Lässt Covid-19 die Globalisierung zurückdrehen?

In Europa denkt man zunehmend darüber nach, die Produktion von Medikamenten zurückzuholen. Auch bei anderen systemrelevanten Bereichen könnte eine Rückabwicklung kommen.

Von Marco Maier

Die Kollaboration der Politik mit der Pharmaindustrie hat dafür gesorgt, dass diese ihre Produktion von Medikamenten und deren Grundchemikalien in Länder wie China und Indien auslagerten, die zusammen mittlerweile für die Bereitstellung von rund 80 Prozent des globalen Bedarfs verantwortlich zeichnen.

Die günstigere Produktion dort führte jedoch nicht unbedingt auch zu billigeren Preisen in den europäischen oder amerikanischen Apotheken und Krankenhäusern, sondern vor allem zu höheren Gewinnspannen für die Konzerne und somit für höhere Dividenden für die Aktionäre und höhere Boni für die Manager.

Doch angesichts der Unterbrechung der globalen Lieferketten infolge der Lockdowns gegen die Ausbreitung von Covid-19, was schon vorher bestehende Probleme noch weiter verschärfte, wächst die Kritik an diesem Outsourcing immer weiter an. Selbst in der deutschen Politik wächst diese Erkenntnis inzwischen.

„Wir müssen im Zweifelsfall auch für überlebenswichtige Güter eine gewisse Eigenversorgung garantieren“, sagte der für Europa zuständige Staatsminister im Auswärtigen Amt, Michael Roth (SPD), der „Welt“ auf die Frage, ob die EU in den vergangenen Jahren zu viele sensible Sektoren globalisiert habe.

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„Es mutet schon merkwürdig an, wenn der größte Binnenmarkt der Welt mit rund 450 Millionen Menschen offenkundig zentrale Güter überhaupt nicht mehr vorhält.“ Man habe feststellen müssen, „dass es bei gewissen, dringend benötigten medizinischen Produkten gar keine europäische Autonomie und Souveränität mehr gibt“. Es sei eine „schmerzhafte Erfahrung, sich einzugestehen, bei medizinischen Produkten teilweise abhängig zu sein von China und Indien“. Der französische Präsident habe an diesem Punkt recht.

„Die Tatsache, dass wir die Herstellung bestimmter Produkte in bestimmten Ländern konzentriert haben, stellt uns heute vor besondere Schwierigkeiten“, sagte Frankreichs Europaministerin Amélie de Montchalin der „Welt“. Diese Tatsache müsse man hinterfragen. „Und wir müssen uns fragen, wie wir hier auf europäischer Ebene wieder Souveränität erlangen können. Das werden die Fragen sein, die wir uns in der Zeit nach der Krise stellen werden müssen.“

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte zuletzt gefordert, dass Europa künftig bei sensiblen Gütern wie Medikamenten nicht mehr von Drittstaaten abhängig sein dürfe. Auf diesen Feldern die Regeln des Marktes frei walten zu lassen, sei eine „Verrücktheit“.

Doch wie weit will er gehen? So lange private Konzerne dafür verantwortlich sind, geht das Gewinnstreben über alles Andere. Auch wenn man die EU für viele Dinge scharf kritisieren kann, darf und sollte – wenn es um die europäische Zusammenarbeit im Pharmasektor geht, könnte dies durchaus positive Auswirkungen auf das Gesundheitssystem haben.

Immerhin wird schon seit langem auch im öffentlichen Sektor geforscht, wobei die Ergebnisse dann nicht selten den privaten Pharmakonzernen zugute kommen. Die Öffentlichkeit subventioniert, Big Pharma kassiert – und das gleich mehrfach.

Es ist davon auszugehen, dass auch in anderen systemrelevanten und sensiblen Bereichen zu einer Renationalisierung (bzw. in der EU zu einer Europäisierung) kommen wird. Die Globalisierung erfährt wohl sukzessive eine kleine Rückabwicklung. Man muss sich eben die Frage stellen, welche wirtschaftlichen Bereiche man sinnvollerweise wieder zurück in den eigenen Machtbereich bekommt, um im Krisenfall auf der sicheren Seite zu sein.

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Ein Kommentar

  1. Den grenzenlosen Markt kann man so oder so sehen. In meinen Augen, auch als früherer Teilnehmer am wirtschaftlichen Expansionsgedanken, bestehen hohe Risiken bei der Warenbeschaffung, trotz aller Freude an der vermeintlichen Gewinnmaximierung für den Anbieter und den Kunden.
    Hier hat in gewisser Weise eine Fehlentwicklung stattgefunden, die dazu führte, daß man ehemalige Schwellenländer zu Konkurrenten aufbaute und diese nun zurückschlagen in mannigfaltiger Form. Wer seinen Wissensvorsprung in andere Hände übergibt, der erzeugt geradezu Mitbewerber und das ist bei aller Freude an der Billigproduktion über Jahrzehnte großzügig übersehen worden und nun bei Störungen offen negativ zu Tage tritt.
    Es wäre vielleicht sinnvoll gewesen bestimmte Schlüsselkomponenten keinesfalls aus der Hand zu geben, bei Einfachartikeln ist es sicherlich sinnvoll, aber nicht bei hochkomplexen Produkten. Die hätte man im Land lassen müssen und sie hüten sollen, wie einen Sack voller Gold. Denn wer sein Wissenskapital verspielt und dabei noch nicht einmal über Rohstoffe verfügt begibt sich in völlige Abhängigkeit und beraubt sich seiner eigenen Zukunft.
    Der Gedanke, daß man über Verträge alles regeln kann ist eine Schimäre, weil dazu immer zwei gehören, die dann auch mit lauterer Absicht, diese einhalten. Die Stärke der Asiaten wurde mit dem Know How des Westens regelrecht herangezüchtet und nun stecken wir in großen Schwierigkeiten und haben nur noch ein Restguthaben im Wissen, wo die gerade dabei sind auch dieses noch hierzulande aufzukaufen. Wenn das mal gut endet.

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