Amerikas schmachvolle Flucht aus Afghanistan

Zuerst wurde Afghanistan von den USA ins Chaos gestürzt, nun ziehen sie schmachvoll ab. Richten sollen es gefälligst andere Mächte.

Von Viktor Mikhin / New Eastern Outlook

US-Präsident Joe Biden verkündete feierlich und ziemlich unverblümt, dass er alle amerikanischen Truppen bis zum 11. September, dem 20. Jahrestag der Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon, aus Afghanistan abziehen werde. Mehr als dreitausend Menschen verschiedener Nationalitäten wurden bei diesen Anschlägen getötet, die von der Terrororganisation al-Qaida begangen wurden, die von dem saudi-arabischen Osama bin Laden angeführt und mit aktiver Unterstützung der USA geschaffen wurde. Als Reaktion darauf fand Washington nichts Besseres, als einen weiteren globalen Krieg zu beginnen: den “Krieg gegen den Terror”, der im Wesentlichen ein nicht erklärter Krieg zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren ist und eine noch größere Welle des Terrorismus mit sich bringt.

Der 11. September 2001 war in gewisser Weise ein Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit. Die Entscheidung Washingtons, bald gefolgt von der NATO, in Afghanistan einzumarschieren, wo die von den USA gegründete al-Qaida ihren Sitz hatte, löste eine Ära neuer Kriege und das Auftauchen mächtiger neuer Organisationen aus, wie z.B. DAESH (“Islamischer Staat”), die ebenfalls mit Hilfe der Vereinigten Staaten gegründet wurde. Fast zwei Jahrzehnte lang waren Afghanistan und dann der Irak, in den die Regierung von George W. Bush ebenfalls einzumarschieren beschloss, die wichtigsten Bestimmungsfaktoren für die politischen Aussichten der nachfolgenden US-Präsidenten.

Die Obama-Administration war der Meinung, dass der Krieg im Irak nicht in ihrem Interesse sei und dass sich die USA ganz auf Afghanistan konzentrieren sollten, wo eine mächtige neue Welle des Terrorismus entstanden ist, aber nach Prüfung verschiedener Meinungen entschieden die Beamten in Washington, dass es das Beste sei, sich zurückzuziehen. Die Trump-Administration versprach ebenfalls den Abzug, nahm aber gleichzeitig Friedensgespräche mit den Taliban auf. Das schlecht durchdachte, hastig ausgearbeitete amerikanische Abkommen sollte den Weg für Friedensgespräche zwischen den Taliban und der gewählten afghanischen Regierung ebnen, aber bisher hat es keine nennenswerten Ergebnisse gebracht.

Und selbst diese miserablen Verhandlungen scheiterten, weil die Taliban weiterhin darauf bestanden, dass sie die legitimen Herrscher Afghanistans seien. Amerikanische Truppen vertrieben sie aus Kabul, aber dann sammelten sie sich wieder und fuhren fort, fast die Hälfte des Landes zu “befreien”. Nichtsdestotrotz zwangen die Taliban die Regierung von Joe Biden dazu, die Option weiterer Verhandlungen zugunsten einer Flucht aus Afghanistan aufzugeben, was den Vereinigten Staaten, wie einst dem Vereinigten Königreich gegenüber, eine kühne Herausforderung darstellte.

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Die Flucht der US-Truppen aus Afghanistan wird Kabul ganz offensichtlich erheblich schwächen. Dies würde die Machtbalance gegen sie und zugunsten ihrer verschiedenen Gegner kippen und die Entwicklung eines modernen afghanischen Zivilstaates gefährden, der in letzter Zeit durch das Verschulden der Vereinigten Staaten mit größerer Wahrscheinlichkeit mit zunehmender Gewalt, Terrorismus und einer Verschlechterung der Rechte von Minderheiten konfrontiert ist. Aber es ist auf der internationalen Bühne, wo die größten Veränderungen stattfinden werden. Der schändliche Abzug der USA aus Afghanistan wird neben anderen Misserfolgen im Nahen Osten ein weiterer Meilenstein im Niedergang des amerikanischen Einflusses, der Macht und des Status sein. Jetzt kann diese Region mit Sicherheit sagen: Goodbye, America!

