Gibt es einen freien Willen? Offenbar nicht. Laut Untersuchungen von Neurowissenschaftlern können sie schon elf Sekunden bevor wir etwas auswählen wissen, was wir nehmen werden. Ist unser Gehirn auch nur ein biologischer Supercomputer?

Von Marco Maier

Immer wieder ist vom „freien Willen“ die Rede. Aber es scheint, dass wir möglicherweise weniger Kontrolle über unsere persönlichen Entscheidungen haben, als wir denken. Unbewusste Gehirnaktivitäten scheinen unsere Entscheidungen schon zu bestimmen, bevor wir sie überhaupt kennen und uns dessen bewusst werden.

Forscher des Future Minds Lab der UNSW School of Psychology in Australien waren in der Lage, grundlegende Entscheidungen vorherzusagen, die Teilnehmer getroffen hatten, bevor sie ihre Entscheidungen bewusst verkündeten. Ihre Ergebnisse wurden letzte Woche in der Zeitschrift Scientific Reports veröffentlicht.

Für das Experiment forderten die Forscher 14 Teilnehmer auf, zwischen zwei visuellen Mustern – einem roten und einem grünen vertikalen Streifen – frei zu wählen, bevor sie sich diese bewusst vorstellten, während sie in einer funktionellen Magnetresonanz-Tomographie (fMRI) beobachtet wurden.

Sie hatten maximal 20 Sekunden Zeit, um zwischen den Mustern zu wählen. Nachdem sie eine Entscheidung getroffen hatten, drückten sie einen Knopf und hatten 10 Sekunden, um das Muster so hart wie möglich darzustellen. Als Nächstes wurden sie gefragt, „was haben Sie sich vorgestellt?“ Und „wie lebhaft war es?“

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Die Ergebnisse waren beunruhigend. Denn die Wissenschaftler konnten vorhersagen, welches Muster die Menschen wählen würden, bevor ihre Gedanken überhaupt bewusst wurden. Hier eine Erklärung der Ergebnisse aus der UNSW-Pressemitteilung:

„Die Forscher konnten nicht nur vorhersagen, welches Muster sie wählen würden, sie konnten auch vorhersagen, wie stark die Teilnehmer ihre Visualisierungen bewerten werden. Mit Hilfe des maschinellen Lernens gelang es den Forschern, im Durchschnitt 11 Sekunden vor dem Bewusstwerden der Gedanken über den Zufall hinausgehende Vorhersagen über die willkürlichen Entscheidungen der Teilnehmer zu treffen.

Die Gehirnbereiche, die Informationen über zukünftige Entscheidungen enthüllten, befanden sich in ausführenden Bereichen des Gehirns, in denen unsere bewussten Entscheidungen getroffen werden, sowie in visuellen und subkortikalen Strukturen, die auf ein ausgedehntes Netzwerk von Bereichen hindeuten, die für die Geburt von Gedanken verantwortlich sind.“

Professor Joel Pearson sagte, wir könnten uns Gedanken auf „Standby“ machen, basierend auf der vorherigen Gehirnaktivität, die dann unsere endgültigen Entscheidungen beeinflusst, ohne dass wir uns dessen bewusst sind:

„Wir glauben, dass, wenn wir mit der Wahl zwischen zwei oder mehr Optionen konfrontiert sind, unbewusste Spuren der Gedanken bereits vorhanden sind, ein bisschen wie unbewusste Halluzinationen.

Bei der Entscheidung, worüber nachgedacht werden soll, wählen ausführende Bereiche des Gehirns die Denkspur, die stärker ist. Mit anderen Worten, wenn eine bereits vorhandene Gehirnaktivität mit einer Ihrer Entscheidungen übereinstimmt, wird Ihr Gehirn diese Option wahrscheinlicher wählen, da es durch die bereits vorhandene Gehirnaktivität verstärkt wird.

Dies würde zum Beispiel erklären, warum das Nachdenken über etwas zu immer mehr Gedanken darüber führt, da es in einer positiven Rückkopplungsschleife auftritt.“

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Wenn man diese Forschungsergebnisse heranzieht und diese mit früheren Forschungen in dem Bereich kombiniert, stellt man fest: der „freie Wille“ ist so wie man sich das vorstellt eigentlich gar nicht vorhanden. Wir Menschen reagieren auf Umwelteinflüsse und Konditionierungen. Und je älter wir werden, umso vorhersehbarer werden unsere Entscheidungen, da sich diese „Spuren“ früherer Gehirnaktivitäten bereits stärker „eingebrannt haben“.

