Braucht man einen religiösen Glauben, eine Religion? Wer bestimmt, was wahr und was unwahr ist? Gedanken eines Agnostikers.

Von Marco Maier

In Deutschland sind derzeit rund 28 Prozent der Bevölkerung offiziell katholisch, 27 Prozent protestantisch. Hinzu kommen noch etwa 2-4 Prozent die Mitglied anderer christlicher Kirchen sind. Damit gelten knapp 57 Prozent der Menschen in der Bundesrepublik als Christen. Hinzu kommen noch wohl rund 6 Prozent Muslime und 1 Prozent an Mitgliedern sonstiger Religionsgemeinschaften.

Das heißt: nicht einmal mehr zwei Drittel aller Menschen in Deutschland sind Mitglied einer religiösen Gemeinschaft. Bis zu 37 Prozent gelten als konfessionslos. Doch das bedeutet nicht, dass alle Mitglieder einer Religionsgemeinschaft auch tatsächlich religiös sind bzw. an die Glaubensinhalte glauben, wie auch viele der Konfessionslosen zwar weiterhin einen Glauben haben, jedoch aus unterschiedlichen Gründen nicht (mehr) Mitglied einer religiösen Gemeinschaft sind.

Doch generell sehen wir – nicht nur in Deutschland – eine zunehmende Säkularisierung bzw. Entreligiosisierung der Menschen. Lediglich ein verschwindend geringer Teil geht den anderen Weg und radikalisiert sich (wie z.B. die Salafisten und Muslimbrüder bei den Muslimen, oder die Neumitglieder diverser evangelikalen Sekten, bzw. der Zeugen Jehovas bei den Christen).

Ich selbst sehe mich beispielsweise als „agnostischen Theisten“. Rational betrachtet, rein auf Basis des Umstandes, dass wir seit Entstehung der Menschen eine „Evolution der Religionen“ gesehen haben, kann ich mit den (im Zuge der Entwicklung der Schrift quasi festgeschriebenen) Religionen dieser Welt nicht viel anfangen. Das Christentum basiert (wie der Islam) auf der hebräischen Religion, welche wiederum Teil einer alten semitischen Religionsfamilie ist, die wiederum ihre Wurzeln in den Stammesreligionen ihrer eigenen Vorfahren hat. Aus „primitiven“ Naturreligionen entwickelten sich „moderne“ Buchreligionen.

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Der hebräische Gott Jahwe war nur einer von vielen Göttern dieser Region und Zeit. Baal, Tammuz & Co hatten (wie auch das Alte Testament an mehreren Stellen zeigt) durchaus ebenso ihre Anhänger. Dann gibt es noch die kanaanitische Schöpfungsgeschichte, in der die Geschichte von Adam und Eva völlig anders erzählt wird als in der Bibel. Differenzen, die man beispielsweise auch in den verbliebenen Resten alter europäischer Religionen sieht, wo die „Interpretatio Romana“ (also die Gleichsetzung germanischer, keltischer, slawischer usw. Götter mit ihren meist passenden römischen Pendants) auch immer wieder an ihre Grenzen stieß. Warum? Weil sich die Religionen regional unterschiedlich entwickelten. Thor (nordgermanisch) und Donar (südgermanisch) mögen zwar wie Odin (Norden) und Wotan (Süden) faktisch die gleichen Götter gewesen sein, doch die Charakterisierung unterschied sich oftmals von Stamm zu Stamm.

Um zur Interpretatio Romana zurückzukehren: Die Römer setzten beispielsweise Jupiter dem griechischen Zeus, dem keltischen Taranis und dem germanischen Thor gleich, während Juno der griechischen Hera entsprach. Der Kriegsgott Mars wurde dem griechischen Ares und dem germanischen Tyr gleichgesetzt, aber auch dem keltischen Teutates. Doch während Odin insbesondere in den späteren germanischen Religionen die Rolle des Göttervaters übernahm, setzten ihn die Römer mit ihrem Merkur (und dem griechischen Hermes) gleich. Verstehen Sie was ich damit sagen will?

Das heißt: rein rational kann ich mit all diesen Göttern und Religionen nicht viel anfangen. Sie gehen alle auf die Erfahrungen der Frühmenschen zurück, die sich viele Dinge mangels Wissen nicht erklären konnten. Woher kommt der Wind? Warum regnet oder schneit es (oder auch nicht)? Warum gibt es Erdbeben und warum spucken manche Berge Feuer und Asche? Irgendwann kamen auch Fragen nach Leben und Tod (und einem möglichen Leben nach dem Tod) auf. Philosophische Fragen also. Fragen, auf die es (teils bis heute) keine (wissenschaftliche) Antwort gibt. Also machte man „Götter“ dafür verantwortlich. Bis dann irgendwann die Zeit kam, in der der Monotheismus (ein Gott für alles) aufstieg. Doch auch dieser Gott ist nur einer von vielen Göttern, der damals mit der Aufzeichnung auf Stein-/Tontafeln und Papyri von der Priesterschaft ausgewählt wurde und seine Existenz (in den Köpfen der Menschen) lediglich den Erfahrungen und Erlebnissen der zig Generationen zuvor verdankt.

So weit der Exkurs zu meinen rationalen Überlegungen. Doch warum bezeichne ich mich als Agnostiker? Weil ich eben nicht weiß, ob so etwas wie Gott/Götter existiert/existieren oder nicht. Für mich persönlich gibt es keine rationalen Beweise die mir absolute Gewissheit geben. Und warum bezeichne ich mich als agnostischer Theist? Weil ich glaube, dass da „etwas“ ist, etwas, das unsere menschliche Intelligenz und Vorstellungskraft übersteigt. Doch das ist kein göttliches Wesen, das sich vor mehreren Tausenden Jahren einmal angeblich ein paar Leuten gezeigt hat und seitdem im Urlaub ist und den menschlichen Stellvertretern auf Erden das Management überlässt (was sie übrigens mehr schlecht als recht machen…).

Schlussendlich, so denke ich, spielt es allerdings keine große Rolle, ob jemand religiös ist oder nicht. Jemand sagte einmal: „Gute Menschen tun gute Dinge. Schlechte Menschen tun schlechte Dinge. Die Religion ist jedoch das Einzige, das gute Menschen schlechte Dinge tun lässt.“ Man kann über diese Feststellung sicherlich streiten, doch wie viele Menschen haben schon im Namen ihres „Gottes“ Gräueltaten an „Ungläubigen“, an „Ketzern“, an „Häretikern“ oder einfach an unschuldigen anderen Menschen begangen? Zu viele, denke ich. Und das sollte durchaus nachdenklich machen.

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2 thoughts on “Glaube, Religion und Agnostizismus”

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