Warum hat Singapur kaum Covid-Tote?

Singapur vermeldet im Vergleich zu den Infektionszahlen und anderen Ländern mit ähnlichen Werten kaum Covid-Tote. Woran liegt das?

Von Marco Maier

In Sachen gemeldete Covid-19-Fälle liegt der asiatische Stadtstaat Singapur mit 55.747 Fällen auf Rang 45 aller 215 Staaten und Gebiete, die aufgelistet werden. Doch im Vergleich zu den anderen Ländern gibt es dort fast keine Covid-bezogene Todesfälle. Insgesamt sind es 27.

Zum Vergleich die anderen Staaten mit ähnlich vielen gemeldeten Fällen:

Polen: 56.684 Fälle und 1.877 Todesfälle
Singapur: 55.747 Fälle und 27 Todesfälle
Japan: 54.714 Fälle und 1.088 Todesfälle
Portugal: 54.102 Fälle und 1.778 Todesfälle

Fällt Ihnen etwas auf? Eigentlich müsste Singapur auch zwischen 1.000 und 2.000 Todesfälle aufweisen, tut es aber nicht.

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Gut, im Stadtstaat wurden insgesamt mehr als 1,6 Millionen Tests durchgeführt, was 275.078 Tests pro einer Million Einwohner entspricht (Mehrfachtestungen einzelner Personen inklusive). Polen hat beispielsweise 2,38 Millionen Tests (62.781 Tests pro einer Million Einwohner) durchgeführt, Japan 1,18 Millionen Tests (9.312 pro einer Million Einwohner) und Portugal 1,8 Millionen Tests (176.520 pro einer Million Einwohner).

Was bedeutet das?

Wenn man davon ausgeht, dass viele Infektionen aufgrund fehlender Symptome gar nicht erkannt (und durch Tests bestätigt) werden, darf man wohl davon ausgehen, dass das Virus beispielsweise in Japan oder Polen deutlich weiter verbreitet ist als es die offiziellen Zahlen zeigen.

Und nicht nur das. Auch die Demographie spielt eine große Rolle. Wenn man bedenkt, dass das Medianalter der an/mit Covid-19 Verstorbenen in Europa und den USA beispielsweise in etwa bei 80 Jahren liegt, wird deutlich, warum selbst Länder mit schlechterem Gesundheitssystem aber im Schnitt deutlich jüngerer Bevölkerung besser abschneiden.

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Doch das alles erklärt nicht, warum Singapur kaum Covid-Todesfälle vermeldet. Immerhin leben in der Stadt auch viele ältere Menschen und darunter auch viele mit entsprechenden Vorerkrankungen, die zum Tod durch das Virus führen können.

Singapur hat viele Lehren aus dem Sars-CoV-Ausbruch von 2002 gezogen, der zwar mit niedriger Morbidität und Mortalität verbunden war, aber die schlechte Vorbereitung des Landes auf Pandemien deutlich machte. Um diese Lücke zu schließen, wartete die Regierung nicht einfach ab, weil Sars-CoV vorbei war, sondern richtete stattdessen landesweit 900 Schnellreaktions-Kliniken (PHPCs) für die Bereitschaft des öffentlichen Gesundheitswesens ein, die für eine bessere Reaktion auf Pandemien und Ausbrüche vorgesehen waren. Die PHPCs dienen als Vermittler zwischen der Gemeinde und den Krankenhäusern, indem sie alle Patienten mit grippeähnlichen oder Lungenentzündungssymptomen in Niedrigrisiko- und Hochrisikogruppen untersuchen. Die Hochrisikogruppe wird zur weiteren Beurteilung und Behandlung an ein Krankenhaus für Infektionskrankheiten überwiesen.

Das Screening aller Patienten mit grippeähnlichen Symptomen war wichtig, da die Symptome von Covid-19 beim ersten Auftreten schlecht definiert waren und oft mit der saisonalen Grippe verwechselt wurden. Daher war das Potenzial für Fehldiagnosen, die zu einer groben Untererfassung führten, hoch, was dazu führte, dass einige Forscher die übermäßigen Todesfälle als besseren Kalkulator für die Covid-19-bedingte Mortalität verwendeten.

Hinzu kommt, dass sich Covid-19 in Singapur vor allem unter den Gastarbeitern ausbreitete – also vergleichsweise junge Menschen, die weniger Vorerkrankungen haben. Und in Singapur gilt das Prinzip, wonach man Sterbefälle nur dann Covid-19 zurechnet, wenn das Virus die Hauptursache für den Tod war, während man beispielsweise in der EU und in den USA auch ohne Autopsien wild Todesfälle hinzurechnet – auch generell Sterbefälle in Altersheimen.

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Abschließend kann man sagen: Die niedrige Zahl an Covid-Toten in Singapur basiert auf mehreren Faktoren wie rasche Reaktion, Demographie und eine realistische Zählweise.

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