Migrant. Bild: Flickr / Metropolico.org CC BY-SA 2.0

Die AfD schürt Medienwissenschaftlern zufolge systematisch Furcht vor Zuwanderern, verzerre das Bild zu Lasten ausländischer Straftäter. Zudem gäbe es eine große Wahrnehmungslücke bei deutschen Tatverdächtigen. Das ist das Ergebnis einer Studie von Forschern aus Hamburg und Leipzig.

Via Sputnik

Die Wissenschaftler Thomas Hestermann und Elisa Hoven publizierten ihre Studie in der „Kriminalpolitischen Zeitschrift“, nachdem sie 242 Pressemitteilungen der AfD zum Thema Kriminalität in Deutschland aus dem Jahr 2018 analysiert und mit der Kriminalitätsstatistik verglichen hatten.

„Soweit die AfD bei Tatverdächtigen die Nationalität nennt, sind dies zu 95 Prozent Ausländer, nur zu fünf Prozent Deutsche“, so Hestermann auf Anfrage. Bei den fünf Prozent deutschen Tatverdächtigen in den AfD-Mitteilungen werde stets betont, dass diese einen Migrationshintergrund hätten oder ihr Tatbeitrag gering gewesen sei, so die Forscher. Tatsächlich liegt der Anteil der nicht-deutschen Verdächtigen laut Kriminalitätsstatistik bei weniger als 35 Prozent.

Die Syrer, Afghanen und Iraker im Visier

Im Fokus der AfD standen vor allem Zuwanderer aus Syrien, Irak und Afghanistan, die 2018 laut Polizeilicher Kriminalstatistik knapp über fünf Prozent aller Tatverdächtigen stellen. Afghanen, die laut Statistik in anderthalb Prozent aller Fälle verdächtig werden, sind in den AfD-Mitteilungen für 20 Prozent der erwähnten Taten verantwortlich. Ähnlich sehe es bei den Syrern aus: Ihre Gruppe stellt zweieinhalb Prozent der Tatverdächtigen, in der Welt der AfD-Mitteilungen aber fast ein Fünftel (19 Prozent).

Loading...

Während die AfD das Bild zulasten ausländischer Straftäter verzerre, werfe sie Medien gleichzeitig vor, Ausländerkriminalität zu unterschlagen, so die Medienforscher. Die Wissenschaftler kommen zum umgekehrten Schluss: „Die größte Lücke liegt in der Wahrnehmung deutscher Tatverdächtiger.“

„Messermigranten“

Seit 2017 hat sich die Diskussion über Straftaten mittels Messern in Deutschland verschärft. Zunehmend stehen dabei Zuwanderer als Täter im Fokus; AfD-Politiker forcieren mit Wortschöpfungen wie „Messermigranten“ oder „Messereinwanderung“ die Debatte, so die Autoren der Studie.

Im „Lagebild Stichwaffen- und Messervorfälle“ der saarländischen Polizei seien vom 1. Januar 2016 bis 30. April 2018 insgesamt 1490 Strafanzeigen und Ordnungswidrigkeiten erfasst worden. Als Tatverdächtige seien 842 Deutsche und 122 Syrer und 36 Afghanen ermittelt worden. Eine Anfrage der AfD-Landtagsfraktion nach den häufigsten Vornamen deutscher Tatverdächtiger konnte Spekulationen, darunter hätten viele Migrationshintergrund, nicht bestätigen – die häufigsten Vornamen hätten Michael, Daniel und Andreas gelautet.

Recht und Ordnung: Strafen statt vorbeugen

Effektive Maßnahmen zur Prävention von Gewalt spielen laut den Medien-Professoren bei den AfD-Pressemitteilungen keine Rolle. „Das Heil wird vielmehr in der Repression gesucht. Ziel ist eine konsequente ‚Law and Order‘-Politik.“ Das beinhalte strengere Strafen, insbesondere für Wiederholungstäter, eine Einschränkung des Jugendstrafrechts oder eine Absenkung der Strafmündigkeitsgrenze. Vor allem würde es der AFD darum gehen, härter gegen Zuwanderer und in Deutschland lebende Ausländer vor allem muslimischen Glaubens vorzugehen.

Verbrechensängste: Gefahr für gesellschaftlichen Zusammenhalt

„Unsere Inhaltsanalyse zeigt, wie die Oppositionspartei AfD Kriminalitätsphänomene überzeichnet und andere ausblendet“, so Hestermann und Hoven. Eine „emotionalisierende und generalisierende strafrechtspopulistische Rhetorik“ könne erheblichen Einfluss auf die Verbrechensängste der Bevölkerung haben. Andere Studien würden darauf verweisen, dass die öffentliche Wahrnehmung von Kriminalität keinesfalls zwingend mit den statistischen Daten übereinstimme, sondern stark durch politische Debatten und Medien geprägt werde.

Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sei eine übertriebene Kriminalitätsfurcht in hohem Maße schädlich, würde sie doch nicht nur die Lebensqualität des Einzelnen beeinträchtigen, sondern ebenfalls den Gemeinsinn beschädigen und zu einem Verlust des Vertrauens in staatliche Institutionen führen.

Loading...

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here