Mitgenommen

Mitgenommen I

Das heisere Heulen
klang nach Trauer und Abschied.
Mit gesträubtem Fell noch ein
Blick zurück auf die Stadt.
Was suchte er noch hier?
Mit kräftigen Satz über die Friedhofsmauer nach draußen.
Roch hier nicht alles nach Friedhof?
Sein Hecheln übertönte ihre Stimme in ihm.
Im Wolfstrab die nasse Straße entlang.
Über den Tod hinaus die Treue halten?
Er hatte keine andere Wahl.
Wieso schwieg ihre Stimme nicht in ihm?
Er nahm sie mit.
Das klatschende Geräusch das ihn
mit zwei Sätzen über das Flüsschen brachte
unterbrach seine Gedanken.
Am Ufer griffen kleine Schlingpflanzen nach ihm.
Er zog seine Spur schnurgerade über den regennassen Acker.

Mitgenommen II

Ihr Lachen klang ihm im Herzen.
Traumverlor´n hörte er ihre Worte
die die Melodie der rauschenden Baumkronen
übertönten.
Zusammengerollt lag er vor der hohen Tanne.
In der warmen Sonne zauste der Wind sein Fell.
Vor ihm tauchten ihre Augen auf,
er schloss seine
und nahm sie mit in den Schlaf.

Mitgenommen III

Hochgeschreckt
Wo war sie?
Mit einem Satz stand er.
Silbern lag der Mondschein
auf den im Wind spielenden Buschwindröschen.
Er beruhigte sich erst
als er ihren regelmäßigen Atem
wieder hörte.
Im Traum hatte er den Engel gesehen –
Schweigend hatte der mit ausgebreiteten Flügeln
hinter ihr gestanden.
Sie würde ihren Weg gehen.

Als er die Augen öffnete
hörte er noch die Worte des Engels aus dem Schlaf
„Warte nicht auf sie –
Du hast Dein Leben.“
Ihr „Ich liebe Dich“
mit der Kraft des letzten Atems geflüstert
hatte ihn mitgenommen.

Von Hans-Jürgen Klose

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