Warum hat China seine Bevölkerungspolitik revidiert?

Die Ein-Kind-Politik in China ist seit Jahren Geschichte, allerdings änderte sich nicht viel. Doch warum wurde die Bevölkerungspolitik geändert?

Von Petr Konovalov / New Eastern Outlook

China hat seit mehreren Jahrzehnten mit demografischen Problemen zu kämpfen. Lange Zeit waren die chinesischen Behörden gezwungen, verschiedene groß angelegte und kostspielige Maßnahmen zu ergreifen, um die Geburtenrate in Übereinstimmung mit den jeweiligen Bedürfnissen des Staates zu regulieren. Im Jahr 1979, als die Geburtenrate als gefährlich hoch eingestuft wurde, führte die Regierung die Politik “Eine Familie – ein Kind” ein. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Situation jedoch völlig verändert, da die Geburtenrate in China auf ein Rekordtief gesunken ist. Daher wurde 2015 die Ein-Kind-Politik abgeschafft, und chinesische Familien durften zwei Kinder bekommen.

Ende Juni 2021 schlugen der Staatsrat der Volksrepublik China und das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas verschiedene Optionen für Maßnahmen zur Förderung einer höheren Geburtenrate vor und beschlossen außerdem, Familien die Möglichkeit zu geben, drei Kinder zu bekommen.

Am 13. August 2021 erklärte der Pressesprecher der Legislativkommission des Ständigen Ausschusses des Nationalen Volkskongresses (NVK), Tsang Tewei, dass die gesetzgebenden Organe Chinas Änderungsentwürfe zum Gesetz über Demografie und geplante Geburten prüfen. Diese Änderungen werden Unterstützungsmaßnahmen für Familien betreffen, die den Wunsch nach einem dritten Kind geäußert haben. Der Pressesprecher sagte auch, dass das Hauptziel der Änderungsentwürfe darin besteht, die Politik im Bereich der Fruchtbarkeit zu verbessern, um eine langfristige und ausgewogene demographische Entwicklung des Landes zu fördern. Diese Änderungen sollen auf der nächsten Sitzung des Ständigen Ausschusses des Nationalen Volkskongresses zur Diskussion gestellt werden. Mit dem Entwurf werden auch die derzeitigen restriktiven Maßnahmen abgeschafft, insbesondere die Sanktionen für Verstöße gegen das Gesetz, die es Paaren nicht erlaubten, mehr Kinder als vorgeschrieben zu bekommen.

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Mit über 1,4 Milliarden Menschen hat China bekanntlich die größte Bevölkerung der Welt. Um eine Überbevölkerungskrise zu vermeiden, wurden seit 1979 im Rahmen der Politik “Eine Familie – ein Kind” schwere Geldstrafen und Einschränkungen für Paare verhängt, die ein zweites Kind bekamen. So konnten die Eltern bei der Geburt eines “zusätzlichen” Kindes aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen werden. Die Einführung solch verzweifelter Maßnahmen war darauf zurückzuführen, dass die durchschnittliche chinesische Familie zum Zeitpunkt des Beginns der oben erwähnten Politik etwa 4-5 Kinder hatte. Hätte man den chinesischen Familien nicht befohlen, weniger Kinder zu haben, wäre die Bevölkerung des Landes inzwischen wahrscheinlich auf über 2 Milliarden angewachsen.

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Eine Besonderheit der chinesischen Mentalität besteht darin, dass Männer mehr geschätzt werden als Frauen. Das liegt in erster Linie daran, dass Männer als “Ernährer” gelten und der Schlüssel zu einem komfortablen Leben im Alter sind. Aus diesem Grund haben chinesische Frauen lange Zeit lieber abgetrieben, wenn sie erfuhren, dass sie eine Tochter bekommen könnten. Dies hat dazu geführt, dass es in den letzten Generationen deutlich mehr Männer als Frauen gibt. Die derzeitigen chinesischen Behörden sehen noch keinen Ausweg aus dieser Situation, die in der Weltgeschichte einzigartig und beispiellos ist.

