Wird es Washington gelingen, Erdogan zu stürzen?

In Washington scheint man weiterhin auf einen Regime Change in Ankara zu setzen und daran zu arbeiten, Präsident Erdogan zu destabilisieren.

Von Vladimir Platov / New Eastern Outlook

Kürzlich berichteten Sabah, eine beliebte Tageszeitung in der Türkei, und eine Reihe anderer türkischer Medien begeistert über positive Ergebnisse des persönlichen Treffens zwischen Präsident Recep Tayyip Erdogan und seinem US-Kollegen Joe Biden am 14. Juni 2021 in Brüssel. Demnach bezeichnete der türkische Staatschef ihr Gespräch als “aufrichtig”. Er sagte auch, dass umfassende Ansichten über die Punkte auf ihrer Tagesordnung ausgetauscht worden seien und Themen, bei denen die beiden Seiten nicht übereinstimmen, sowie “Möglichkeiten der Zusammenarbeit in Bereichen” mit gemeinsamen Interessen auf konstruktive Weise diskutiert worden seien. Der türkische Präsident merkte an, dass die gemeinsame Arbeit beider Nationen in Regionen, in denen eine effektive Zusammenarbeit erforderlich sei, ein weiteres Gesprächsthema gewesen sei.

“Ich sehe, dass es einen starken Willen gibt, eine produktive Kooperationsperiode zu beginnen, die auf gegenseitigem Respekt und Interesse in allen Bereichen basiert… Wir denken, dass es kein Problem gibt, das in den Beziehungen zwischen der Türkei und den USA nicht gelöst werden kann”, fügte Recep Tayyip Erdogan hinzu.

Ein Artikel, der von einer anderen türkischen Tageszeitung, Evrensel, am 16. Juni 2021 veröffentlicht wurde, beschrieb das kürzlich abgehaltene Treffen zwischen den Präsidenten der Türkei und der USA ebenso positiv. Darin hieß es, das NATO-Treffen und das Tête-à-tête mit Joe Biden hätten die Achse bestimmt, die die AKP-Regierung (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) “in den kommenden Tagen verfolgen wird”. Ihr Autor erklärte auch, dass Russland und Wladimir Putin nicht länger die engen Freunde der Türkei seien und dass das Land “ein aktiver Unterstützer der Politik der USA und ihrer Verbündeten zur Einkreisung und Schwächung Russlands” sein werde.

Zwei Wochen vergingen nach dem für die Türkei “wegweisenden” Treffen, und die von bestimmten türkischen Medien geäußerten Meinungen über die Beziehungen Ankaras zu den Vereinigten Staaten änderten sich dramatisch.

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Am 1. Juli 2021 hieß es in einem Artikel in Daily Sabah (einer türkischen regierungsfreundlichen Tageszeitung), dass “eine von ehemaligen US-Beamten angeführte Gruppe eine Plattform namens Turkish Democracy Project gegründet hat, um Anti-Türkei-Propaganda zu verbreiten”. Dem Autor zufolge gehören zu den Mitgliedern der Gruppe “der ehemalige Nationale Sicherheitsberater der USA John Bolton; Jeb Bush, der Bruder des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush, sowie der ehemalige italienische Außenminister Giulio Terzi di Sant’Agata”. Bei der Gründung der Organisation waren zwei Mitglieder der Terrorgruppe FETÖ (angeführt vom muslimischen Prediger Fethullah Gülen) dabei, die später aus dem Projekt ausstiegen.

Es ist bemerkenswert, dass Berichte über die neu gegründete Organisation nach dem Treffen zwischen US-amerikanischen und türkischen Politikern am 14. Juni in Brüssel veröffentlicht wurden.

Nach Meinung von Nedim Sener von der Zeitung Hürriyet ist das Ziel des Turkish Democracy Project die türkische Führung. Er glaubt, dass die Feinde der Türkei, einschließlich derer in den Vereinigten Staaten, eine Operation unter dem Deckmantel der Demokratie planen, die darauf abzielt, die derzeitige Führung der Nation zu untergraben, was wiederum in der Regel zu Blutvergießen, Gemetzel, Zerfall und Migration führt.

Ein kürzlich erschienener Artikel in der türkischen Zeitung Sabah erklärte direkt, dass die US-Eliten “alles, einschließlich eines Putsches, getan haben, um die Regierung von Präsident Erdogan zu stürzen”. An dem letzten Versuch am 15. Juli 2016 waren FETÖ-Mitglieder beteiligt, die nun wieder für die gleichen Ziele eingesetzt werden sollen. Ähnlich wurde zuletzt mit dem russischen Dissidenten Alexej Navalny verfahren. Nach den gescheiterten Putschversuchen in der Türkei im Dezember und Juli “floh die Mehrheit der wichtigen hochrangigen FETÖ-Mitglieder ins Ausland, ohne gefasst zu werden”. Die Rückkehr einiger dieser Flüchtigen in die Türkei, um sich zu stellen, könnte das Land “ins Chaos” stürzen, da eine entsprechende Bestrafung dieser Personen dazu führen könnte, dass die USA und die EU (mit Hilfe der FETO) unter dem Deckmantel der “Menschenrechte” gegen die türkische Regierung vorgehen.

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Bei der Lektüre solcher Artikel ist zu bedenken, dass die Kritik an den Schritten der neuen US-Regierung gegenüber der Türkei und ihrer Führung von Journalisten geäußert wurde, die für regierungsnahe Medien arbeiten.