Das führt auch dazu, dass unsere Gedanken zumindest in diesem Bereich auch „gelesen“ werden können. Das heißt: Es ist mittels unserer modernen medizinischen Geräte möglich, Entscheidungen anderer Menschen zu kennen, bevor sie diese überhaupt aktiv fällen. Und im Grunde genommen sind unsere auf diesen basierenden Daten getroffenen Entscheidungen und Taten nicht unsere „Fehler“, sondern lediglich ein Resultat unserer „Programmierung“.

Wenn man dies versteht erkennt man auch, welchen Ansatz man im Bereich der „künstlichen Intelligenz“ verfolgen sollte, um der „natürlichen Intelligenz“ näher zu kommen. Immerhin scheint diese auch nur ein lernfähiges Programm zu sein – oder einfach auch ein biologischer Supercomputer.

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10 KOMMENTARE

  1. Das ist sicherlich nicht alles erforscht, denn eine elektrische Zentrale muß ja nicht unbedingt denken, handeln und steuern können, sie muß funktionieren um alles darum herum am Laufen zu halten und deshalb ist es auch noch lange nicht bewiesen wo die Intelligenz als Voraussetzung für Steuerung sitzt, denn man hat auch schon kuriose Dinge erlebt, wie z.Bsp. Menschen mit Wasserkopf, wo man nach ihrem Tode nur Fragmente von Hirnmasse entdeckt hat und wo ein Denken und Handeln nach wissenschaftlichen Erkenntnissen garnicht mehr möglich war und dennoch konnten sie sich zu Lebzeiten artikulieren und steuern, warum das so war, weiß kein Mensch und wir werden vermutlich noch lange im Nebel herumstochern, bis wir entgültig den Beweis erbringen können wo der Verstand und die Seele sitzt, das ist alles noch offen.

    • Wollte noch etwas ergänzend hinzufügen: Es gibt auch Forscher, die die These aufgestellt haben, daß das Hirn nur Mittler zwischen einer uns nicht bekannten Schaltzentrale ist unser eigenes Denken nur bedingt zuläßt, ansonsten sind wir fremdgesteuert, die einen sagen dazu Gott und den anderen ist es egal, auch diese Frage ist noch nicht beantwortet.

  2. Die Fähigkeit eigene Entscheidungen zu treffen hängt von der frühkindlichen Entwicklung ab. Eine übertriebene Fürsorglichkeit konditioniert zur Unfähigkeit im späteren Leben selbständig und unbeeinflusst eigene Entscheidungen zu treffen.
    Beispielhaft für das universale Prinzip >>>try and error<<< sei mal das hier:
    Ein Kleinkind, dass stets aufgehoben wird nachdem es hingefallen ist, wird sich im späteren Leben mit dem Finden eigener Lösungen stets sehr schwer tun. – Ein Kleinkind, welches eigenständig herausgefunden hat, wie man wieder auf die Beine kommt, wird in seinem späteren Leben für jedes Problem, mit seinem gut entwickelten Hang zum freien und eigenen Willen, immer selbstständige und unbeeinflusste Lösungen suchen und auch finden.

    • Richtig.
      Beobachte: wenn ein Kleinkind im Laufen stürzt, weil es noch etwas unbeholfen ist, was macht es?
      Es streckt den Kopf zur Seite und beobachtet, bzw. erforscht, wartet ein paar Sekunden auf die Reaktion der Eltern.
      Dumme Erzeuger kreischen und laufen dem Kinde zu und das Kind beginnt zu heulen und steigt auf Drama ein.
      Kluge Eltern bleiben in Position, schenken dem Vorfall keine besondere Aufmerksamkeit.
      Das Kind erlebt keinen Beifall, erkennt dass es sich zu erheben hat und Drama bleibt aus.

      Nur ein winziges Mosaik unter zig tausend von Beispielen wie Menschen täglich für ihr späteres Leben verhunzt werden.
      Die gute Kinderstube birgt den unschätzbaren Wert.

  3. Deshalb haben die Forscher auch schon 11 Sekunden vorher gewusst, was bei ihrer Forschung rauskommt. Das Ergebnis ist also unfrei zustandegekommen und daher nichts wert!

  4. Ist doch schön, damit kann man alle Menschen vorauseilend aus der Gesellschaft entfernen, also einsperren, bevor sie Unheil anrichten. Denen die Immun sind, wie Flüchtlinge, passiert ohnehin nie was.

