Recep Tayyip Erdogan. Foto: Flickr / Cancillería del Ecuador CC BY-SA 2.0

Eine taumelnde Lira, Strafmaßnahmen der USA wegen des Kaufs der S-400 von Russland und anhaltende wirtschaftlichen Probleme. Die Türkei – und noch mehr Präsident Erdogan – steckt in enormen Schwierigkeiten.

Von Redaktion

Seit Monaten warnte die Trump-Administration zunächst die Türkei und drohte ihr dann geradezu, die im vergangenen Jahr getroffene Vereinbarung zum Kauf des fortschrittlichen russischen Raketenabwehrsystems S-400 fortzuführen. Während westliche Medien (darunter die „Bild“, wir berichteten) behaupteten, dass Erdogan den Deal mit Russland nun doch auf Eis gelegt hätte, sieht die Realität anders aus. Ankara teilte nämlich demonstrativ mit, man werde vom Kauf nicht absehen.

Doch wenn Erdogan glaubt, Trump würde nur bellen und nicht beißen, wenn es um Vergeltungsmaßnahmen geht, irrt er sich. Am Donnerstag stürzte die türkische Lira plötzlich ab, als Washington klarstellte, dass diese Aggression nicht mehr Bestand haben wird. Das Weiße Haus erklärte, es habe ein Präferenzhandelsabkommen mit der Türkei gekündigt und festgestellt, dass das Land als Entwicklungsland keine Hilfe mehr benötige. Die USA haben allerdings auch die Zölle für türkischen Stahl von 50 auf 25 Prozent halbiert.

In der Erklärung, dass die Türkei 1975 im Rahmen des Allgemeinen Präferenzsystems (APS) eine Vorzugsbehandlung erhielt, die es den Produkten ermöglicht, zollfrei in die USA zu gelangen, erklärte US-Präsident Donald Trump, dass er die Türkei nicht mehr als Entwicklungsland betrachte. Das heißt, mit dem heutigen Tag gelten die Vorzugsbedingungen für die Türkei nicht mehr.

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Wenn man bedenkt, dass der Handel zwischen den beiden Ländern im ersten Quartal dieses Jahres rund fünf Milliarden Dollar ausmachte, eine nicht allzu große Summe. Insgesamt exportierte die Türkei Waren im Wert von 2,4 Milliarden Dollar in die USA. Im Gegenzug importierte man Waren im Wert von 2,58 Milliarden Dollar. Eine Übersicht dazu finden Sie hier.

Auch bei den Staatsschulden gibt es Probleme

Moody’s warnte heute früh, wenn die türkische Regierung nicht „einen glaubwürdigen, breit angelegten Plan zur Lösung der strukturellen Probleme“ vorzeige, könnte sie Probleme bekommen. Dies würde zu einer Herabstufung der Kreditwürdigkeit des Landes führen.

Laut Moody’s stiegen die Zinszahlungen der türkischen Regierung im Jahr 2018 nominal um über 30 Prozent an. Alleine in den ersten drei Monaten des Jahres 2019 stiegen sie sogar um fast 50 Prozent. Die Ratingagentur erwartet, dass die Zinszahlungen in diesem Jahr 8,2 Prozent der Staatseinnahmen erreichen werden. Im Jahr 2017 waren es noch 5,9 Prozent, was die Haushaltskraft der Regierung untergräbt.

Das größere Risiko für die Türkei besteht jedoch darin, dass der Betrag der auf Fremdwährungen lautenden Schuldentilgungen für den Saldo des Jahres 2019 den gesamten Devisenreservenbestand des Landes ohne Gold übersteigt.

Das bedeutet, dass Erdogan innerhalb weniger Monate die gleiche Entscheidung treffen muss wie Venezuela: das Gold der Nation liquidieren oder die Inflation erhöhen. Die dritte Möglichkeit, eine Niederlage zuzugeben und den IWF um ein „Rettungspaket“ zu bitten, wird niemals eintreten, solange „Exekutivpräsident“ Erdogan verantwortlich ist. Da kann man sich sicher sein.

Wie geht es weiter?

Jeder weiß, dass Präsident Erdogan seinen Kopf durchsetzt, egal wie groß die Widerstände sind. Doch wie lange wird das noch gut gehen? Der Unmut in der türkischen Bevölkerung wächst und selbst langjährige Anhänger des „Reis“ beginnen zu zweifeln.

Erdogans politischer Erfolg hängt auch mit dem starken Wirtschaftswachstum der letzten Jahre zusammen. Doch dieses ist nicht nachhaltig genug, zumal die türkische Volkswirtschaft extrem auf Pump lebt. Ohne eine starke Devisenzufuhr von außen werden die Importüberschüsse nicht mehr aufrecht zu halten sein. Und die schwächelnde Lira macht sämtliche Fremdwährungskredite zur Schuldenfalle. Sowohl für den Staat als auch für die Unternehmen und die Privathaushalte.

Sollte die Türkei in eine Wirtschafts- und Finanzkrise stürzen, könnte dies auch der Anfang vom Ende der Ära Erdogan sein. Selbst wenn es noch an fähigen Herausforderern mangelt, denen die Türken die Führung des Landes anvertrauen würden. Doch das kann sich rasch ändern.

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3 KOMMENTARE

  1. BIP-Zahlen Türkei:
    2009 644 Milliarden USD
    2013 915 Milliarden USD
    2018 766 Milliarden USD
    Somit befindet sich dieses Land im freien Fall, denn BIP ist der Gradmesser einer Volkswirtschaft und mit diesem Ergebnis kann man nicht von Fortschritt sprechen und liegt mit in der Verantwortung des Regierungschefs und das sieht nicht nach Vertrauen aus und sie können noch hoffen, daß Trump noch einigermaßen Milde walten läßt, bevor sie durch die Rating-Agenturen noch zum Ramsch erklärt werden und das alles trotz Preissteigerungen und Inflation und es ist eher zum Weinen und man kann erkennen wo es hinführt, wenn eine Politik betrieben wird, die dem Land abträglich ist und hoffentlich erkennen es seine Wähler, aber auch Deutschland und die EU, daß sie hier weiter Gelder verbrennen ohne jeglichen Mehrwert.

  2. War doch klar. Mit dem Putsch konnten sie ihn nicht abservieren, nun kommt der Finanzhammer. Auch ein Erdogan dürfte gegen diese Globalteufel keine Chance haben. Das ist die bittere Realität!

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