Syrische Armee im Kampf gegen Terroristen. Bild: © Sputnik/ Mikhail Alaeddin

Die Amerikaner wollen zumindest Teile des Militärs aus Syrien abziehen. Welche Auswirkungen hat dies auf das System im Nahen Osten und auf den Iran?

Von Manouchehr Shafie und Mohammad Zarei

Hintergrund

Präsident Trump hat sich entschieden, die amerikanischen Truppen aus Syrien abzuziehen. Dies war eine Entscheidung, die zu Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Weißen Hauses führte und in deren Folge mehrere US-Beamte zurückgetreten sind. Sie glaubten, dass dieser Entschluss den Interessen der Vereinigten Staaten zuwiderlaufe. Europäische Verbündete lehnten die Entscheidung ebenfalls ab, wobei es vom Iran und von Russland begrüßt wurde. Dies veranlasste viele Politiker zu der Annahme, dass der Befehl von Donald Trump nur ein persönlicher war und keine strategische Unterstützung hatte. Dieses Argument scheint richtig zu sein; warum müssen die Vereinigten Staaten Syrien aufgeben, nachdem sie viel Geld in Syrien ausgegeben und die syrischen demokratischen Kräfte unterstützt haben, obwohl der Iran den Schwerpunkt auf die Konfrontation gelegt hat? Zur Beantwortung dieser Frage sollte beachtet werden, dass die Analyse dieser US-Aktion nicht als die Aktion eines Akteurs innerhalb des Nahostsystems betrachtet wird, sondern als Funktion eines Teils von System-Controller.

Trumps Entscheidung aus Sicht der Systemanalyse

Jedes Phänomen kann als System betrachtet werden. Basierend auf den klassischen Definitionen von Systemen setzen sie sich aus einer Gruppe von Elementen zusammen, die miteinander interagieren. Ein phänomenales System unterscheidet sich jedoch von den Elementen des Systems selbst. Aus diesem Grund definieren und untersucht man internationale Beziehungen und Interaktionen zwischen Akteuren als System, und wir nehmen an, dass das System der internationalen Beziehungen sich von den in diesem System vorhandenen Akteuren unterscheidet (Beer, 1960: 10).

In dieser Hinsicht erfordert jedes Phänomen als System die Kontrolle über seine internen Prozesse, um eine ordnungsgemäße Funktion aufrechtzuerhalten. Ohne eine effektive und effiziente Kontrolle sind die Systeme von ihren optimalen Variablen entfernt und können mit Zerstörung konfrontiert werden. Die ideale Situation in internationalen Friedenssicherungssystemen liegt zwischen den Hauptakteuren und den Regierungen, indem zwischen ihnen eine Rivalität bzw. Wettbewerb besteht. Je komplizierter die Systeme werden, wie zum Beispiel die internationalen, werden ihre Kontrollebenen auch komplexer und mehrstufig (vgl. Dekkers, 2017: 105).

Komplexe Systeme und vernetzte Netzwerke profitieren von zwei Kontrollmodellen. Eine der häufigsten Elemente von System, die von einzelnen Akteuren verwendet werden, sind Kontrollelemente auf Low-Level. Auf diese Weise versuchen die Akteure, ihre eigenen Interessen zu maximieren oder ihre Ziele durch Feedback und Feedforward zu erreichen – z.B. durch Abschreckung, Bedrohung und Provokation – um den Prozess der Systems zu ihrem Vorteil zu verändern. Der grundlegende Punkt bei der Kontrolle von Low-Level ist, dass diese Art von Kontrolle einzeln angewendet wird.

Darüber hinaus gibt es eine andere Art von Kontrolle, die nicht durch einzelne Akteure, sondern durch ihr kollektives Handeln in Form von High-Level-Kontrolle des Systems erscheinen wird. Der Zweck dieser Kontrolle besteht nicht darin, die Interessen des Einzelnen bzw. eines Akteurs oder einer Gruppe von Akteuren zu wahren, sondern vor allem, um das Überleben oder das ordnungsgemäße Funktionieren des Systems zu erhalten. Bei dieser Kontrolle werden alle Low-Level-Kontrollen durch gemeinsames kollektives Handeln koordiniert (vgl. Dekkers, 2017: 112). In der Natur können wir das Aussterben von Tieren als Beispiel für diese Kontrolle nennen. Wenn es einer Tierart gelingt, ihre Umwelt durch Zerstörung oder übermäßige Nutzung von Ressourcen abzubauen, begründet das System die notwendigen günstigen Bedingungen für seine Existenz und zerstört sie, während das System wieder hergestellt wird und sich selbst wieder belebt. In internationalen Systemen kann eine solche Situation erreicht werden, indem die Chancen für eine Verbreitung begrenzt und die Macht des Systems für einen Akteur erhöht wird, der Wettbewerbsraum reduziert wird, der Akteur unter massiven Druck gesetzt wird und jede Form von Einschränkung, die den Akteur oder die Akteure antreibt.

