Wenn es um das Thema Steuern geht, scheiden sich die Geister. Nicht nur in Sachen Steuerquote und Steuersätze, sondern auch wenn es darum geht, was besteuert werden soll. Immerhin muss sich jeder Staat irgendwie finanzieren und gegebenenfalls auch etwas in Sachen sozialer Umverteilung unternehmen. Für die Einen (z.B. Libertäre) sind Steuern Raub, für die Anderen (z.B. Sozialisten) eine Notwendigkeit. Wäre es vielleicht besser, nicht mehr die Einkommen, sondern das Vermögen und den Konsum zu besteuern?
Im Mittelalter erhob der Adel kaum Steuern, sondern finanzierte sich vielmehr durch den Verkauf von bestimmten Rechten (Markt- und Stadtrecht), Handelsmonopolen (Wolle, Gewürze…), sowie dem Ertrag der eigenen Ländereien. Später folgte noch eine Grundsteuer, sowie nicht selten eine Steuer auf andere Besitzwerte wie Vieh oder gar eine Kopfsteuer. Erst mit der Entwicklung der modernen Staaten erfolgte die Etablierung jenes Steuersystems, welches heute seine Anwendung findet.
Heute versuchen die meisten europäischen Staaten insbesondere bei der Besteuerung von Einkommen ein möglichst progressives Steuersystem zu halten, um damit die sozial Schwächeren zu entlasten, während Besserverdiener prozentual eine höhere Belastung zu tragen haben. Für die unteren Einkommensschichten bringt dies einen doppelten Vorteil mit sich: Neben einer geringeren Steuerbelastung auf das Einkommen erhalten sie zudem proportional gesehen auch mehr staatliche Unterstützung. Die OECD-Grafik links zeigt den Umverteilungseffekt in ausgewählten Ländern auf, der infolge der jeweiligen Steuer- und Sozialsysteme auftritt. Der Gini-Koeffizient reicht von 0 (alle Menschen verdienen oder besitzen gleich viel) bis 1 (ein Mensch verdient oder besitzt Alles). Hierbei zeigt sich deutlich, wie effektiv die soziale Umverteilung funktioniert: So weisen beispielsweise die Schweiz und Frankreich bei den Nettoeinkommen in etwa die gleiche Einkommensverteilung auf, während sie bei den Bruttoeinkommen deutlich auseinanderklafft.
Deutschland und Österreich setzen hauptsächlich auf Einkommens- und Konsumsteuern, während der Besitz hingegen nur eine geringe Steuerlast aufweist. Kritiker von Kapitalsteuern (Geldvermögen, Immobilien…) weisen stets darauf hin, dass diese ja mit bereits versteuerten Einkommen erworben wurden. Damit haben sie nicht unrecht. Allerdings führt der Fokus auf die Besteuerung von Einkommen dazu, dass insbesondere die finanzielle Oberschicht enorme Mengen an Kapital anhäufen konnten, welches wiederum seine Rendite vom umlaufenden Geld verlangt. Erhöht man hingegen die Steuern auf das Eigentum und senkt dabei gleichzeitig die Steuern auf Einkommen, werden nicht mehr jene Menschen "bestraft" die gut verdienen, sondern jene die ihr Geld horten.
So besaßen die Deutschen im Jahr 2012 ein Gesamtvermögen von 11.347 Milliarden Euro. Davon entfielen 4.939 Milliarden Euro auf Geldvermögen (Bargeld, Einlagen, Versicherungsansprüche, Aktien…), 4.450 Milliarden Euro auf Investments, und 1.958 Milliarden Euro auf Bauland. Hätte die Bundesrepublik nun diese Vermögen mit einem Steuersatz von nur 3% pro Jahr bedacht, wären dies 340 Milliarden Euro an Steuereinnahmen gewesen. Bei einem Steueraufkommen von rund 600 Milliarden Euro sind dies etwa 57%. Die beiden Grafiken rechts oben und links verdeutlichen den Unterschied.
Bedenkt man, dass das reichste Zehntel in Deutschland 66,6% des Gesamtvermögens hält, während die untere Hälfte gerade einmal 1,4% davon besitzt, entfiele somit der Großteil der Steuerlast auf jene Menschen, die ohnehin nicht mehr wissen, was sie mit dem Geld noch anfangen sollen. Zudem würde damit die Konzentration des Vermögens auf wenige Menschen etwas eingebremst, während die Mittelschicht (40% der Bevölkerung mit 32% des Vermögens) nur eine moderate Steuerbelastung zu tragen hätte. Zwar müssten Spitzenmanager wie Ackermann oder Jain mit Einkommen von bis zu 10 Millionen Euro im Jahr keine 45% davon mehr ans Finanzamt abliefern, dafür jedoch jährlich 3% ihres Gesamtvermögens.
