Griechenland-Krise: Frankreich und IWF vollziehen Kurswechsel

Die bislang recht einige Gläubigerfront beginnt zu bröckeln. Nachdem IWF-Chefin Lagarde eine Umschuldung ins Spiel brachte, kann sich Frankreichs Premierminister Valls gar einen Schuldenschnitt vorstellen.

Von Marco Maier

Dass Griechenland völlig überschuldet ist, weiß jeder. Dass eine weiterhin harte Haltung der Gläubiger zu einem Staatsbankrott und damit einem Totalverlust führt, eigentlich auch. Auch wenn es die Populisten in Berlin, Wien, Brüssel und so weiter nicht wahrhaben wollen: Ein Grexit käme wohl deutlich teurer als ein Schuldenschnitt und Wachstumsimpulse.

Zumindest IWF-Chefin Christine Lagarde, die trotz gegenteiliger Erkenntnisse der IWF-Ökonomen bislang eine harte Linie fuhr, zeigte erst gestern Einsicht. Kurz darauf folgte der französische Premierminister, Manuel Valls. "Frankreich ist überzeugt davon, dass wir einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone nicht riskieren dürfen", so der französische Regierungschef. Er verlangte weiters, dass es bei den Debatten bis zum sonntäglichen Ultimatum "kein Tabuthema" geben dürfe.

Valls sprach hierbei vom "rééchelonnement" der Schulden. Gemeinhin wird darunter eine Umschuldung oder eine Verlängerung der Rückzahlungsdauer verstanden. Die deutschen Medien (bis auf Telepolis) verwendeten hierbei ersteren Begriff. Doch im gesamten Kontext seiner Rede, in der er auch von einer "Überarbeitung" oder "Reprofilierung" der Schulden sprach, darf davon ausgegangen werden, dass der französische Regierungschef unter Umständen auch einem Schuldenschnitt zustimmen würde.

Langsam dämmert es nämlich auch einigen Politikern (zumindest jenen der linken Parteien, jene der konservativen und liberalen Parteien weigern sich aus ideologischen Gründen dies anzuerkennen), dass die bisherige Austeritätspolitik mehr Schaden als Nutzen verursacht hat. Tsipras kann zwar versuchen, den Forderungen der Troika nachzugeben, doch spätestens bei den nächsten Wahlen wird er dafür von den Wählern abgestraft, weil sich die wirtschaftliche und finanzielle Lage weiterhin dramatisch verschlechtern wird. Denn der Schuldenberg ist und bleibt völlig untragbar, sofern man nicht auf eine Nullzins-Strategie verfällt.

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Selbst der von diversen Rechtspolitikern immer wieder angesprochene Grexit – also den Austritt Griechenlands aus der Eurozone – würde keine Besserung bringen. Denn die Schulden des Landes laufen weiterhin in Euro. Wertet die Drachme dann zum Beispiel von 1:1 auf 1:2 ab, müssten die Griechen dann eben doppelt so viele Drachmen aufwenden, um die Schulden zu bezahlen. Für sie wäre es also "gehüpft wie gesprungen". Und für die Gläubiger würde dies bedeuten, dass sie ihr Geld trotzdem nicht mehr zurückbekommen. Aber von Populisten, die sich mit Stammtischparolen begnügen, ist kein volkswirtschaftliches Verständnis zu erwarten.

Auf jeden Fall zeigt sich mit den Äußerungen von Lagarde und Valls eine kleine Bewegung bei den Verhandlungspartnern, die vielleicht wieder etwas Vernunft in die politische Debatte bringen kann. Denn dass Griechenland zu einem "Fass ohne Boden" wurde, liegt nicht an den Griechen allein, sondern vor allem an den gierigen Bankern, Versicherungsinvestoren und Fondsmanagern, die zwar ordentlich Rendite einstreichen wollten, jedoch das Risiko auf die Steuerzahler abwälzten – weil sie wussten, dass die EU-Politiker die Griechen freikaufen würden. Die einfache Regel, dass der Gläubiger auch mit der Zahlungsunfähigkeit des Schuldners rechnen und die Konsequenzen tragen muss, haben dann unsere Politiker verbockt.

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5 Kommentare

  1. Abwarten.

    Ich bin der festen Überzeugung, dass das griechische "Angebot", welches zusammen mit der Zustimmung des eigenen Parlamentes eine geniale, taktische Finte ist, die von den Hitzköpfen der EZB/IWF/EU abgelehnt werden wird.

    Dann hätten die Griechen wirklich auf allen Linien gewonnen.

    1. Schuldenschnitt

    2. Monatelang Milliarden ELA Kredite abgezogen

    3. Parallelwährung Drachme und weiter Mitglied in der Eurozone

    4. Weiter EU-Unterstützung

    5. Eine angeschlagene Eurozone und einee angeschlagene EU

    6. Die Schuld dafür eindeutig der EU/IWF/EZB angehängt

    7. Vollstes Vertrauen in der Bevölkerung

     

     

  2. „Langsam daemmert es den….“
    Wieso dass denn? Jeder sogenannte Experte die dort Entscheidungen getroffen haben wusten und wissen ganz genau was los ist!!
    Was in Griechenland passiert ist, ist nicht zufaell8g und „holter die polter“ von jetzt auf gleich geschehen… So blind kann kein Finanzmensch sein um nicht schon vor Jahren die heutige Realitaet ( zumindest ) abschaetzen zu koennen.
    Das Schulden mit hilfe von Goldmann , glaub ich, versteckt wurden ist ein alter Hut… was die Steuerzahlmaentalitaet betrifft auch… Militaerausgaben, doppelte Olympiakosten , aufgeblaehter Staatsaparat, usw… Und dennoch wurden grosszuegige „Rettungs kredite“ gegeben. Besser waer wohl „untergangskredite“

    Und vergessen wir mal nicht die die sich dabei dumm und daemlich verdient haben und werden.. Stichwort „Privatisierung“. Nahezu alles von Wert ist doch zu dumpingpreisen Verhoekert worden.

  3. Europa hat sich erledigt ! Griechenland wird nicht das letzte Land sein das "Absolution" braucht. Die nächsten werden kommen, die auch danach verlangen. Was dem einen recht, das ist bekanntlich, dem anderen billig. Unseren Fantasten, müsste doch endlich klar werden, dass der Markt nicht "alles richten wird"-, schon deshalb nicht, weil unten gespart werden soll, damit die da oben ihr Geld behalten dürfen. Jeder weiß-, auch Schäubel, (der mit den Augenlidern Nüsse knacken will) dass dies auf Dauer nicht funktionieren kann. Aus rein idiologischen Gründen führt man trotzdem, diese Scheiß-Politik fort.

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