Verschiebung der „Moleküle“ von Nord Stream 2 und „Warum jetzt?“

Die USA heizen so viele Eisen in so vielen verschiedenen Bränden an: neue Sanktionen gegen den Iran, (alte wiedereingeführte) neue Anschuldigungen und Streitigkeiten mit China wegen Covid-19 und chinesischer Technologieunternehmen und nun die Androhung von Sanktionen gegen deutsche Unternehmen, die mit den Russen beim Unterwasser-Gaspipeline-Projekt Nord Stream 2 zusammenarbeiten.

Trotz der Tatsache, dass Deutschland und Europa eine größere Energiesicherheit anstreben und berechnet haben, dass Russland, obwohl es in den Augen der NATO ein strategischer Feind ist, in der Lage ist, diese zu gewährleisten, werden neue Schritte unternommen, um die Fertigstellung des Projekts angesichts der angeblichen Vergiftung eines russischen Oppositionspolitikers zu blockieren.

Diese Schritte sind wahrscheinlich nichts anderes als politische Rhetorik derer, die am wenigsten Einfluss haben, insbesondere auf die wirklichen Entscheidungsträger. Dennoch zeigt die Tatsache, dass auf solche Taktiken zurückgegriffen wird, dass die USA Angst vor komplizierten Themen haben, weil sie sie dann nicht mehr wie früher kontrollieren können.

Ist dies mehr als ein reiner Zufall?

Allein die Tatsache, dass Nord Stream 2 einen wichtigen Beitrag zur Energiesicherheit der EU leisten kann, wirft viele Fragen auf. Es besteht kein Zweifel, dass zusätzliche Lieferungen erforderlich sein werden, um die bevorstehende Lücke zwischen Angebot und Nachfrage in der EU zu schließen. Die neue Pipeline wird die bestehenden Transportrouten ergänzen und die Erschließung anderer neuer Quellen wie verflüssigtes Erdgas (LNG), einem Markt, in den die USA als bevorzugter Lieferant eintreten wollen, ergänzen.

Die Pandemie hat bereits die Exporte von verflüssigtem Erdgas von den US-Küsten gebremst und damit praktisch das beseitigt, was einst als wichtiger Absatzmarkt für den größten Gasproduzenten der Welt galt. Die zweite Welle von Covid-19, die die europäischen Küsten erreicht hat, hat die Wiederaufnahme der Lieferungen noch weiter verzögert, da sie sich auf die Hafeninfrastrukturen, die Verbindungspipelines und die für den Transport benötigten Spezialschiffe ausgewirkt hat.

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Nord Stream 2 wird diesen Problemen nicht begegnen, da sie durch die Ostsee von der russischen Küste bis zu einer Anlandung in der Nähe von Greifswald in Deutschland verlaufen wird. Sie wird in etwa parallel zur bestehenden Nord Stream-Pipeline verlaufen, die die Zweckmäßigkeit dieser Route unter Beweis gestellt hat.

Deshalb ziehen die USA alle Register, um dies zu verhindern. Einige der verwendeten Namen und politischen Schikanierungsmethoden sind denjenigen, die so genannte Energieprojekte in Georgien beobachtet haben, sehr vertraut.

Einer der Hauptakteure ist wieder einmal Frontera Resources – seine Auftragspolitiker -, ein texanisches Unternehmen, das mit erdrückenden Vorschriften und Beschränkungen ins Visier genommen wurde und dem nun die mögliche Enteignung von der georgischen Regierung wegen Korruption und des Vorwurfs, ein „Pump-and-Dump“-Aktienmanipulationsschema zu sein, droht.

Es ist im Allgemeinen so, dass Wirtschaftssanktionen politisch motiviert sind, ein weiterer Beweis dafür, dass es, wie Seth Ferris in diesem Journal sagt, keine Wirtschaftspolitik gibt, sondern nur politische Politik. Der Republikaner Senator Ted Cruz aus Texas u.a. ist einer derjenigen, die Anfang dieses Monats in einem Brief an die Fährhafen Sassnitz GmbH, die den Hafen Mukran in Deutschland betreibt, die Spannungen verschärft haben. Der Hafen von Mukran beherbergt zwei Rohrverlegungsschiffe, die Gazprom zur Fertigstellung des Projekts einsetzen will.

Der Brief warnte vor „vernichtenden rechtlichen und wirtschaftlichen Sanktionen, mit deren Verhängung unsere Regierung (US-Regierung) beauftragt wird“, wenn das Unternehmen seine Zusammenarbeit mit der russischen Gazprom in Nord Stream 2 nicht einstellt.

Da die Energienachfrage derzeit aufgrund der Covid-19-Pandemie gedämpft ist, ist zu erwarten, dass sich die Fertigstellung des Nord Stream-Projekts ungeachtet dessen verzögern wird. Die USA haben jedoch nach wie vor das Bedürfnis, „politische Schraubenschlüssel“ in den Prozess zu werfen, da sie Angst davor haben, was eine neue Realität im eigenen Land nach ihren Wahlen mit sich bringen könnte.

