Verursacht die Türkei eine NATO-Krise?

Während die außenpolitischen Ziele der USA weiterhin von den gemeinsamen Interessen ihrer Verbündeten abweichen, könnten einige der grundlegenden Allianzen Washingtons infolgedessen unter Druck geraten. Wird seine finanzielle Größe den Niedergang seiner wichtigsten militärischen Allianzen beschleunigen?

Von Patrick Henningsen / 21st Century Wire

Die Türkei wurde ein integraler Bestandteil des von den USA geführten geopolitischen Einflussbereichs, nachdem sie 1952 der Organisation des Nordatlantikvertrags (NATO) beigetreten war. Diese gemeinsame Mission fiel direkt unter den bipolaren Rahmenbedingungen des Kalten Krieges der internationalen Nachkriegsordnung, in denen nur wenige die Führung und den wirtschaftlichen Einfluss der Vereinigten Staaten in Frage stellten. Das Gleiche kann man in der heutigen internationalen Ordnung nicht sagen.

Am Freitag sprach der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan auf seinem Rückflug von der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York mit Reportern. Er gab eine strenge Rüge gegen das von den USA geführte Wirtschaftsembargo gegen den Iran ab und sagte, es sei für sein Land praktisch „unmöglich“, den Kauf iranischen Öls und Erdgases zu stoppen. Erdogan warnte die Finanzbeamten in Washington, dass sein Land die US-Sanktionen gegen den Iran einfach ignorieren würde. Damit befindet sich Washington in einer prekären Situation, als es versucht, seine „Kampagne mit maximalem Druck“ gegen Teheran voranzutreiben. In einer Erklärung gegenüber dem Sender NTV sagte Erdogan, es sei für die Türkei unmöglich, den Kauf von Öl und Erdgas aus dem Iran einzustellen – trotz der Androhung von Sanktionen durch die USA.

Ein solcher Trotz wird der ultimative Test für die imperialistischen Falken in Washington sein, die den Wirtschaftskrieg als geopolitische Waffe ihrer Wahl gewählt haben.

Bereits im November 2018 hatte Erdogan lautstark protestiert und die US-Sanktionen als „imperialistische“ Taktik abgetan, um ihnen um jeden Preis zu trotzen. Dieses Schachspiel hat funktioniert, als US-Außenminister Mike Pompeo daraufhin eine Sonderfreistellung gewährte, die es der Türkei ermöglichte, ihr Öl und Erdgas weiterhin aus dem Iran zu beziehen. Diese sechsmonatige Atempause endete im Mai 2019, als die USA ihre Erdrosselung der iranischen Wirtschaft wieder aufnahmen, indem sie die zuvor an die Türkei und sechs andere Länder erlassenen Sonderaufhebungen für Sanktionen umgehend beendeten.

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Angesichts der Erkenntnis, dass das US-Finanzministerium den internationalen Handel seines Landes einschränken wird, steht Erdogan selbst vor einem sehr ernsten Dilemma. Dies ist ein Präsident, dessen eigene Popularität im Inland zum Teil durch die Auszeichnung der Tugenden der Einzigartigkeit und Unabhängigkeit der Türkei auf internationaler Ebene geweckt wurde. Dass die Geschäftsbedingungen der Türkei von einer „imperialistischen“ Macht diktiert werden, die rund 5.000 Meilen entfernt ist, entspricht nicht wirklich seiner Vision und Rhetorik einer neuen Türkei.

Dies wirft eine grundlegende Frage in Bezug auf den Zusammenhalt des amerikanischen NATO-Bündnisses mit der Türkei auf: Können die USA ihre geostrategische Militärunion ohne politische Union beibehalten?

Trotz des endlosen Stroms hawkischer Drohungen von US-Beamten gegen Teheran ist nicht ganz klar, ob Washington tatsächlich einen Militärschlag gegen die Islamische Republik Iran starten will (oder kann). Kriegsspielszenarien deuten darauf hin, dass dies zu einem Nettoverlust für die USA führen und möglicherweise sogar den physischen Austritt aus einer Vielzahl von Militär- und Nachrichtendiensten im Nahen Osten beschleunigen würde. Abgesehen von den praktischen Erwägungen würden sowohl der Nahe Osten als auch die globale öffentliche Meinung eine solche Aggression Amerikas nicht unterstützen, geschweige denn die Unterstützung durch den eigenen Wähler. Angesichts der zunehmenden Einschränkung ihrer militärischen Möglichkeiten haben die USA stattdessen beschlossen, das ebenso stumpfe Instrument der Wirtschaftskriegsführung gegen ihre Gegner anzuwenden.

