier Donald Tusk die Gelegenheit günstig, ein neues europäisches Energie-Regime zu fordern, das natürlich zu Lasten Russlands arbeiten sollte.
Von Florian Stumfall
In einem Beitrag in der „Financial Times“ regte Tusk an, eine „EU-Energieunion“ zu errichten, schreibt die russische Zeitung „Wedomosti“. Kernpunkt des polnischen Vorstoßes ist – neben einer einschlägigen EU-Bürokratie – die Suche nach neuen Partnern bei der Gas-Versorgung. Das heißt im Klartext: Weg von Russland, hin zu den USA und Australien.
Der Hintergrund für die polnische Demarche ist für Warschau von unerfreulicher Art. Man hatte große Hoffnungen in die Förderung von eigenem Schiefergas gesetzt, das umstrittene Fracking. Nun stellt sich aber heraus, dass die polnischen Vorräte an Gas um eine Zehner-Potenz überschätzt worden waren. Internationale Konzerne weigern sich, die polnischen Vorkommen weiterhin zu erschließen. Total hat die Lizenz nicht verlängert, ebensowenig Marathon Oil und Exxon Mobil.
Das ist in kurzer Zeit ein weiterer Rückschlag für die EU und vor allem Polen, die Abhängigkeit von russischem Gas zu mindern. Erst vor einem Dreivierteljahr scheiterte das Projekt „Nabucco“, in dessen Rahmen Gas aus Aserbaidschan nach Mitteleuropa geliefert werden sollte. Doch das Konsortium in Baku verweigerte „Nabucco“ den Zuschlag. Noch vor einigen Jahren hatte das „Nabucco“-Projekt als Alternative zum russischen Gas gegolten.
Davon abgesehen hat sich nicht nur in den USA, wo große Ölfirmen bereits wieder aussteigen, herausgestellt, dass Schiefergas zu teuer ist. Gazprom-Vizechef Alexander Medwedjew schreibt in der polnischen Zeitung „Gazeta Wyborcza“: „Die Gasgewinnung aus Schiefer ist viel teurer als aus den traditionellen Quellen. Selbst in den Vereinigten Staaten, dem einzigen Land, das Schiefergas industriemäßig produziert, gibt es immer noch kein effizientes Marktmodell: Die Gewinnung des Schiefergases in den USA ist dreimal teurer als der Verkaufspreis!" Es sei paradox, aber die Unabhängigkeit von Gazprom bedeute die Produktion oder den Import von teurerem Gas aus anderen Quellen und das auf Kosten der einfachen Verbraucher. Die ‚Abhängigkeit vom russischen Gas’ hingegen bedeutet für Polen billigere Rohstoffbeschaffung zu besseren Marktbedingungen.
Die Gaspreise in Europa würden mindestens um 50 Prozent steigen, wenn die EU beschließen sollte, auf die Lieferungen aus Russland zu verzichten, erklärte der russische Energieminister Alexander Nowak im TV-Sender Rossija 24. „Der Verzicht auf die Erdgaslieferungen durch Pipelines, der Bau der Regasifizierungs-Terminale und die Lieferungen von verflüssigtem Erdgas werden zu einer Erhöhung der Gaspreise in Europa von den heutigen 380 Dollar pro 1000 Kubikmeter auf mindestens 550 Dollar führen. Es entsteht die Frage, ob die Wirtschaft der europäischen Länder bereit ist, Gas zu einem solchen Preis zu verbrauchen“, so Nowak. Und wie nebenbei fügte er hinzu, dass große europäische Energieunternehmen Sanktionen gegen Russland kategorisch ablehnten.
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