Kommt das Ende des Offshorings?

Der globale Lockdown infolge der Covid-19-Ausbreitung wird auch Einfluss auf die künftige globale Wirtschaft haben. Offshoring steht immer stärker in der Kritik.

Von Marco Maier

Als Covid-19 im chinesischen Wuhan ausbrach und daraufhin das industrielle Herz des Reichs der Mitte innerhalb weniger Wochen dicht gemacht wurde, hatte dies einen enormen Effekt auf die globalen Lieferketten. Infolge des jahrzehntelangen Outsourcings von industriellen Kapazitäten nach China gibt es kaum einen produktiven Bereich, der nicht auf die eine oder andere Art davon betroffen wäre.

Egal ob es die Automobilindustrie, der Technologiesektor oder auch nur die Verpackungsmittelindustrie ist – ohne Vorleistungen aus China geht heute kaum mehr etwas. Besonders schlimm trifft es den medizinischen Sektor, da China (welches vor allem die Grundchemikalien herstellt) und Indien (welches diese dann zu den fertigen Medikamenten verarbeitet) zusammen für rund 80 Prozent der globalen Medikamentenproduktion verantwortlich sind.

Dieses zentralisierte Outsourcing führt nun zu massiven Problemen, da sowohl die Produktion als auch der Export gestört sind – und im Falle Indiens bereits Exportbeschränkungen auferlegt wurden, um dem heimischen Markt noch genügend Medikamente zur Verfügung zu stellen.

Die Erfahrungen dieses globalen Lockdowns sorgen nun für ein Umdenken. Marshall Auerback und Jan Ritch-Frel haben dies bei „Asia Times“ am Beispiel der Automobilindustrie in den USA dargestellt:

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Schlechte Ideen und schädliche Orthodoxien wuchsen im Laufe der Jahrzehnte wie Seepocken auf dem einst weltweit führenden Hersteller. Zunächst bestand die Idee darin, dass Offshoring für die Erhaltung der Rentabilität unerlässlich ist. Oft war diese Behauptung offensichtlicher als real.

In Bezug auf die Rentabilität haben viele Unternehmen beschlossen, die Produktion trotz anhaltender Inlandsgewinne an den heimischen Ufern ins Ausland zu verlagern. Zum Beispiel waren die fünf nordamerikanischen Werke, die General Motors 2019 stilllegte, immer noch rentabel, aber das Unternehmen, das 2009 eine Rettungsaktion der US-Regierung erhalten hatte, entschied sich, sich wieder auf die margenstärkeren Aktivitäten in China zu konzentrieren.

Natürlich lässt der von Bankern und Spekulanten kontrollierte Kapitalismus den Unternehmen freien Lauf, um Gewinne zu erzielen, wie sie es für richtig halten. Die Konsequenzen sind, dass Detroits „Big Three“-Autohersteller seit Jahrzehnten im Vergleich zu ihren deutschen und japanischen Kollegen durchwegs unterdurchschnittlich abschneiden, weil sie sich für eine von der Wall Street geprägte Kultur entschieden haben, bei der kurzfristige Quartalsgewinne, massive Dividendenausschüttungen und beispiellose Aktienrückkäufe gegenüber produktive Investitionen in Innovationen Vorrang haben.

Und wie die Erfahrung von GM im Jahr 2019 zeigt, haben die daraus resultierenden Gewinne nicht zu einer Reinvestition im Inland geführt, was wiederum inländische Arbeitsplätze schafft, sondern im Ausland, um Chinas Produktionsbasis zu erweitern. GM ist nur ein Beispiel für die Hunderte von großen Unternehmensakteuren, die das industrielle Ökosystem Amerikas entblößt haben und Lücken im US-Arbeitskräftepool und einen Mangel an lebenswichtigen Fachkräften geschaffen haben.

Outsourcing ist „out“

In Europa ist es jedoch in vielen Bereichen auch nicht viel besser. Auch dort sind viele Industrien von den Lieferungen aus China und anderen Niedriglohnländern abhängig.

Nun jedoch scheint sich langsam ein Umdenken breit zu machen. Zwar darf man keine „große Revolution“ erwarten, doch die großen Konzerne merken nun auch, wie ihnen die Felle davonschwimmen, weil ihre Outsourcing-Strategie sie wohl deutlich mehr kostet als das was sie an Gewinnen durch niedrigere Löhne, Steuern, Abgaben und Regulatorien zuvor eingestrichen haben.

Es ist zu erwarten, dass sich neue Initiativen bilden, welche die Renationalisierung und Dezentralisierung wichtiger industrieller Bereiche einfordern. Die Covid-19-Lockdowns sind eigentlich nur ein Probelauf für künftige globale Pandemien mit wirklich extrem tödlichen Bazillen und massiveren Shutdowns. Und diese werden mit Sicherheit kommen – Ob nun aus natürlicher Quelle oder durch die Freisetzung von biologischen Kampfstoffen spielt hierbei keine Rolle.