Aus dem “afghanischen Bogen” der USA lassen sich nun einige Schlussfolgerungen ziehen. Joe Bidens Rede trug zum Beispiel den pompösen Titel “Der Weg nach vorn in Afghanistan”, in der er sagte, dass die Mission erfüllt sei, und die Eliminierung des Al-Qaida-Führers Osama bin Laden im Mai 2011 erwähnte. Aber, in seinen eigenen Worten, sind seit 2011 die Gründe für die weitere Präsenz von US-Truppen in Afghanistan “unklar” geworden. Mehr als 10 Jahre lang besetzten die USA das Land und richteten in verschiedenen Regionen Tod und Zerstörung an, während Osama bin Laden friedlich in Pakistan unter dem Schutz der pakistanischen Sicherheitsdienste und der mächtigen CIA lebte.

Unter dem weit hergeholten Vorwand, den materiellen Lebensstandard der Afghanen zu verbessern, förderten die Besatzungsbehörden auf jede erdenkliche Weise einen Anstieg des Mohnanbaus und der Rauschgiftproduktion, die selbst nach offiziellen Angaben um mehr als das 40-fache gestiegen ist. Es überrascht nicht, dass der starke Anstieg des Drogenkonsums in den Nachbarländern Afghanistans und in Europa zu einem Anstieg der Terrorismuswelle und verschiedener Arten von Kriminalität geführt hat.

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Am Tag, nachdem Biden den Abzug der US-Truppen angekündigt hatte, machte US-Außenminister Antony Blinken einen unangekündigten Notbesuch in Kabul, wo er sich mit dem afghanischen Präsidenten und anderen hochrangigen afghanischen Beamten traf. Seine Botschaft war, der afghanischen Regierung zu versichern, dass die militärische Flucht der Vereinigten Staaten nicht das Ende der US-afghanischen Partnerschaft sei – sie sei zwar “im Wandel”, aber dennoch “beständig”.

Die US-Regierung hat außerdem internationale und regionale Mächte, die ein Interesse an der Sicherheit und Stabilität Afghanistans und Südasiens haben, um “diplomatische Unterstützung beim Erreichen eines dauerhaften und nachhaltigen Friedensabkommens zwischen den Kriegsparteien in Afghanistan gebeten.” Zu diesen Mächten gehören Russland, China, Pakistan, Indien und die Türkei, die sich zu einem späteren Zeitpunkt treffen werden, um den weiteren Weg zum Frieden in diesem Land zu besprechen.

Joe Bidens Ansprache an eine Reihe von Staaten wirft eine berechtigte Frage auf: Warum haben sich die USA im Jahr 2001 nicht mit den Führern anderer Länder beraten, als sie rüde in Afghanistan einmarschierten und damit die gesamte Region in Unruhe versetzten? Und was jetzt? Versuchen die USA, die durch ihre unüberlegten Handlungen Afghanistan, den Irak und Syrien zerstört haben, den Unschuldigen zu spielen, indem sie die Rolle des Retters an andere abgeben, die die Amerikaner aus der schlammigen Grube ziehen müssen, in die sie sich selbst hineingestoßen haben?

Natürlich haben alle diese Mächte ein gemeinsames Interesse daran, dass Afghanistan nicht wieder zu einem Nährboden für von den USA unterstützte Terrorgruppen wie al-Qaida und DAESH wird. Ein wesentliches stabilisierendes Element in der afghanischen Gleichung wird sein, ob Pakistan und Indien bei der Bewältigung ihrer Konfrontation Afghanistan weiterhin als Schlachtfeld betrachten. Auch der Iran ist an der politischen Stabilität Afghanistans interessiert, und die westlichen Mächte, insbesondere die USA, sollten eine Zusammenarbeit mit Teheran in dieser Hinsicht nicht ausschließen.

Viele arabische Medien sind der Meinung, dass der Abzug der USA aus Afghanistan von den Terrorgruppen auf der ganzen Welt nur als ihr großer Sieg begrüßt werden sollte, oder zumindest als Umkehrung der Niederlage, die das regionale und internationale Bündnis dem “Kalifat” von DAESH zugefügt hat und seine Mitglieder dazu zwang, sich an entlegene Orte in Afrika und Asien zu zerstreuen. Wenn DAESH, al-Qaida und andere Gruppen das Gleiche empfinden, werden sie dies auch als Chance für ihr neues Wiederaufleben im Großraum Nahost sehen, der sich von Pakistan bis Marokko erstreckt. Und der arabische Raum wird sicherlich zu den ersten gehören, die die Auswirkungen zu spüren bekommen, wenn man bedenkt, wie aktiv diese islamistischen Organisationen in vielen arabischen Ländern sind, insbesondere im Irak, in Syrien und Libyen.

