Coronavirus: Indien steht vor einer Katastrophe

Indien verzeichnet den ersten Coronavirus-Toten. Doch die Geschichte dahinter zeigt, dass das Land vor einer Katastrophe steht – ein Massenausbruch steht bevor.

Von Marco Maier

Bislang verzeichnet Indien offiziell gerade einmal 74 mit dem neuen Coronavirus infizierte Personen. Eine von ihnen, ein 76 Jahre alter Mann aus dem südlichen Bundesstaat Karnataka, der am 29. Februar aus Saudi-Arabien zurückkam, starb. Doch die ganze Geschichte offenbart, in welch schlechtem Zustand das 1,3 Milliarden Menschen umfassende Land diese Pandemie bekämpfen will.

Die britische Tageszeitung „The Independent“ berichtet über die Horrorstory:

Das Gesundheitsministerium teilte mit, der Mann sei am Montag erstmals in ein privates Krankenhaus in der Stadt Kalaburgi eingeliefert worden, wo eine Probe entnommen und zur Analyse in eine der relativ wenigen Einrichtungen Indiens geschickt wurde, die für Covid-19-Labortests verifiziert wurden.

„Ohne auf die Testergebnisse zu warten, bestanden die Anwesenden darauf, dass der Patient gegen ärztlichen Rat entlassen wurde, und brachten ihn in ein privates Krankenhaus in Hyderabad“, heißt es in der Erklärung.

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Ein hochrangiger Staatsbeamter traf sich mit der Familie, „um sie davon zu überzeugen, den Patienten in die Isolationsstation aufzunehmen. Aber die Teilnehmer weigerten sich, [dem Beamten] zuzuhören. Sie verlegten ihn ohne Wissen des Beamten nach Hyderabad.“

Als sich der Gesundheitszustand des Mannes weiter verschlechterte, entließ ihn die Familie erneut und war auf dem Weg zum spezialisierten Gulbarga-Institut für medizinische Wissenschaften, als er am Dienstag, dem 10. März, auf der Hinreise starb. Testergebnisse, die eine Coronavirus-Infektion bestätigen, kamen am Donnerstag zurück, teilte das Ministerium mit.

Beamte sagten, die Kontaktverfolgung sei im Gange und werde von der Landesregierung „kontinuierlich überwacht“, aber die Abfolge der Ereignisse werde nichts für das Vertrauen in die Fähigkeit Indiens tun, einen größeren Virusausbruch einzudämmen.

Angesichts der Besorgnis, dass ein Mangel an Testeinrichtungen und der allgemein bedrängte Zustand der Gesundheitsinfrastruktur das wahre Ausmaß des Ausbruchs im Land verschleiern könnten, stieg die Zahl der bestätigten Fälle in Indien am Freitag auf 74.

Der Mann, der kürzlich nach einem Monat in Saudi-Arabien nach Indien zurückgekehrt war, wurde am Flughafen bei seiner Rückkehr am 29. Februar untersucht, hatte aber keine Symptome. Er wurde schließlich ins Krankenhaus gebracht, nachdem er letzte Woche „Schwierigkeiten“ hatte.

Der südliche Bundesstaat Karnataka, in dem der Mann lebte und starb, hat alle Versammlungen, einschließlich Hochzeiten, Sportveranstaltungen und Konferenzen, für eine Woche verboten, da die indischen Behörden versuchen, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen.

Karnataka-Chefminister BS Yediyurappa erklärte, dass alle Einkaufszentren, Kinos, Pubs und Nachtclubs ebenfalls geschlossen wurden.

„Die Regierung wird nach einer Woche nach einer Überprüfung über weitere Maßnahmen entscheiden“, kündigte Yediyurappa am Freitag an.

Nach Angaben der Economic Times wurden 46 Personen, die in direktem Kontakt mit dem 76-jährigen Mann standen, unter Quarantäne gestellt.

Doch angesichts der katastrophalen hygienischen Verhältnisse im Land und dem nicht wirklich funktionierenden Gesundheitssystem, sowie der dichten Bevölkerungsstrukturen, dürfte eine Eindämmung der Virusinfektionen kaum möglich sein.

Es gibt Befürchtungen, dass die Zahlen von Wuhan in China, dem Epizentrum des Ausbruchs, gegen das was Indien erwartet nur ein Kinderspiel ist. Im Gegensatz zum nördlichen Nachbarland, welches auf eine totale Überwachung, eine sehr restriktive Durchsetzung von Ausgangssperren und Künstliche Intelligenz zur Bekämpfung der Pandemie setzt, ist das chaotische Indien nicht einmal ansatzweise in der Lage, umfassende Quarantänemaßnahmen umzusetzen.

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4 Kommentare

  1. Das ist wieder einmal ein Versuch Indien mit dem Westen zu vergleichen.
    Und ich sehe da nur bedingt einen ernstzunehmenden Ansatz.
    Sterben ist ein Teil der indischen Kultur. Für 100 Verstorbene werden einfach 300 neue Kinder gezeugt.
    Auch unterschätzen Sie ganz offensichtlich das medizinische System.
    OK, Sie haben Recht, daß was wir als medizinischen Standart ansehen ist in Indien mehr als unterentwickelt.
    Aber – in Indien wird eine Form der natürlichen Gesunderhaltung praktiziert.
    Es wird wohl kaum ein anderes Land geben, in dem so viele Senioren täglich Atemübungen absolvieren.
    Ich bin ja fast davon überzeugt, daß Indien wesentlich weniger Probleme mit Corona haben wird, als der Westen.
    Aber es ist unverkennbar ein „Drecksloch“ – da kommt man schnell auf den Gedanken, daß Indien ein Drama erleben wird.

    1. Die Westler haben bedingt duch sehr wenig Bildung keine Ahnung was in der Welt vor sich geht. Schon gar nicht von jenen Ländern die im Osten liegen.

      1. Da ist was Wahres dran.
        Wenn der Westen nicht so vehement seine Bessermenschen-Hybris pflegen würde, hätten wir schon längst unser Spektrum enorm erweitern können.

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