Eine mögliche Lösung könnte darin bestehen, Frauen aus südostasiatischen Ländern mit einem weitaus niedrigeren Lebensstandard als in China anzuwerben, aber dies wird wahrscheinlich keine nennenswerten Ergebnisse bringen. Zum einen werden die sprachlichen und kulturellen Barrieren zwischen den Ehepartnern die familiären Beziehungen mit Sicherheit erschweren und verhindern, dass sie vertrauensvolle Bindungen aufbauen können. Der zweite Grund ist die schiere Anzahl chinesischer Männer, die potenziell Ehefrauen brauchen würden, denn es gibt Dutzende von Millionen von ihnen. In den Staaten, die ihre Mädchen nach China schicken, könnte es zu einer demografischen Krise in Form eines Frauenmangels mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen kommen. Drittens werden die Länder, die wissen, welche Folgen die massenhafte Abwanderung von Frauen haben kann, sie nicht so einfach gehen lassen, weil ihre Regierungen und auch ihre Kollegen in der VR China um ihren Wohlstand und ihr Wohlergehen besorgt sind.

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Die chinesische Führung erkannte die Gefahr der Situation und erlaubte 2015 Paaren, ein zweites Kind zu bekommen, aber diese gesetzliche Erleichterung änderte nichts an der Gesamtsituation, da alle Familien daran gewöhnt waren, ein Kind zu bekommen. Leider ist die Geburtenrate gleich geblieben. Das mag daran liegen, dass Generationen von Ein-Kind-Familien wenig bis keine Ahnung haben, wie man zwei oder mehr Kinder großzieht. Eine wichtige Rolle spielte auch die Tatsache, dass viele Männer heute buchstäblich nicht genug Frauen haben.

Dabei müssen nicht nur die staatliche Politik, sondern auch viele finanzielle Aspekte berücksichtigt werden. Trotz der Tatsache, dass in China die kommunistische Ideologie verkündet wurde und das Land seit 1949 einseitig von der Kommunistischen Partei Chinas regiert wird, florieren in dem Land derzeit marktkapitalistische Beziehungen, die an alle Familien mit nur einem Kind angepasst wurden. Es ist schwierig, diese Verhältnisse umzustrukturieren, da viele Frauen ihre Arbeit aufgeben oder auf Teilzeitarbeit umsteigen müssen, um zwei oder mehr Kinder zu erziehen. Wenn dies geschieht, wird die industrielle Produktion des Landes erheblich zurückgehen.

Der Hauptgrund, warum die chinesischen Behörden über die demografische Situation im Land besorgt sind, ist die übermäßige Belastung, die in naher Zukunft auf das Rentensystem zukommen wird. Ein Kind und zwei Erwachsene bedeutet in Zukunft ein Erwachsener und zwei alte Menschen. Deshalb setzt die KPCh alles daran, das Wachstum der Geburtenrate zu fördern, da der Staat sonst Gefahr läuft, dass in einigen Jahrzehnten der größte Teil der Bevölkerung nicht mehr im Dienstleistungssektor oder in der Landwirtschaft, sondern in der Altenpflege beschäftigt sein wird. Dies wird natürlich erhebliche Auswirkungen auf das Wirtschaftsniveau des Landes haben und seinen Status als Weltsupermacht erschüttern.

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Es ist auch sehr wichtig, die psychologischen Aspekte zu erwähnen. Generationen von Nachkommen aus kinderreichen Familien haben die Volksrepublik China von einem rückständigen Staat, auf dessen Stimme niemand hörte, in eine große Wirtschaftsmacht verwandelt, die mit den Vereinigten Staaten auf gleicher Augenhöhe konkurrieren kann. Wie die Praxis zeigt, herrschen in vielen Familien mit drei oder mehr Kindern Einigkeit und Teamgeist. Familien mit nur einem Kind hingegen verwöhnen ihr Kind oft, und deshalb werden solche Kinder oft zu ziemlich egoistischen und nicht fleißigen Menschen. In China ist dieses Phänomen so weit verbreitet, dass die Generation, die in Ein-Kind-Familien aufwächst, “kleine Kaiser” genannt wird. Die Frage, ob diese Generation in der Lage sein wird, das von ihren Eltern Erreichte zu bewahren und zu vermehren, bereitet der chinesischen Regierung Sorgen, die nicht mit einer solchen Entwicklung gerechnet hat.

Zusammenfassend kann man zu dem Schluss kommen, dass die Besorgnis der chinesischen Behörden berechtigt ist. In China wächst eine kleine Generation heran, in der ein erhebliches statistisches Ungleichgewicht zugunsten der Männer besteht. Nach Ansicht vieler Experten und Analysten könnte China ohne entschlossene Maßnahmen eine echte soziale und humanitäre Katastrophe drohen. Vielleicht werden Maßnahmen zur Ankurbelung der Geburtenrate die Situation ändern, aber in jedem Fall besteht bereits eine große demografische Kluft, und es wird viele Jahre dauern, sie zu korrigieren.