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Diese drohende Gefahr hat eine Reihe von Maßnahmen dringender denn je gemacht. Erstens müssen die Aktivitäten und Bewegungen der terroristischen Organisationen in Afghanistan und anderswo genau beobachtet werden. Zweitens müssen die arabischen Regierungen enger zusammenarbeiten und die Bereitschaft ihrer Sicherheitsbehörden erhöhen, auf neue Situationen in der Region zu reagieren. Drittens müssen sie gemeinsam an der Lösung von Konflikten und der Wiederherstellung der Stabilität im Irak und in Syrien arbeiten, wo strategische Lücken es radikalen Gruppen immer noch ermöglichen, zu gedeihen, zu rekrutieren und zu trainieren. Viertens ist trotz des schändlichen Abzugs der US- und NATO-Truppen aus Afghanistan eine internationale Konferenz unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen erforderlich, um ein intensiveres globales Vorgehen zur Verhinderung der Finanzierung und Rekrutierung von Terrorgruppen zu fördern.

Schließlich können sich die USA und die NATO nicht den Luxus leisten, weiterhin die Bemühungen von Ländern wie Russland, China und dem Iran zu ignorieren, die nicht nur über unschätzbare Erfahrungen im Kampf gegen den Terrorismus, sondern auch über bedeutende Erfolge bei der Ausrottung verschiedener terroristischer Gruppen verfügen. Die Araber werden davon profitieren, wenn sie in dieser neuen und gefährlichen Periode in der Geschichte der Welt und der Region enge Kontakte mit dem Westen und dem Osten pflegen. Nur wenn alle diese Bedingungen erfüllt sind, kann der Kampf gegen den Terrorismus und seine Anhänger in Afghanistan und anderen Teilen der Welt erfolgreich sein.

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Ein Kommentar

  1. Das ist wieder so ein Paradebeispiel wie man es nicht machen sollte und eigentlich hätten sie beim Rückzug Rußlands schon die Aussichtslosigkeit erkennen müssen und die Finger weg lassen sollen, denn wer die Mentalität und deren Widerstand nicht annähernd einschätzen kann, sollte so ein Unternehmen erst garnicht beginnen und ihre europäischen Satrapen haben noch Glück gehabt, daß sie nicht das gleiche Schicksal wie 9/11 ereilt hat und da kann man sehen, wie man mit geringen Mitteln eine Supermacht ins Wanken bringen kann und das war kein Zeichen der eigenen Stärke, es war eine Niederlage erster Güte und nun ziehen sie betrappelt ab, weil sie die Aussichtslosigkeit nach Jahrzehnten erkannt haben und die europäischen Schlappschwänze gleich mit.

    Nicht jeder Gockel dieser Welt läßt sich freiwillig den Kopf abschlagen und so wie Napoleon und Hitler unverrichteter Dinge wieder von dannen ziehen mußten, so werden sie im Nahen Osten und in Asien ihr Lehrgeld zahlen und mit jedem mißlungenen Einsatz sinkt das Prestige einer Macht, die nur noch auf dem Papier steht und allenfalls noch mit dem Äußersten drohen kann, was dann aber zur Folge hätte, daß sie dabei auch schwerst beschädigt würden,

    Die agressive Angriffspolitik ist ein Relikt aus uralten Zeiten und Überleben oder Veränderungen kann man nur noch schaffen unter Mitwirkung aller oder mit freiwilliger Hilfestellung auf beiden Seiten und diese Mentalität müssen sie zuerst noch lernen, weil sie Jahrtausende nach alter Lesart verfahren sind und die Chinesen der Zeit weit voraus eilen, die mit Verlockungen Zustimmung gewinnen wollen um damit ein geneigtes Netzwerk zu schaffen, was auf Dauer in eine gewisse Abhängigkeit führt und das ist doch schon lange erkennbar und deshalb werden sie zu den Gewinnern gehören, während die anderen zwar viel Zeit gehabt hätten um es anzuwenden, aber bei der alten Methodik geblieben sind, die nun das ganze Elend offenbart.

    Zum Schluß werden sie auf ihrem Kontinent alleine sitzen und die letzten Getreuen werden dann auch noch entfleuchen, weil der neue eurasische Ruf erschallt und der wird weit mehr bieten als nur Gefolgschaft und das ist der qualitative Unterschied zu vorgestern, den sie nicht mehr verhindern können, auch wenn sie noch versuchen den eigenen Laden zusammen zu halten, der aus der Historie heraus auch nie zusammengehörte und nur ein unlegitimiertes Konstrukt der Neuzeit darstellt, was sich jetzt als fatal herausstellt und die EU wird es auch nicht mehr halten können, der Weg zur Öffnung nach Osten ist vorgezeichnet und sich dem entgegenstellt wird zu den Verlierern zählen.

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