Vor Trumps Entscheidung hatte die Syrien-Krise im Nahen Osten einen Punkt erreicht, an dem das System sein Wettbewerbsumfeld nicht ausbauen konnte und erreichte den Höhepunkt des möglichen Konflikts zwischen den an der Krise beteiligten Akteuren, in dem die Aktion jedes Akteurs mit der Reaktion anderer Akteure reagiert wurde. Während die Türkei und die syrischen Streitkräfte im östlichen Euphrat der Präsenz der Vereinigten Staaten als Hindernis für ihre militärischen Operationen ausgesetzt sind, ist der syrischen Armee in Idlib einer Bedrohung durch das türkische Militär ausgesetzt. Die Spannungen zwischen dem Iran und Israel erreichten ihren Höhepunkt und selbst Russland hätte diese Spannung nach dem Abschuss seines Flugzeugs einnehmen können.

Status quo

In der aktuellen Situation haben alle Akteure den für den Wettbewerb in Syrien erforderlichen Systemraum genutzt. Die Stellvertreterkräfte und die Hauptakteure sind jetzt nahe beieinander, was in einigen Fällen – wie Ost-Euphrat – dazu führte, dass der Hauptakteur, der zu einem Stellvertreter wurde. Mit anderen Worten, die Prozesse des Wettbewerbssystems sind zum Stillstand gekommen und in diesem Zustand führt die Spannung im System der Akteure zu absichtlichen oder unbeabsichtigten Konflikten. Konflikte, die sich möglicherweise aus einer ungenauen Annahme bzw. Einschätzung der Reaktionen anderer Akteure ergeben.

Daher kann die Zukunft des Systems auf den Kriegsausbruch zurückgeführt werden. Ein Krieg, dessen Zweck es ist, im System eine Art von Kontrolle oder High-Level-Kontrolle zu erzwingen, die dann mit der Schwächung der Spieler die Kapazität und den Platz der Konkurrenz im System wieder erhöht. Aber angesichts des Krieges kann die Kontrolle der Akteure durch eine High-Level-Kontrolle des Systems auch dazu führen, dass die Akteure zusammenarbeiten. In dieser Situation verstehen die Akteure die Aufgabe des Systems und reduzieren mit dem Verständnis der Kriegsgefahr zusammen den Druck auf das System. Anzeichen für eine solche Zusammenarbeit sind die Zunahme der diplomatischen Reisen in der Region, die Intensivierung der Konfliktlösung und der Diskussionsrunden auf der jemenitischen sowie afghanischen Friedenskonferenz und die Kommission über die syrische Verfassung.

In Anbetracht der jüngsten Entscheidung ist es möglich, einen Prozess zu sehen, bei dem Sicherheitsereignisse im Nahen Osten mit dem Streben nach Konvergenz in Einklang gebracht werden, alles in Form eines Versuchs, Frieden, Waffenstillstand und ähnliche Verhandlungen zu gestalten. Dieser Prozess bedeutet jedoch nicht, dass die an der Krise beteiligten Akteure ihr Engagement ändern werden. Dies bedeutet auch, dass Akteure den Druck auf das System reduzieren, indem sie die Spannung zwischen sich reduzieren und direkte Auswirkungen vermeiden. Sie wissen, dass ihre Handlungen nicht dazu beitragen, ihre nationalen Interessen zu sichern. Den Krieg zu vermeiden und gleichzeitig die Rivalität der gemeinsamen Kammer fortzusetzen, sind die Forderungen dieser Akteure und tragen durch kollektive Maßnahmen zum Erhalt des kollektiven Nutzens und der Funktion des Systems bei.

Die vier Zukunftsszenarien

Aus dem aktuellen Stand des Nahostsystems könnte in Zukunft die folgenden Szenarien geschaffen werden:

1. Verstärkter Wettbewerb im System und Stärkung der Rolle der Stellvertreterkräfte durch Verringerung der Rolle Russlands und der Vereinigten Staaten.

2. Zusammenarbeit und Wettbewerb zwischen inkonsistenten Akteuren.

3. Schaffung neuer Räume für Systemwettbewerb und Erweiterung des Systems in benachbarten Regionen wie Afrika und Zentralasien.

4. Spannungen in den neuen und alten Punkten des Systems zwischen den Hauptakteuren im Falle der Unfähigkeit von Stellvertretern und der wiederholte Druck auf das System des Nahen Ostens und die angebliche Rivalität unter den Akteuren.

Die Folgen von Szenarios für den Iran

1. Erhöhtes Konfliktrisiko zwischen dem Iran und seinen Stellvertretern mit Israel:

Aufgrund der Gefahr von Spannungen und der Möglichkeit eines Konflikts zwischen Russland und den Vereinigten Staaten können sich die beiden Akteure vom Schlachtfeld zurückziehen und sich von der Gefahr einer direkten Begegnung untereinander oder der Gefahr einer Exposition in den Gebieten, in denen die Stellvertreterkräfte konfrontiert sind, entfernen. In diesem Fall geben die beiden Akteure ihre harten Rivalitäten an die nominierten Kräfte auf, um einen Konflikt gleichzeitig zu vermeiden und weiterhin im Wettbewerb zu stehen.