Wenn man bedenkt, dass die reichsten 500 Personen bzw. Familien (0,0007% der Bevölkerung) in Deutschland im Oktober 2013 auf ein Gesamtvermögen von 528,4 Milliarden Euro (ca. 4,4% des Gesamtvermögens) kamen, erscheint ein Umbau des Steuersystems durchaus sinnvoll. Von 2010 auf 2013 wuchs deren Vermögen um 16% an - das ist ein Zuwachs von 5,3% pro Jahr. Selbst mit einer dreiprozentigen Vermögenssteuer hätten sie heute zumindest nominal mehr Vermögen als noch vor drei Jahren, zumal sie ihre Einkommen in dem Fall ohnehin nicht versteuern müssten, was zumindest einen kleinen Ausgleich schaffen würde.
Ob es wirklich eine Steuergerechtigkeit gibt, wird wohl ewig eine philosophische Streitfrage und immer subjektiv bleiben. Doch wenn es um einen sozialen Ausgleich geht, dann wird es sinnvoller sein Vermögen anstatt Einkommen zu besteuern. Geld sollte schließlich fließen und nicht gehortet werden.
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Danke, interessanter Artikel, auch wenn ich bisher kein Fan von Vermögensbesteuerung bin, da sie m.E. Enteignungscharakter hat.
Eine Behauptung ist mir unklar, nämlich "zumal sie [die 500 Reichsten] ihre Einkommen in dem Fall ohnehin nicht versteuern müssten". Warum müssten die 500 reichsten Ihr Einkommen nicht versteuern bzw. in welchem Fall? Dazu konnte ich im Artikel nichts bemerken.
Nachdem nun die Besitzenden für Ihr Horten bzw. ihren Konsumverzicht durch eine Vermögenssteuer abgestraft werden sollen, müssten folgerichtig die Verschuldeten eine entsprechende Staatszulage erhalten. 3% wären nach obiger Logik wohl angemessen. Wäre das in Ihrem Sinne?
Mit freundlichen Grüßen
Guten Abend,
nun entsprechend der Steuervermeidungstaktik (Schlupflöcher, Steueroasen) und der geringeren Besteuerung von Kapitaleinkommen im Vergleich zum Erwerbseinkommen (vgl. Kapitalertragsteuer und Einkommensteuer), bunkern die Superreichen Kapital in Billionenhöhe in diverven Steueroasen.
Dieser von Ihnen markierte Satz bezieht sich auf das Kapitalsteuermodell, wonach es egal wäre, ob man jährlich 10.000 oder 10.000.000 Euro Einkommen erhält - es entfallen keine Steuern darauf an. Besteuert würde dann die Verwendung (Horten = Kapitalsteuer, Ausgeben = Konsumsteuern). Die 3% habe ich der Einfachheit halber verwendet. Denkbar wäre eine Staffelung nach Art des Vermögens, so dass beispielsweise Finanzvermögen mit 4-5% und Realvermögen (z.B. Immobilien) mit 2% besteuert werden. Sicher, dies wäre eine Substanzbesteuerung - doch diese Substanz wirft ja (normalerweise) auch eine Rendite ab.
Eine Staatszulage für Verschuldete? Eher nicht. Möglich wäre eine Gegenverrechnung von Schulden und Vermögen, so dass beispielsweise der Durchschnittsbürger mit einem Eigenheim auf Kredit kaum Steuern (lediglich bemossen aus der Differenz zwischen dem Wert und der Kreditsumme) bezahlen müsste.
Beste Grüße
Hallo Herr Maier,
ich bin genau Ihrer Meinung, bin übrigens selbst gut situiert.
Ich kämpfe - auf meine Weise - für genau dieses Modell, bei Privatpersonen Vermögen statt Einkommen zu besteuern, ein genialer Regelkreis.
Und für minimale bis keine Steuern für kleine und mittlere Unternehmen, hohe Steuern für Großunternehmen. Letztere brauchen wir nicht, es gibt alternative Organisationsformen für große Aufträge.
Grüße vom Deutschen Michel
Nun, in einem Artikel lässt sich der Grundgedanke nur anreißen. Theoretisch ließe es sich noch mit einem staatlichen Bankensystem (Verstaatlichung der Privatbanken) ergänzen, welche beim aktuellen Vermögensstand in Deutschland rund 20-25% der momentanen Ausgaben abdecken würden.
Was die Konzerne betrifft: Wenn man wieder Kapitalverkehrskontrollen einführen würde - und dies bei nicht frei konvertiblen Währungen - wären die multinationalen Konzerne ebenfalls nicht mehr in der Lage, ihre Gewinne am Fiskus vorbeizuschleusen, und müssten sie dort versteuern (und investieren) wo sie anfallen. Ich hatte dieses Prinzip in meinem Büchlein „Eine soziale Marktwirtschaft schaffen“ thematisiert.
Beste Grüße,
Marco Maier