Egal ob es sich nun um China, die USA oder sonst ein Land dieser Welt handelt: nirgendwo sollte eine dermaßen enorme Konzentration an essentiellen Produktionskapazitäten konzentriert sein. Diese Erkenntnis wird in den kommenden Wochen und Monaten auch bei den „Eliten“ der Welt reifen und zu entsprechenden Maßnahmen führen.

Es ist denkbar, dass viele größere Konzerne wieder Teile ihrer Produktion nach Europa und nach Nordamerika verlagern. Dann allerdings sehr wahrscheinlich mit einem höheren Automatisierungsgrad um die Kosten niedrig zu halten. Zu einem Jobwunder wird dies wohl kaum führen, aber zumindest zur Schaffung einiger besser bezahlter Arbeitsplätze.

Eine „Verschwörungstheorie“ zum Schluss

Angesichts dessen, dass US-Präsident Trump ja eine „America First“-Politik verfolgt und die Rückkehr von Produktionsstätten aus China in die USA fordert, könnte man übrigens auch damit argumentieren, dass die „Verschwörungstheorie“, wonach US-Geheimdienste das Virus in Wuhan freisetzten um die chinesische Wirtschaft zu schwächen, wahr ist. Sozusagen eine ausgeklügelte Strategie.

Denn der ohnehin unvermeidliche Kollaps des Weltfinanzsystems kann nun dem Virus angelastet werden (wodurch man die dadurch entstehende Krise der Realwirtschaft nicht Trump anlastet, der ja wiedergewählt werden will), wodurch sich auch eine Neuordnung ergibt. Viele Konzerne werden nun dazu gezwungen sein, ihre Produktion (wieder und zumindest teilweise) in die USA zurückzubringen, wodurch wieder mehr „blue collar jobs“ entstehen.

Gleichzeitig wird der geopolitische und weltwirtschaftliche Rivale China nachhaltig geschwächt, was die US-Hegemonie auf dem Globus wieder stärkt. Damit können Trump und die Republikaner bei den Wählern punkten und „Amerika wieder groß machen“. Was halten Sie davon?

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2 Kommentare

  1. Jeweils klanwirtschaftliche Gruppierungen agieren gleichermaßen in den USA, China, Russland, Indien und in der EU mit dem Ziel ihre Interessen mittels Einflussnahme auf staatliche Strukturen möglichst effizient durchzusetzen.

    Im übertragenen Sinne ist es bislang keine Frage gewesen, welcher Hooligan seinen Schulhof auf Rang 1 zu halten in der Lage war.

    Durch ein ganz kleines Tierchen wird nun etwas in Frage gestellt und sichtbar, was bislang über jeden Zweifel erhaben war.
    Das große Rennen ist gestartet – und gewertet wird erst nach Zieldurchgang.

  2. Jeder „normale“ Unternehmer, jeder „normale“ Kaufmann, dem das Unternehmen, das Handelshaus gehört und selbst unternehmerisch, kaufmännisch führt oder eine Person mit unternehmerischen, kaufmännischen Eigenschaften eingesetzt hat, wird sich nie in eine einseitige Abhängigkeit begeben – es sei denn aus riesiger Dummheit oder Habgier.

    Bei den heutigen Kapitalgesellschaften und den eingesetzten Managern sieht es völlig anders aus. Sie sind alleinig dem internationalen Finanzkapital und damit dem ständigen Maximalprofit verpflichtet. Sie haben keine wahre Bindung zum Unternehmen, zum Standort, zum Land in dem sich das Unternehmen befindet. Das wird nur hin und wieder vorgeheuchelt, um Fördermittel, Beihilfen, bedingungslose Direktzuwendungen oder Grund und Boden für einen Appel und ein Ei zu erhalten – als Extraprofite.

    Nein, wenn diese Konzerne nicht an die kurze Leine genommen werden, machen sie so immer weiter.

    In der EU überbieten sich die Einzelländer doch noch immer mit Zuwendungen aus Steuermitteln, um genau diesen Konzernen ihre Extraprofite zu garantieren. Also zieht die Karawane vagabundierend weiter, immer dem Profit nach.
    Hier ist der Druck durch die Politik längst nicht so groß, wie jetzt in den USA. Was dort dauerhaft aber nur durch eine Änderung des Finanzsystems Bestand haben kann.

    Gerade was jetzt unter dem Corona-Deckmantel passiert, verhindert doch Innovationen, Rationalisierungen, Hightech-Entwicklungen. In der EU und speziell in Deutschland dominiert weiterhin der billige Arbeitssklave, auch als Schrauber von Zulieferungen aus China.

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