Was also, wenn die Osmanen die moderne Welt geprägt hatten?

Erdogan ist von Kalif Selim fasziniert, aber anders als Machiavelli fürchtet er ihn nicht, er will ihm nacheifern.

Es war einmal in Anatolien, im späten 13. Jahrhundert, als ein türkisches Fürstentum – eines von vielen, die im Gefolge der mongolischen Invasion der 1240er Jahre entstanden – die Seldschuken der Vergangenheit überließ und als Osmanisches Emirat entstand. Es wurde nach seinem Gründer, Osman I., benannt.

Mitte des 15. Jahrhunderts, als Sultan Mehmet II. Konstantinopel eroberte, hatte das expandierende Osmanische Reich praktisch alle benachbarten türkischen Emirate absorbiert.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts entstand ein multireligiöses und multiethnisches Reich, das – pragmatisch und tolerant – vier Jahrhunderte lang über den Balkan, Anatolien und Südwestasien herrschte.

Ein großes historisches Rätsel: Wie wurde aus einem kleinen Fürstentum am westlichen Rand des damaligen Kleinasiens das wohl bedeutendste Reich des Islam? Den Schlüssel zur Lösung des Rätsels bietet vielleicht Sultan Selim I.

“God’s Shadow”, das in seiner englischen Originalausgabe (Faber & Faber) den Untertitel “The Ottoman Sultan Who Shaped the Modern World” trägt, mag zeigen, dass der Autor Alan Mikhail, Vorsitzender des Fachbereichs Geschichte in Yale, in einzigartiger Weise qualifiziert ist, diesen Fall zu argumentieren.

Mehmet II., der mit seiner endlosen Besessenheit und Gerissenheit das byzantinische Reich am schicksalhaften 29. Mai 1453 auslöschte, als er erst 21 Jahre alt war, war eine überlebensgroße Figur für die Völker des Mittelmeerraums, des Balkans und Kleinasiens.

Er schlug eine Brücke zwischen Europa und Asien. Er baute Konstantinopel, umbenannt in Istanbul, zur Hauptstadt des sich ausbreitenden Reiches um. Er war der Herrscher über die Seidenstraßen vom Schwarzen Meer zum Mittelmeer. Der Fatih (“Eroberer”) nahm in Ost und West mythische Ausmaße an – und nannte sich sogar Caesar, Erbe der byzantinischen Kaiser.

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Mehmet II. eroberte in den 1460er Jahren den Balkan, schloss mit den genuesischen Handelskolonien auf der Krim ab und verhängte 1478 ein Vasallentum über das Krimtataren-Khanat. Das bedeutete in der Praxis, dass das Schwarze Meer zu einem virtuellen osmanischen See wurde.

Der Autor betont gleich zu Beginn, dass das Osmanische Reich lange Zeit der mächtigste Staat der Erde war – mächtiger als die Ming-Dynastie, ganz zu schweigen von den Safawiden. Es war das größte Imperium im Mittelmeerraum seit dem alten Rom und “das beständigste” in der Geschichte des Islam.

Dann setzt er den Kern der – brisanten – These, die er im Detail entwickeln wird: “Es war das osmanische Monopol auf die Handelsrouten mit dem Osten, kombiniert mit ihrer militärischen Stärke zu Lande und zur See, das Spanien und Portugal aus dem Mittelmeerraum verdrängte und Händler und Seeleute aus diesen Königreichen des 15. Jahrhunderts dazu zwang, zu globalen Entdeckern zu werden, indem sie gefährliche Reisen über Ozeane und um Kontinente herum riskierten – alles, um die Osmanen zu vermeiden.”

Diese These wird einem hegemonialen (zumindest in den letzten 150 Jahren) Westen, der nun mit seinem turbulenten Niedergang konfrontiert ist, äußerst unangenehm sein. Mikhail tut sein Bestes, um zu zeigen, wie “von China bis Mexiko, das Osmanische Reich die bekannte Welt an der Wende zum 16. Jahrhundert prägte.”

Offensichtlich war die ideologische, militärische und wirtschaftliche Konkurrenz mit den spanischen und italienischen Staaten – und dann mit Russland, China und anderen islamischen Staaten – kein Zuckerschlecken. Dennoch zeigt Mikhail mit Vergnügen, wie Kolumbus, Vasco da Gama, Montezuma, Luther, Tamerlan – sie alle “ihre Handlungen kalibrierten und ihre Existenz in Reaktion auf die Reichweite und den Griff der osmanischen Macht definierten.”

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Eine Analyse von Pepe Escobar

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4 Kommentare

  1. Was hat denn das mit Toleranz zu tun, wenn das komplette Ostrom gewaltsam vereinnahmt wurde und Westrom aus inneren Streitigkeiten heraus dazu geschwiegen, bzw. keine Hilfe angedeihen lassen. denn sonst wäre das ehemalige Byzanz immer noch christlich und der Balkan wäre auch nicht erobert worden und das alles ist auf die Fahrlässigkeit der eigenen Glaubensgenossen zurück zu führen.

    Das mit dem friedlichen Zusammenleben ist doch auch so eine Art Geschichtsklitterung, denn die Rechte der anderen Glaubensgemeinschaften waren extrem beschnitten und außerdem mußten sie durch besondere Zahlungen ihre Bewegungsfreiheit erkaufen und wer das als human betrachtet, der sieht die Welt von damals mit der rosaroten Brille, denn die haben ihre Eroberungsgelüste nie abgelegt und hie und da bricht es dann wieder mal durch, wobei sie heutzutage nur über die leise Invasion durch Einwanderung punkten können und da sind sie ja schon sehr weit voran geschritten.

