Fleisch im Supermakt

Die Europäische Union (EU) und die USA schließen ein Handelsabkommen über die Einfuhr von US-Rindfleisch. Ökonomen loben den „Fleisch-Deal“, er verhindere den offenen Handelskrieg. „Wir sind das Bauernopfer für die Autoindustrie“, beklagen nun deutsche Landwirte.

Via Sputnik

US-Präsident Donald Trump und Vertreter der EU haben am vergangenen Freitag in Washington eine Vereinbarung über Exporte von US-Rindfleisch nach Europa geschlossen. Der EU-Botschafter in den USA, Stavros Lambrinidis, sagte, die Vereinbarung zeige, dass die EU und Washington „als Partner Probleme gemeinsam lösen können“, wie die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) meldete.

Bereits im Juni hatten EU-Kreise angedeutet, dass die USA von der EU eine garantierte Exportquote von 45 000 Tonnen hormonfreiem Rindfleisch bekomme. Es sei „noch nicht der große Deal“, twitterte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). Aber es sei ein wichtiger Schritt weg vom US-europäischen Handelskrieg. Im Gegenzug dafür darf die USA nun keine Strafzölle auf Autos und Autoteile deutscher und europäischer Hersteller mehr verhängen.

Deutsche Bauern üben scharfe Kritik am „Rindfleisch-Deal“

Doch Bauern und Vertreter der deutschen Landwirtschaft, an vorderster Stelle der „Deutsche Bauernverband“ (DBV), üben jetzt scharfe Kritik am „Fleisch-Deal“:

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„Die EU macht zunehmend Zugeständnisse zu Lasten der europäischen Landwirte“, sagte DBV-Präsident Joachim Rukwied vor wenigen Tagen. „Das sehen wir mit großer Sorge.“ Weitere Medien zitieren aus einem aktuellen Facebook-Video des Landwirts Thomas Andresen vom Hof Barslund in Schleswig-Holstein. „Wieder wurden die Bauern verkauft zugunsten der Autoindustrie, die nachhaltigste Landwirtschaft der Welt in Deutschland wird konsequent gegen die Wand gefahren zugunsten der Schwerindustrie“, schimpft er in dem Video. „Ihr seht mich heute ziemlich ratlos und ziemlich traurig.“ Die Entscheidung der EU bzw. der Bundesregierung sei falsch.

Im „NDR“ kritisierte auch der Vorsitzende des Landesbauernverbandes in Mecklenburg-Vorpommern, Detlef Kurreck, das Rindfleisch-Abkommen zwischen der EU und den USA. Dies sei nach dem Handelsabkommen „der nächste Schock für die deutschen Rindfleischproduzenten“. Zudem habe die nordostdeutsche Landwirtschaft mit der Mutterkuh-Haltung in Deutschland „eine nachhaltige Produktionsform etabliert“, auch durch Unterstützung der EU. Die Landwirte würden so einen wichtigen Beitrag zum Erhalt und zur Pflege des dortigen Weidelandes leisten.

„Seit Jahrzehnten verfehlte EU-Agrarpolitik“

„Für mich ist dieser Handelsstreit nur eine Nebensächlichkeit“, analysierte Martin Siegel, Goldmarkt- und Finanz-Experte bei „Stabilitas Fonds“ in Nordrhein-Westfalen, im Sputnik-Interview. „So wie ich es wahrnehme haben die USA nicht die Zölle komplett ausgesetzt, sondern nur eine gewisse kleine Fristverlängerung gewährt.“

Die USA seien „auf jeden Fall daran interessiert, dass Europa die Handelszölle im Agrar-Bereich abschafft. Im Gegenzug sind die USA auch bereit, die Handelszölle auf Autoteile abzuschaffen, und zwar in beide Richtungen. Aber in der EU sprechen vor allem die französischen Interessen dagegen.“ Frankreich gilt seit jeher als Verfechter der EU-Agrarpolitik mit dazugehörigen Subventionen für die eigenen Landwirte.

Der Finanz-Experte spricht sich dafür aus, dass Brüssel die seit Jahrzehnten betriebene Subvention und finanzielle Unterstützung für europäische Bauern und deren Agrarprodukte einstellen sollte.

„Wenn wir einen freien Welthandel wollen, dann müssen wir unsere Märkte natürlich auch öffnen. Es kann nicht sein, dass wir offene Märkte in der ganzen Welt für unsere Exporte fordern und im Gegenzug keine offenen Märkte anbieten. Es geht ja immer zu Lasten der Schwächsten, vor allem zu Lasten der afrikanischen Länder, in die wir sehr viele EU-Überschüsse exportieren, was der Steuerzahler dazu noch subventioniert und mitfinanziert. Im Gegenzug werden in Afrika die Märkte zerstört.“ Die Folge seien politische und wirtschaftliche Instabilität in diesen Ländern, Kriege und Migrationsströme. Daher liege es auch im eigenen europäischen Interesse, so der Finanz-Experte, dieses alte Muster und „damit auch Fluchtursachen“ abzuschaffen.