Darüber hinaus gab es eine Reihe von Berichten, die in der Türkei veröffentlicht wurden und bestimmte Aspekte der US-Politik anprangerten. So beschuldigte ein Artikel in der Milliyet vom 1. Juli die Vereinigten Staaten, bei der Gründung von Terrororganisationen mitzuwirken und diese für ihre Zwecke zu benutzen. Dem Autor zufolge ist die Türkei das einzige Mitglied der Anti-Terror-Koalition (zu der auch die USA gehören), das an vorderster Front gegen DAESH kämpft. In der Zwischenzeit scheinen die USA nicht allzu besorgt darüber zu sein, “die Organisation ganz zu eliminieren”. “In der Tat ist DAESH ein effizientes Werkzeug wie ein Schraubenschlüssel, das von den USA geschaffen wurde und überall und nach Belieben eingesetzt wird”, schrieb der Journalist. Die US-Führung scheine die Terrororganisation als ein Mittel zu betrachten, um das Minenfeld vor ihr zu räumen”, während sie Schritte nach vorne mache. Abschließend stellte der Autor fest, dass sich die USA längst dessen entledigt hätten, was sie mit geschaffen haben, wenn sie es wirklich wollten.

Nachdem die türkische Führung negativ auf die Erklärung von Präsident Joe Biden reagierte, dass die Ermordung und Deportation der Armenier kürzlich als Völkermord anerkannt wurde, unternahm die neue US-Regierung einen weiteren Anti-Türkei-Schritt auf der internationalen Bühne. Die Vereinigten Staaten nahmen die Türkei in die Liste der Länder auf, die am Einsatz von Kindersoldaten beteiligt sind”. Bemerkenswerterweise war es das erste Mal, dass “ein NATO-Mitglied” in einem solchen Dokument landete.

Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass die eindeutig türkeifeindliche Ausrichtung von Joe Bidens Politik für die derzeitige türkische Führung eine Überraschung ist. Als US-Vizepräsident von Barack Obama kritisierte Joe Biden die türkische Regierung bei einer Pressekonferenz mit Journalisten (einschließlich derer der Opposition) während seines Besuchs in der Nation im Jahr 2016 offen.

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Während seiner Präsidentschaftskampagne betonte Joe Biden, dass die Türkei “in Zusammenarbeit mit den US-Verbündeten im östlichen Mittelmeerraum” isoliert werden müsse, auch in Bezug auf ihre Ölaktivitäten in der Region. Damals sprach er sich auch für die Unterstützung der Opposition, also der türkischen Kurden, und deren Integration sowie Einbindung in politische Institutionen und Prozesse aus.

Es gibt eine Reihe von Videos im Internet, die Joe Biden zeigen, wie er seine Unterstützung für einen Führungswechsel in der Türkei zum Ausdruck bringt.

Im April dieses Jahres veröffentlichte Hürriyet (die größte Zeitung der Türkei) einen Artikel, in dem es hieß, Joe Bidens Ziel sei Recep Tayyip Erdogan, mit Beispielen, die diesen Standpunkt unterstützen. Der Bericht bezog sich auch auf die folgenden Auszüge aus Joe Bidens Gespräch mit den Redakteuren der New York Times im Dezember 2019. “Im Moment müssen wir eine ganz andere Herangehensweise an ihn (Präsident Tayyip Erdogan) anwenden. Wir müssen deutlich machen, dass wir die Oppositionsführer unterstützen und dass wir einen Fahrplan haben. Wir müssen unsere Stimme erheben und sagen, was wir denken, dass er den Preis dafür zahlen muss… Ich denke, wir müssen die Elemente der türkischen Führung, die es noch gibt, anspornen und aushebeln, damit sie in direkten Kontakt miteinander treten und Erdogan besiegen können”.

Laut dem Autor des Hürriyet-Artikels hat Joe Biden genau das getan, was er sagte. Sein Ziel scheint zu sein, die Polarisierung und den Konflikt innerhalb der Türkei zu verstärken”, in der Hoffnung, dass die regierungsfeindliche Opposition dann Präsident Recep Tayyip Erdogan stürzen wird.

Da der türkischen Führung die wahren Motive der US-Administration bekannt sind, ist die folgende Frage besonders relevant. “Was erwarten wir als erstes: die Entmachtung des türkischen Präsidenten mit Hilfe Washingtons oder einen vollständigen Abbruch der Beziehungen zwischen der derzeitigen US-Administration und der türkischen Führung und die Weigerung der letzteren, der US-Politik zu folgen?”

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Ein Kommentar

  1. Das waren noch Zeiten, wo das türkische Militärregime das Sagen hatte und den Amis in wesentlichen Fragen hörig waren, während der muslimische Fundamentalist aus den Tiefen Istanbuls seine Karriere gemacht hat und wieder alte Zeiten erstehen lassen will, was aber noch nie in das Weltbild der Amis gepaßt hat und sie lange gebraucht haben um nun solche Gedanken entstehen zu lassen.

    Vor allen Dingen ist diese Entwicklung mit der Nato nicht sonderlich kompatibel und auch seine Ausfälle und Alleingänge im Nahen Osten stören ihre Kreise und während sie im Irak und Lybien nicht lange gefackelt haben, zieren sie sich noch, was aber nichts mit der Größenordnung zu tun hat, sondern ein Abwägen ist, zwischen zu viel und zu wenig und trotzdem ist er in ihren Augen ein Dorn im Fleisch und wenn es ganz schlimm kommt ist er zum Schluß von allen Seiten verlassen, man darf ja auch nicht die knappe Mehrheit seiner Regierungsgewalt außer acht lassen und das ist die Achillesferse und könnte sich schnell gegen ihn richten, wenn man das Thema entsprechend ausweitet, was dann auch zum Erfolg führen wird.

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