Ein Gaskrieg mit Russland treibt die Türkei in den Kaukasus

Für die Türkei geht es beim Berg-Karabach-Konflikt um mehr als nur Hilfe für den Verbündeten Aserbaidschan. Es geht auch um Erdgas.

Ein Gastartikel von Hans-Peter Bergmann

Das Engagement der Türkei im südlichen Kaukasus, insbesondere im Territorialkonflikt zwischen seinem turkischen Verbündeten Aserbaidschan und Armenien, hat mehrere Gründe. Neben den neoosmanischen Ambitionen der aufstrebenden Mittelmacht und dem türkischen Nationalismus, welcher eine Art „großtürkische Föderation“ anstrebt, geht es auch um handfeste wirtschaftliche Interessen.

Man darf nämlich nicht vergessen, dass Berg-Karabach zwei von der Türkei unterstützte Pipelines strategisch überblickt, die im Wettbewerb zu jenen Russlands liegen. Und in der politischen Führung in Ankara gilt der Grundsatz, dass Russland weder ein Alliierter noch ein Feind ist, doch wenn man – insbesondere in Energiefragen – zu abhängig sei, habe man eine schlechte Verhandlungsposition.

Im Südkaukasus stehen die Zwillingspipelines ganz oben auf der Prioritätenliste der Türkei, von denen eine innerhalb weniger Wochen mit dem Transport von Erdgas von Aserbaidschan zum europäischen Festland beginnen soll.

Diese kritische Infrastruktur liegt im Schatten von Berg-Karabach, einer armenischen Enklave, die von Aserbaidschan beansprucht wird, während ein weiterer Abschnitt an der nordöstlichen Provinz Tavush in Armenien in Richtung Georgien und dann in die Türkei vorbeiführt.

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Der Territorialkonflikt zwischen Jerewan und Baku bedroht die Sicherheit der beiden Pipelines, zumal bereits Mörsergranaten nur wenige Meter nahe einer Pipeline einschlugen. Das kann Ankara nicht tolerieren. Immerhin geht es hierbei um wichtige Gaslieferungen in die Türkei – und über Griechenland schlussendlich auch nach Europa.

Die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline (BTC) und die parallel verlaufende Südkaukasus-Pipeline (SCP) haben dementsprechend einen hohen strategischen Wert für Ankara, weshalb sich die Türkei auch sehr aktiv in den Konflikt einmischt und von den Europäern verlangt, sich auf seine Seite zu stellen. Immerhin, so die türkische Argumentation, gehe es hier auch um die Energiesicherheit Europas und eine Reduktion von der Abhängigkeit vom russischen Erdgas.

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Ungeachtet dessen, dass in Jerewan nach einer Farbrevolution eine Soros-Marionette regiert, hegt man in Russland doch mehr Sympathien für die christlichen Armenier als für die muslimischen Aserbaidschaner. Dennoch versucht Moskau eine möglichst nicht zu einseitige Position einzunehmen, um in der Region wieder Ruhe zu schaffen. Unruheherde an der Peripherie sorgen nur für die Bindung von Ressourcen, die anderweitig gebraucht werden.

Es ist anzunehmen, dass sich Moskau dieses geopolitischen Dilemmas bewusst ist. Egal wie es weitergeht: der Kreml sitzt in einer Zwickmühle. Sich auf eine Seite zu stellen hieße, die andere Seite völlig zu verlieren. Aserbaidschan ist wirtschaftlich betrachtet für Russland wichtiger als Armenien, aber auf der emotionalen Ebene steht man den christlichen Armeniern näher. Mit entsprechender Hilfe für Jerewan wäre es sogar möglich, Armenien wieder auf die russische Seite zu bringen. Doch die großen armenischen Communities in Frankreich und den Vereinigten Staaten wären nach wie vor ein gewichtiger Faktor in der armenischen Politik, so dass dieses politische Spiel mit enormen Unsicherheiten behaftet ist.

Dennoch zeigt das Verhalten Ankaras, dass Moskau der türkischen Führung nicht trauen kann. Insbesondere in diesem Fall, in dem es um vitale türkische Interessen geht.

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