„Europa hat Nachholbedarf in Wirtschaftsfragen“

Mit Blick auf die laufenden Handelsstreitigkeiten zwischen den USA, der EU und China zog Finanzmarkt-Analytiker Siegel folgendes Fazit:

„Ich glaube, dass diese Handelskonflikte in unseren Medien völlig überzeichnet werden. Weil man so eben einen Angriffspunkt gegen Donald Trump hat. Wenn der Handelskonflikt tatsächlich so eskaliert wäre, wie es bei uns immer dargestellt wird, dann wären die US-Börsen längst eingebrochen. Das tun sie aber nicht. Es wird aus jedem kleinen Rückschlag auf der Zollebene und an der Börse ein großes Drama gemacht. Es wird gleichzeitig Donald Trump in die Schuhe geschoben. Doch wenn man einmal die langfristige Entwicklung betrachtet, dann erkennt man, dass sich die US-amerikanische Börse viel, viel besser entwickelt hat als die europäischen Börsen. Also, wenn hier jemand wirtschaftspolitischen Nachholbedarf hat, dann sind es doch die Europäer. Übrigens: Die Zölle, die frühere US-Präsidenten erhoben und erhöht haben, über die wurde nicht so wie heute berichtet. Weil das ja die ‚Guten‘ waren, meist Präsidenten von der Demokratischen Partei.“

Volkswirt: „USA schießen sich durch Zölle selbst ins Aus“

Der Volkswirt und Chef-Analytiker bei der Fondsboutique „Solvecon Invest“ in Bremen, Folker Hellmeyer, rechnete bereits in einem früheren Sputnik-Interview vor, was allein der US-chinesische Handelsstreit der US-Wirtschaft an Nachteilen bringe.

„Wenn man aktuelle Rechenmodelle nimmt, dann haben wir eine Benachteiligung des Investitionsstandortes USA um 125 Milliarden US-Dollar durch die Zollerhöhungen (durch Trump, Anm. d. Red.). Sprich: Die Kosten für den Standort USA werden erhöht. Auf der anderen Seite haben wir die Maßnahmen Chinas auf mehreren Ebenen. Hier wird deutlich, dass die USA in diesem Konflikt, in dem sie so stark nach außen tönen und wirken, ihre Argumente auf Sand bauen. Die Widerstandskräfte, die wir in China vorfinden, sind ökonomisch gesehen viel ausgeprägter als die in den USA.“

Außerdem gebe es aktuell kaum noch Sicherheiten für große Investoren und Unternehmen, die in den USA investieren und produzieren wollen.

„Haben sie die Sicherheit, dass Lieferketten und globale Absatzmärkte bedient bzw. aufrechterhalten werden können? Nein, diese Sicherheit haben Unternehmen aufgrund der US-Sanktionspolitik nicht. Welcher verantwortungsvolle Vorstands- oder Aufsichtsrat-Chef kann heute noch zulassen, dass Unternehmen in großem Stil in den USA investieren, wenn man diese elementaren Risiken hat? Das, was hier auf Seiten der USA passiert, ist ein Bluff auf sehr hohem Niveau.“

Rindfleisch-Streit seit 1988

Der Streit um Rindfleisch-Importe reiche bis ins Jahr 1988 zurück, so die „SZ“. „Damals hatte die EU den Import von Hormonfleisch verboten. Die USA verhängten daraufhin Zölle auf EU-Agrarprodukte. Schließlich wurde die Welthandelsorganisation (WTO) angerufen. 2009 hatten sich beide Seiten auf eine Absichtserklärung verständigt, in der die EU eine zollfreie Importquote von 45 000 Tonnen hormonfreiem Rindfleisch pro Jahr zugesichert hat. Ein Beschluss, der nun nach zehn Jahren umgesetzt werden soll.“

Lob für das neue US-europäische Abkommen über Rindfleisch kam unterdessen vom Maschinenbauerverband VDMA, der nun froh sein sollte, dass Trump vorerst keine US-Zölle auf deutsche Autos und Autoteile verhängen wird.

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2 KOMMENTARE

  1. Wieso sollte Europa Rindfleisch aus den USA brauchen?
    Nur um die Landwirtschaft hier zu vernichten und ihr Gfras in unsere Mägen zu schleusen.
    Europa rutscht in den Status einer total unabhängigen Kolonie.
    Nichteinmal selbst ernähren werden wir uns mehr können. Autark waren wir das letzte Mal vor 45.

    • Sorry, sollte natürlich heißen rutscht ab in die totale Abhängigkeit Dritter.
      Die Leute sind hinterher in der Summe solcher Handelsgeschäfte einmal so gut wie ausgeliefert.

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