Die Gasvorkommen bei Zypern entwickeln sich zu einem enormen Disput zwischen der Türkei und der EU. Doch die Optionen Ankaras sind beschränkt.

Von Vanand Meliksetian / Oilprice.com

Der Standort der Türkei hat ihr immer einen wichtigen geostrategischen Vorteil verschafft. Die Nähe zum Nahen Osten und zum Kaspischen Meer sowie seine Lage am Schwarzen Meer machen es zu einem unverzichtbaren Mitglied der NATO. In den letzten Jahren haben sich jedoch die diplomatischen Beziehungen Ankaras zu seinen westlichen Verbündeten abgekühlt. Die Entdeckung großer Energievorkommen im östlichen Mittelmeerraum verschärft die Spannungen.

Zypern ist eines der Länder, die erheblich vom neu entdeckten Erdgasreichtum profitieren könnten. Der Inselstaat importiert derzeit seine gesamte Energie, aber die Entdeckung von Gasvorkommen könnte die Energiesicherheit Zyperns verbessern und es gleichzeitig zu einer Energie exportierenden Nation machen. Die angespannten Beziehungen Nikosias zu seinem großen nördlichen Nachbarn könnten jedoch die Entwicklung seines Energiesektors behindern.

Die türkische Invasion von 1974 trennte die Insel zwischen einem international anerkannten Zypern und der türkischen Republik Nordzypern, die nur von der Türkei anerkannt wird. Um die Angelegenheit noch komplizierter zu machen, ist Nikosia Mitglied der EU, während der Beitrittsantrag von Ankara noch aussteht.

Die Türkei möchte, dass ein Teil der neu entdeckten Energieressourcen an die türkischen Einwohner der Insel geht. Darüber hinaus hat Ankara Erkundungsschiffe in die Exklusive Wirtschaftszone (EWZ) von Nikosia geschickt, was zu einer scharfen Rüge seitens der EU geführt hat.

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Brüssel hat seine Position sehr deutlich gemacht und erklärt, dass Zypern eine unabhängige Nation mit weit verbreiteter internationaler Anerkennung ist und dass die Türkei wiederholt Gewalt angewendet hat, um Energieunternehmen von der Erkundung der EWZ des Inselstaats abzuhalten.

Letzte Woche einigten sich die Außenminister der EU auf Wirtschaftssanktionen für das Vorgehen der Türkei in den Gewässern Zyperns. Dazu gehören Einfrieren von Vermögenswerten und Reiseverbote. Auch die technische und materielle Unterstützung von Bohraktivitäten ist untersagt. Die jüngste Entscheidung folgt auf eine frühere Runde, in der Waffenverkäufe nach dem Einmarsch des Landes in Syrien verboten wurden.

Es gibt jedoch nicht viel, was die EU tun kann, um Ankaras Entscheidungsfindung zu beeinflussen. Die Türkei beherbergt ungefähr 3,5 Millionen Vertriebene. Die EU unterstützt Ankara finanziell, um die Fortsetzung der Reise der Flüchtlinge nach Europa zu verhindern. Präsident Erdogan hat bereits damit gedroht, Europa mit den Vertriebenen zu überschwemmen, die die Türkei seit mehreren Jahren als „Heimat“ bezeichnen. Laut einigen griechischen Behörden kann Ankara 500.000 Flüchtlinge sofort nach Europa „senden“.

Noch wichtiger ist, dass sich Tausende von inhaftierten IS-Kämpfern derzeit in türkischen Gefängnissen oder unter der Aufsicht von von der Türkei unterstützten arabischen Kämpfern in Syrien befinden. Ankara fordert die europäischen Länder auf, den radikalisierten Bürgern die Rückkehr in ihr Herkunftsland zu gestatten, damit sie dort vor Gericht gestellt werden können. Die innenpolitischen Entwicklungen in mehreren europäischen Ländern behindern jedoch die Aufnahme von „einheimischen“ islamischen Terroristen.

Die Türkei ist sich ihres Vorteils gegenüber der EU bewusst und scheut sich nicht, ihn auszunutzen. Erdogan ist trotz zunehmender wirtschaftlicher und politischer Gegenwinde im In- und Ausland rebellisch geblieben. Bei einem Staatsbesuch in den USA warnte der türkische Präsident die EU, dass es zu einer Flut von Flüchtlingen kommen und Terroristen über die Grenze inhaftiert werden könnten.

Laut Erdogan:

„Die Türkei ist keines der Länder, die Sie bisher kennengelernt haben. Wir sind ein Land, das mit Ihnen am Verhandlungstisch sitzt.“

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Ankaras Beitrittsgespräche mit der EU sind seit Jahren in einer Pattsituation, und die Mitgliedschaft sieht zunehmend wie eine Fantasie aus.

Es ist unklar, wie die Türkei potenzielle Gasentdeckungen nutzen wird, wenn westliche Energieunternehmen kein technologisches Know-how teilen dürfen. Ankara könnte sich an die staatlichen russischen Energieunternehmen wenden, die selbst von westlichen Sanktionen betroffen sind und daher bereit wären, einen Deal mit Ankara abzuschließen. In der Vergangenheit hatte Moskau jedoch aufgrund seiner gemeinsamen orthodoxen Religion gute Beziehungen zu Zypern. Infolgedessen bleibt ungewiss, wie Russland dieses geopolitische Rätsel angehen wird.

Realistisch gesehen sind die Möglichkeiten der Türkei hier begrenzt. Trotz der engen Beziehungen bleibt das Land ein Mitglied der NATO und seine wichtigsten Wirtschaftspartner sind westliche Länder. Daher wird sich Ankara höchstwahrscheinlich für eine Deeskalation entscheiden, bevor die Dinge außer Kontrolle geraten.

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