    Das gleiche gilt übrigens auch für die vielgepriesen Errungenschaften im Islam, die angeblich die westliche Welt schwer beeinflußt haben, was auch so eine der vielen Lügen ist, denn die Weisheit ging in Europa vom alten Griechenland aus und wurde von den Römern übernommen und der Islam trat ja bekannterweise erst viel später auf, wo sich das Wissen im allgemeinen schon längst etabliert hat und man allenfalls von Ergänzung sprechen kann, mehr aber auch nicht.

    1. Zumindest, das muss man anerkennen, war man als Christ oder Jude im Ostmanischen Reich “freier” als im katholischen Europa als Nichtkatholik. Vor allem sollte man das auch im Kontext der Zeit betrachten – und diesbezüglich war das Osmanische Reich deutlich liberaler als der christliche Westen.
      Vor einigen Jahren hatte ich eine Dokumentation über die Geschichte des Islams gesehen, die durchaus recht kritisch mit der damaligen Zeit umging. Doch auch dort konstatierte man den Osmanen eine für damalige Zeiten recht große gesellschaftliche Liberalität, solange die Kalifen noch die religiöse Führung innehatten. Die spätere Übernahme der geistigen Führung durch Kleriker sorgte demnach dann für deutlich striktere Zügel.

      1. @Marco Meier

        Das sind geschönte Märchen – immer stellen sich schon Müslime als die armen unschuldigen Öpfer und ihren Islöm als ach so freiheitlich und gerecht und liebevoll dar – das Gegenteil war und ist der Fall wie es schon Achim schilderte und wie wir es heute vor unseren Augen sehen.

        Das sogenannte osmanische Reich war freier, bevor es dem Islöm unterworfen wurde. – Das alte Persien – Iran – war zoroastrisch mit dem weisen Zarathustra und diese lebten freier und friedlicher. – Bis ins Abendland war der weise Zarathustra bekannt, weshalb noch in meiner Jugend man bei weisen Worten sagte “also sprach’ Zarathustra”.

    2. @Achim

      Sehe ich auch so. – Ich meine, es seien bislang 57 Länder, die der Islöm blütigst eröbert hat inklusive auch in den Siebzigern den ehemals christlichen Libanon.

      Da der Islöm die jüngste der 3 sogenannten abrahamitschen Röligiönen ist können wir davon ausgehen, dass alle heutigen Müslime von “Kuffar/Kafir”, also aus islömischer Sicht unwerter niederer als das Vieh seienden “Ongläubigen” abstammen, die ihre Urahnen/Vorfahren waren und von den islömischen Eröberungshörden zwangsislömisiert wurden. – Da bei diesen Eröberungen die Frauen in der Regel oder überhaupt durch Vergewöltigung durch die islömischen Eröberer geschwängert wurden, sind die heutigen Müslime vermutlich mehrheitlich aus solchen Vergewöltigungen ihrer nichtmüslimischen Urahninnen/Vorfahrinnen hervorgegangen.

      Sie sollten sich daher darauf besinnen und ihre nichtmüslimischen friedlicheren Wurzeln suchen – so wie z. B. auch der Iran (Persien) vor seiner Zwangsislömisierung dem Zoroastrismus mit dem weisen Zarathustra anhing, dessen Weisheit bis ins Abendland bekannt war, was dort bis noch in meiner Jugend zu dem geflügelten Wort bei weisen Worten “also sprach Zarathustra” führte.

      Alle diese Länder, die die Müslime ihr eigen nennen, sind nur Eroberungsbeute und gehören ihnen ethisch moralisch nicht – haben ihnen niemals gehört – wie auch die Müslime selbst ursprünglich Nichtmüslime waren von ihren Vorfahren/Urahnen her, die nur zwangsweise unterworfen wurden.

      Darüber sollten Müslime mal gut nachdenken. Röligiön ist keine Legitimation für Verbrechen und wenn ein angeblich so allmächtiger Gott ein Problem damit hat, dass ich nicht an ihn glaube, dann braucht er nicht Horden von menschlichen Eröberern, um mich zum Glauben an ihn zu zwingen. – Dann kann ER (AN ? – AN(U)NNAKI ?) auch warten, bis ich mein Zeitliches gesegnet habe und mich dann zu sich bringen und sich selbst mit mir auseinandersetzen.

      Ein liebendes Gottwesen würde niemals Menschen auf andere Menschen zu solchen blütigen bösartigen Zwecken hetzten – würde niemals verschiedene Röligiönen erfinden, um dann die jeweiligen “Gläubigen” aufeinanderzuhetzen und ihnen erzählen, ihr Gott sei der einzig wahre und ihre Röligiön die einzig wahre und sie die Auserwöhlten und alle anderen unwert und unterwerfen oder zu vernichten mit Gewölt und dann den anderen wiederum erzählen, ihre Röligiön sei die einzig wahre und ihr Gott der einzig wahre und sie die einzig wahren “Gläubigen” und alle anderen zu unterwerfen mit Gewölt oder zu vernöchten, etc. etc. etc..

      Auch würde ein liebendes Gottwesen seine “Töchter” nicht der Willkür seiner “Söhne” unterwerfen und sie geringer achten als seine Söhne.

      Niemals würde ein liebendes Gottwesen -mal von einem ausgehend- seine Geschöpfe spalten und gegeneinander aufhetzen – nein, ein liebendes Gottwesen wäre darauf bedacht, alle in Liebe, Freiheit, Frieden, gegenseitiger Achtung nach der “Goldenen Regel” zu einen und geeint zu halten.

      Denkt selbst mit Herz und Verstand und erkennt, welch’ bösem Wesen Ihr alle auf den Leim gegangen seid und immer noch geht.

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