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2 Kommentare

  1. Tja – das kommt davon, dass der Mann zum “Gott” erhoben wurde. – Es gab und gibt keinen einzigen plausiblen Grund, warum Männer mehr wert sein sollen als Frauen – kam alles mit der Erfindung der patriarchalischen Röligiönen jeglicher Couleur und der Abschaffung der bis dahin weltweiten egalitären Gesellschaften, die die “Große Mutter” als das lebenschenkende, lebennährende, ausgleichende Leben verehrten und in denen Hohepriester und Hohepriesterin stellvertretend für alle Männer und Frauen gleichberechtigt und gemeinsam für das Wohl aller und die Harmonie zwischen den Geschlechtern und die Harmonie zwischen den Menschen, Mutter Erde und Mutter Natur sorgten.

    Ab der Machtübernahme des Patriarchats und der damit einhergehenden Abwertung alles Weiblichen inkl. Mutter Erde, Mutter Natur wurde alles Weibliche der Willkürherrschaft des Mannes unterstellt, zu dessen Untertan erklärt inkl. der Mutter Erde, der Mutter Natur. – Der Anteil des Weiblichen am Leben wurde als selbstverständlich betrachtet, abgewertet, nicht entlohnt und nichtmal geachtet, während die Arbeit des Mannes und seine Stellung in den Himmel gehoben, geachtet und entlohnt wurde, was zu der Abhängigkeit der Frau von ihm führte, was er -rechtlich untermauert durch die patriarchalischen Röligiönen- auch noch oft brütal ausnutzte.

    Noch heute ist es so, dass der Mann nach der Eheschließung und spätestens nach der Kinderproduktion weiterhin arbeiten geht, Rentenanwartschaften lebenslang erwirbt, entlohnt wird, während die Frau ihre Arbeit aufgibt und unentgeltlich und ohne Achtung den ganzen Haushalt und die Kindererziehung fast ausschließlich alleine macht. Zwar geht sie inzwischen oftmals noch zusätzlich arbeiten, aber meistens in Geringverdienerjobs, unterbezahlt und ohne oder mit kaum Rentenanwartschaften und der Arbeit dann noch als zusätzliche Belastung, weil nach wie vor die meisten Männer es vorziehen, in ihrer Freizeit ihren Hobbies nachzugehen – das ist nach wie vor Fakt. – Es gibt zwar Ausnahmen auf beiden Seiten der Geschlechter, aber mehrheitlich ist das nach wie vor so.
    Daher gehen oft gut ausgebildete Frauen in gut bezahlten Berufen auch keine Ehe mehr ein oder verzichten auf Kinder oder bekommen dann maximal ein Kind in fortgeschrittenem Alter, wenn sie zuvor für ihre finanzielle Unabhängigkeit gesorgt haben.

    Wer will ihnen angesichts dessen, das Altersarmut vor allem Frauen und vor allem alleinerziehende Frauen betrifft. – Auch Frauen älterer Generationen, deren Männer keine hohe Rente bekommen, können oft von den hierzuland 60 % dieser niedrigen Rente ihrer Männer, die sie bekommen, wenn der Mann vor ihr stirbt, kaum leben.

    Der weibliche Beitrag zum Leben wird nach wie vor nicht geschätzt und das hat mit dem Patriarchat weltweit zu tun – und wer die Macht mal hat, der gibt sie ungern ab. – Das alles begann mit den patriarchalen Röligiönen im Zuge der brutalen damaligen Machtergreifung des Patriarchats.

    Da brauchen Männer nicht aufzuheulen – es war so und ist so.

    Buchempfehlung: “Wiederkehr der Göttin” von Monica Sjöö und Barbara Mor, die die Geschichte des Patriarchats darlegen und ein weiteres Buch von Wolfgang Hingst, “Macht der Mütter – Ohnmacht der Väter”, insbesondere Kapitel “Ausgespielt – das Elend der Welt”, in dem die Folgend des negativen männlichen Prinzips, des Patriarchats, von ihm dargelegt werden und genau das, was wir dort lesen, haben wir – und es wird -so es so weitergeht- das Schicksal der Menschheit besiegeln im negativen Sinne.
    Wir haben eine massive yang-Dominanz, aber das Leben ist nur in Harmonie, wenn yin und yang in Harmonie miteinander sind auf allen Ebenen des Leben – und eben nicht nur in der Theorie.

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