Diese Politik war zwar nicht sehr erfolgreich darin, bedeutende Zugeständnisse von ihren vermeintlichen Gegnern zu erhalten, hat sich jedoch als sehr effektiv erwiesen, um ihre Verbündeten dazu zu zwingen, das zu tun, was Washington will. Dies ist jedoch mit einem hohen Aufwand an Wohlwollen und Kooperation verbunden. Wenn es zu weit getrieben wird, kann es den Zerfall langjähriger strategischer Allianzen wie der NATO beschleunigen, die sich in der vorangegangenen bipolaren Epoche gebildet haben – und die nun keinen kollektiven Sicherheitsmechanismus mehr aufweisen, um einer existenziellen Bedrohung durch die Sowjets entgegenzuwirken. In letzter Zeit wurde dieses Drehbuch umgedreht, da die gegenseitigen Interessen von Ankara und Moskau weiterhin in Einklang gebracht werden, sehr zum Leidwesen des außenpolitischen Blobs des Beltway. Was dieses Bündnis im Jahr 2020 zusammenhält, ist möglicherweise nur ein Karussell kurzfristiger Interessen und Chancen und eine rasche Schwäche des guten Willens. Unglücklicherweise für Washington reichen diese sinkenden Renditen möglicherweise nicht aus, um die geopolitische Loyalität der zweitgrößten Militärstreitkräfte der NATO aufrechtzuerhalten.

Syrien ist wohl ein wichtiger Lackmustest für diese Allianz. Die gemeinsame Mitgliedschaft der USA und der Türkei im Rahmen der NATO hat in einem hart umkämpften syrischen Konflikttheater eine Atmosphäre der Auseinandersetzung bewahrt und eine anhaltende Abschreckung nach Artikel 5 geschaffen, die möglicherweise allen von Damaskus geführten Koalitionsparteien verbietet, direkt mit der Türkei in Kontakt zu treten, in seinen verschiedenen „Krieg gegen den Terror“-Aufbrüchen in die syrischen Gebiete Idlib, Afrin, Jarbalus und Manbij, von denen die Türkei behauptet, dass sie für den Umgang mit Bedrohungen der kurdischen YPG / PKK für die nationale Sicherheit unerlässlich sind.

Im weiteren Sinne, sei es auf militärischer oder wirtschaftlicher Ebene, werden die USA (immer wieder von ihrem regionalen Verbündeten Israel angestupst) weiterhin versuchen, ihre neokoloniale Dominanz über die Region auszuüben. Dann wird es nicht lange dauern, bis seine zuvor loyalen regionalen Partner wie die Türkei Washington als echte existenzielle Bedrohung des 21. Jahrhunderts ansehen. Das passiert schon.

Dies ist der Punkt in der Geschichte, an dem die Vereinigten Staaten möglicherweise ihre Willkommenheit im Nahen Osten erschöpft haben. Zweifellos würde eine solche Neuentwicklung die Aufrechterhaltung der Ostflanke der NATO ernsthaft beeinträchtigen und damit einen wichtigen Teil der von den USA geführten geopolitischen Kontrolle nach Eurasien ausdehnen.

Ironischerweise ist es nicht die militärische Größe, die den Niedergang dieses wichtigen Flügels der NATO zur Folge haben könnte, sondern Washingtons übertriebene finanzielle Aggression.

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3 Kommentare

  1. Dieser Beitritt 1952 ist uns teuer zu stehen gekommen, denn wir mußten einen Teil der sozialen Probleme der Türkei übernehmen und Teile der Bevölkerung Anatoliens und den Slums von Istanbul übernehmen und das hat man damals schon unter dem Vorwand des Arbeitskräftemangels versteckt. bis dann die Industrie auf den Trichter gekommen ist Kosten beim Personalbudget einzusparen und somit ging es weiter mit der Arbeiteraufnahme von allen Herren Ländern und heute kommen noch die ganzen hausgemachten Flüchtlingsprobleme hinzu und das alles zu Mehrheitslasten der Deutschen, während sich andere von einem Teil ihrer Soziallasten, sofern überhaupt vorhanden, befreit haben und deshalb sind auch Abschiebungen so schwer durchzuführen, weil die meisten garkein Interesse daran haben auf der einen Seite mißratene zurückzunehmen und auf der anderen Seite sich durch Geldtransfer in die Heimat diese Quelle zu verstopfen und so werden wir weiter zahlen bis es nichts mehr zu holen gibt und das schlimmste daran ist die Tatsache, daß sich die Regierenden wie schon früher aktiv daran beteiligen und alles sieht zu, ohne sich Gedanken zu machen, das diese Entwicklung ins eigene Elend führt, was man ja am stetigen Aufkommen der zu Unterhaltenden sieht, was mittlerweile alles in allem in Deutschland bei ca. 11 Mill. Personen liegt.

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