  5. Dieser Test bestätigt nicht das, was behauptet wird. Erstens sind die meisten Entscheidungen wesentlich komplexer. Zweitens geht es nicht um die Auswahl von einem aus zwei Mustern, denn diese sind gleich. Es geht um die Auswahl einer von zwei Farben (es gibt Lieblingsfarben). Da könnte das Ergebnis eigentlich schon feststehen, bevor das Muster von den Probanden überhaupt gesehen wurde, z.B. weil der persönliche Geschmack im Regelfall eine Farbe bevorzugt. Es kann auch Fälle geben, wo beide Farben gleich bewertet werden oder jemand sich bewusst für die ungeliebte Farbe entscheidet. Das würde ich zum Beispiel in jedem Test machen, weil ich die Erwartungen von Testern nicht erfüllen möchte und mich gegen das entscheiden, was ich zuerst will. Wahrscheinlich machen das aber weniger als einer von vierzehn Testern. Ich mache das auch nur, weil ich weiß, das bei Befragungen oft falsche Ergebnisse heraus kommen, weil Tester Erwartungen erfüllen wollen. Erst bei sehr viel mehr Testpersonen kann man ausschließen, dass es nie zwei Impulse gibt. Nach einem kurzen Impuls für Rot würde ich also Grün auswählen. Diese Verhalten hätte bei mir aber Jahre und nicht nur 11 Sekunden vorher, festgestanden. Gibt es dann zwei Signale oder wird nur das erste (emotionale) oder das letzte (zu Entscheidung führende) registriert? Bitte untersuchen.

  6. Es gibt auch Mentalisten, die eigentlich nur Psychologie studiert haben, welche genau die gleichen Fähigkeiten haben wie diese Computer nur sogar noch etwas besser. Ich erinnere mich an einen Mentalisten, der selber gesagt hat dass er 80% seine übermenschlichen Fähigkeiten aus der Psychologie hat. Er kann einfach sehr gut Menschen „lesen“ durch Beobachtungen udn Studieren des menschlichen Verhaltens, Gewohnheiten etc. Es gab einen Aufgabe, die er 1 Tag vorher richtig lösen und vorhersagen musste.
    Der Mentalist konnte bereits 1 Tag vorher 100% richtig vorhersagen, mit welchen Farben bestimmte Menschen eine Figur ausmalen würden und welche Begriffe sie sich einprägen würden die es zu erraten galt. Diese Menschen kannte der Mentalisten vorher nur aus dem Fernsehen über Beobachtungen. Den Umschlag mit den Ergebnissen gab er vor der Begegnung dieser Menschen bereits dem Moderator .
    Später verriet der Mentalist auch einen Teil des Geheimnisses, woher er seine Fähigkeiten hat. Er besitzt die Fähigkeit die Menschen durch das Studium der Psychologie gut lesen und vorherberechnen zu können, ihr Verhalten, Ihre Gewohnheiten, und ihre Emotionen. Das ist alles.

  7. Man definiere bitte „freien Willen“. Sorry, aber das ist kein Geheimnis, dass es sowas wie einen freien Willen gar nicht geben kann, weil alle meine Entscheidungen von meinem persönlichen Wertesystem abhängen, das ich mir im Laufe meines Lebens aufgebaut habe und das sich in der neuralen Struktur meines Gehirns widerspiegelt.

    Wenn jemand verletzt auf der Straße liegt, kann ich
    a) helfen
    b) vorbeigehen
    c) der Person den Rest geben

    mir stehen rein theoretische alle drei Möglichkeiten offen, aber ich werde mich IMMER nur so entscheiden, wie es meine Moral und Ethik erlauben. Und das ist, sofern diese Strukturen entzifferbar sind, dann natürlich vorhersagbar.

    Ich erkenne daran nun wirklich nicht die große Erkenntnis.

  8. Besonders neu sind diese Erkenntnisse aber nicht. Es ist doch lange bekannt wie Konditionierung funktioniert. Hier wird suggeriert, man habe das Gehirn entschlüsselt. Das wird wohl noch ein paar Jahrhunderte auf sich warten lassen. Alles andere ist Spekulation. Und 20 Probanden ist alles andere als wissenschaftlich. Grün oder rot; Komplexität stelle ich mir anders vor. Also Entwarnung. Ob ich morgen meine Winter- oder Sommerjacke anziehe oder vielleicht die camelfarbene Strickjacke werden die Herren kaum vorhersagen.

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