Ehemaliger Außenminister und Ex-SPD-Vorsitzender, Sigmar Gabriel - Bild: EU2018BG Bulgarian Presidency / CC BY 2.0

Der frühere SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat sich selbstkritisch zu seiner Zeit als SPD-Vorsitzender geäußert, aber auch mit seinen damaligen Stellvertretern abgerechnet.

Von Redaktion

„Ich behaupte nicht, dass ich keine Fehler gemacht habe, und manche Debatte habe ich sicher viel zu hart geführt“, sagte Gabriel dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND)“. Er selbst habe aber stets mit offenem Visier und ohne die in Berlin verbreitete Heckenschützenmentalität gekämpft. „Ich habe immer gedacht, dass Klarheit wichtig ist und wollte nicht taktisch nachgeben, nur damit sich niemand vergrault fühlt. Aber das war sicher nicht immer gewinnend, um es mal zurückhaltend auszudrücken“, sagte der frühere Vorsitzende der SPD.

Kritik äußerte Gabriel an seinen damaligen Vizevorsitzenden. „Mein Eindruck war: Ich hatte gar keine echten Stellvertreter“, sagte Gabriel wörtlich. „Einer fühlte sich mehr als Vertreter des linken Parteiflügels, der nächste saß dort als Statthalter seines großen Landesverbandes, der dritte verfolgte seine eigenen Kanzlerambitionen und so weiter.“ Er selbst sei in seinen letzten Jahren als Vorsitzender immer häufiger mit Magendrücken zu den Gremiensitzung gefahren, klagte Gabriel.

Einzig Andrea Nahles sei es zuerst um die SPD gegangen, weshalb ihr Rücktritt ein „großer Verlust“ für die Partei sei. „Obwohl ich nicht mit ihr befreundet bin, fand ich es bitter, mit ansehen zu müssen, wie ein Engagement dieser Größe so enden konnte“, sagte Gabriel.

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Seinen früheren Stellvertreter Olaf Scholz attestierte Gabriel gute Aussichten bei dessen Bewerbung um den Parteivorsitz. „Olaf Scholz ist der prominenteste der Bewerber. Deshalb hat er auch gute Chancen“, sagte Sigmar Gabriel. Er selbst favorisiere allerdings das Duo Boris Pistorius und Petra Köpping. „Beide haben feste Wurzeln in der Kommunalpolitik, sind nah am Alltag der Menschen und deshalb gut geerdet. Das braucht die SPD jetzt und es wäre ein echter Neubeginn“, sagte Gabriel.

Amt des niedersächsischen Ministerpräsidenten kam zu früh

Gabriel ist der Meinung, dass das Amt des niedersächsischen Ministerpräsidenten für ihn zu früh gekommen ist. „Wenn Sie mit 40 Jahren gefragt werden, ob sie so ein Amt übernehmen wollen, müssen Sie schon übermenschliche Größe haben, um da abzusagen. Die hatte ich zugegebenermaßen nicht“, sagte Gabriel im Vorfeld seines 60. Geburtstages.

„Ich habe damals leichtsinnig gedacht, das Amt des Ministerpräsidenten sei im Grunde nicht viel anders als das des Fraktionschefs im Landtag. Das war ein großer Irrtum“, so Gabriel weiter. Rückblickend würde er sagen, dass das Amt für ihn zu früh gekommen sei, räumte Gabriel ein.

„Als Ministerpräsident von Niedersachsen war ich ein Getriebener. Die Souveränität und die Gelassenheit, die man für so ein Amt braucht, hatte ich damals nicht. Die gewinnt man nur durch Erfahrung“, sagte Sigmar Gabriel im Interview mit dem „RND“.

Gabriel war am 15. Dezember 1999 als Nachfolger des zurückgetretenen Gerhard Glogowski Ministerpräsident von Niedersachsen geworden. Er übte das Amt bis zu seiner Wahlniederlage im Februar 2003 aus.

SPD brauche mehr Selbstbewusstsein im Umgang mit Klimaschutzaktivisten

„Fridays für Future und Greta Thunberg haben eine wunderbare Bewegung in Gang gesetzt. Aber eine solche Bewegung kann nicht Politik ersetzen, und vor allem ist so eine Bewegung nicht verantwortlich für den Zusammenhalt in der Gesellschaft. Das sind wir“, sagte Sigmar Gabriel dem „RND“. „Wir müssen den Mut haben, dafür zu sorgen, dass für notwendigen Wandel genug Zeit da ist. Sonst verlieren wir die Menschen“, appellierte Gabriel an seine Partei.

Die Erfolge der AfD in den Braunkohlerevieren der Lausitz zeigten, dass die SPD an dieser Stelle Nachholbedarf habe. „Fridays for Future ist zumindest mehrheitlich eine Bewegung von Gymnasiasten. Viele Berufsschüler, Haupt- und Realschüler treiben auch andere Fragen um“, sagte Gabriel weiter.

Es sei zwar unpopulär, für Konsens und Kompromisse zu werben, aber genau das sei die Aufgabe der Politik, wenn man ein Land zusammen halten wolle. „Radikale Lösungen klingen super, aber sie neigen dazu, andere auszugrenzen“, sagte Gabriel. „Das Motto, wo gehobelt wird, fallen Späne, darf es in der Demokratie nicht geben. Einfach, weil es bei uns keine überflüssigen Menschen gibt.“

 

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3 KOMMENTARE

  1. Ich,ich,ich. Ich und die Partei,die Partei und ich,ich hätte,ich hätte sollen…
    Er hat seine Hausaufgaben immer noch nicht gemacht.
    Herr Sigi,es geht nicht um dich,es geht nicht um deine Partei,es geht um das DEUTSCHE VOLK.

  2. „Als Ministerpräsident von Niedersachsen war ich ein Getriebener“
    Aber auch nur deshalb, weil ein eigenes Rückgrat fehlte.

    Zu jener Zeit als er noch ein junger Gimpel war, hätte er wohl doch besser einmal auf ein Wort seines Vaters gehört, bevor dieser in die Grube stieg. Ein Zerwürfnis beizeiten auszusöhnen kommt dem Ignoranten aber als allerletztes den Sinn. Wenn man den Bären der Presse aufsitzt und den Feinden sprichwörtlich aus der Hand frisst, dann endet das bestenfalls bei zu später Einsicht und nicht anders.

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