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Eine Analyse von Henry Kamens

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7 Kommentare

  1. South Stream haben sie doch auch am Strand von Bulgarien verhungern lassen.
    Sogar Mutti hat mal gesagt, dass wir uns in einem hybriden Krieg befinden. Hauptsache wir verstecken uns hinter krank machenden Masken, um nicht krank zu werden und freuen uns auf die nächste Wahl.

  2. Bezüglich der US-Pressionen gegen Nord Stream 2 zwecks Verhinderung des Bezugs von preisgünstigem Russen-Gas vermisse ich, daß deutsche Politiker den Amis nicht die Unzuverlässigkeit ihrer Lieferungen von Fracking-Gas vor Augen halten. Als vor geraumer Zeit der internationale Ölpreis den niedrigsten Stand erreichte, gingen in den USA Förderfirmen reihenweise in den Konkurs, weil ihr aufwendig zu gewinnendes Produkt sechsmal teurer als Russengas ist.
    In einem auf Tatsachen basierenden Film wurde evident, daß im ruralen Amerika der Widerstand breiter Bevölkerungsschichten gegen die Fracking-Industrie wächst.
    Vor diesem Hintergrund geriert sich Olaf Scholz zum erbärmlichen US-Lakai mit dem Beschwichtigungsangebot, Steuermilliarden für den Bau von Terminals zu verschwenden, um das US-Gas anzulanden.
    Die im Artikel erwähnte Drohaktion in Form ökonomischer Konsequenzen des texanischen Senators Ted Cruz gegen die Ostseehafenstadt in der der Rohrverleger für Nord Stream 2 stationiert ist , basiert auf dem am 3.6.2020 im US-Senat verabschiedeteten „Protecting Europe’s Energy Security Act“, eine die US-Kanonenbootpolitik universal substantiierende Rechtsnorm.

  3. Der Transit russischen Gases durch die Ukraine war immer von „Wegelagrei“ durch Timoschenko&Co. gekennzeichnet.
    Dann kam der Umsturz mit den Ereignissen des sgn. Maidan im Jahre 2014 . – Der Betrieb der Gasleitung wurde aus Sicht von Gazprom noch unkalkulierbarer und wurde auf Vorkasse umgestellt. Gleichzeitig verschlechterte sich der technische Zustand der Leitung. Das Gesamt-Risiko stieg.

    Um all dem zu entgehen beschloss das Nordstream Konsortium eine „Ausweichmöglichkeit“ zu schaffen. Der Bau einer weiteren direkten Leitung durch die Ostsee wurde mit dem Bau von NS2 im Jahre 2015 beschlossen und sofort in Angriff genommen.
    Die Ukraine sah ihre Felle davon schwimmen und die Yankees witterten ihre Chance gleichzeitig hier ihre LNG Interessen einzuspleißen.
    Ihre Sanktionen führten im Frühjahr dazu, dass die Arbeiten an NS2 schlagartig, mit dem Ausstieg der Firma Allseas und dem Abzug ihres Rohrverlegers, erst einmal unterbrochen wurden.
    Ein Ersatz war nicht in Sicht, da man mit so einem solchen worste case wohl nie gerechnet hat.

    Um aber weiterhin Gas verkaufen zu können, schloss Gazprom noch im Dez.2019 einen Vertrag mit der Ukraine, der bis 2020 einen weiteren Transit von zunächst 90 Mrd m³ vorsieht.
    Die Besonderheit liegt in der Tatsache, dass die Gebühren in voller Höhe bezahlt werden müssen, auch wenn weniger abgenommen wird. – So eine Verrücktheit muss man sich wirklich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen.
    Zum Glück sieht der Vertrag aber auch ein stufenweise Abschmelzung bis 2020 auf dann 42% vor.

    Wenn man das alles nun verinnerlicht, versteht man auch, dass es Gazprom momentan gar nicht pressiert NS2 schnell fertig zu bauen.
    Insofern könnte sich nach der US Wahl der Nebel über diesem Projekt wieder lichten und klarere Entscheidungen ermöglichen.

  4. Eine Korrektur meinerseits: “ „der Vertrag sieht aber auch ein stufenweise Abschmelzung bis 2025 auf dann 42% vor.“

    Somit könnte das Konsortium die NS2 ab dann auch ausreichend auslasten.

  5. Ein ehemaliges Direktionsmitglied der Wintershall Dea, Anteilseignerin beim Nord Stream 2-Projekt, schilderte kürzlich in einem Leserbrief Vorkommnisse bei der 1975 erbauten Sojus-Pipeline, welche die Ukraine durchquert. An der Tagesordnung waren illegale Gasabzapfungen seitens der Ukrainer und deren Verstöße gegen das Instandhaltungsabkommen was zu Betriebsstörungen und der häufigen Unterbrechung der Gaslieferungen führte. 2005 eskalierte der russisch-ukrainische Gasstreit, so daß Rußland andere Alternativen suchte: South Stream & Nord Stream.

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