Unter diesen Umständen könnte es ein anderes Szenario geben, das den Rückzug von USA aus Syrien zum Ziel hat, was neben dem Spannungsmanagement die Handlungsfreiheit Israels für den Angriff auf militärische Strukturen in Syrien oder Libanon sowie die Hamas-Gruppe in Palästina erhöht und durch diesen Abzug wird es die Gefahr vermehrter Spannungen zwischen dem Iran und Israel vermeiden. Die zunehmenden Spannungen an der libanesischen Grenze zu Palästina sowie im Gaza-Streifen und im Westjordanland könnten ein Zeichen dafür sein.

2. Institutionalisierung in Syrien:

Anstatt einen rigorosen Ansatz gegenüber dem Iran zu verfolgen, können die Vereinigten Staaten einen konsolidierten Ansatz verfolgen. Einerseits wird Syrien durch Abzug den Weg für den Aufbau politischer Institutionen ebnen. Während die arabischen Länder Syrien akzeptieren und ihre Beziehungen normalisieren, versucht Israel durch seine Angriffe die Präsenz des Irans zu gefährden und den Iran zu zwingen, das Land zu verlassen.

3. Kombination von Kooperation und Wettbewerb zwischen inkonsistenten Akteuren

Die Gefahr von Spannungen zwischen Regierungsakteuren und die Einschränkungen im Wettbewerbsbereich können die an der Syrienkrise beteiligten Regionalregierungen stören. Als Folge des Rückzugs der USA aus Syrien versuchen diese Akteure auch, ihre Spannungen abzubauen und durch Spannungsmanagement zu kontrollieren. Daher wird die Türkei nach dem Abzug der USA aus Syrien die YPG-Truppen angreifen, um ihre Bedenken auszuräumen, den Zerfall Syriens im Norden des Landes zu verhindern und das Gebiet zu verlassen. Außerdem werden die arabischen Länder, der Iran und die Türkei in das politische Feld eintreten, indem sie ihre harte und militärische Dimension verringern und um die Institutionalisierung von Syrien konkurrieren. Das Ergebnis eines solchen Ansatzes wäre ein politisches System wie das politische Militär des Libanon. Entscheidend für den Iran in dieser entscheidenden Phase ist, wie weit der Iran seine Stellvertreter in der Zukunft des syrischen Staates in legitime politische Strömungen verwandeln oder eine Alternative zur libanesischen Hisbollah bilden kann.

4. Die Bildung eines neuen Raums für den Wettbewerb im System und die Erweiterung des Systems in benachbarten Regionen wie Afrika und dem Nahen Osten:

Mit dem Rückzug Amerikas aus Syrien und der Einschränkung des Wettbewerbs im Nahen Osten, können Akteure in Regionen wie Afrika und den Osten des Nahen Ostens (Afghanistan und Pakistan) gezogen werden. Wie aus den verfügbaren Daten hervorgeht, wurde der Prozess des Aufbaus von Außenstützpunkten in Nordafrika im vergangenen Jahr beschleunigt. Inzwischen haben viele Akteure wie die Türkei, Saudi-Arabien, China, Frankreich und Deutschland eine Militärbasis in der Region errichtet. Afghanische Sicherheitstrends zeigen auch, dass die Gewalt in Afghanistan im Jahr 2018 das Taliban-Territorium vergrößert, die Gewalt in Pakistan zugenommen hat und die diplomatischen und nachrichtendienstlichen Aktivitäten der regionalen Länder in Afghanistan stark zugenommen haben.

In diesem Szenario ist die Fähigkeit des Irans, die Krisen im Nahen Osten und das Management der Taliban-Gruppe zu kontrollieren sowie die Notwendigkeit eines Eintretens nach Afrika zu bewerten, von großer Bedeutung. Die Ermächtigung von Taliban kann einerseits die Instabilität in der Region erhöhen und andererseits den Straßen- und Energietransitprojekten außerhalb des Iran gegenüber stehen, mit denen Afghanistan und Pakistan konfrontiert sind. Andererseits ist es in Bezug auf Afrika notwendig zu wissen, ob der Einzug des Irans nach Afrika im Interesse des Landes ist oder unnötige Kosten verursacht.

5. Es ist möglich, dass regionale Akteure nicht mit Spannungen fertig werden, sondern mit einem unkontrollierbaren Wettbewerb konfrontiert werden, der unter dem Einfluss ihrer Unfähigkeit, den anderen zu beherrschen, mit anderen Worten das Gleichgewicht der Kräfte, diese Akteure ebenfalls in einem Konfliktzustand befindet und unter diesen Bedingungen der andere Bereich des Wettbewerbs im Nahen Osten wird begrenzt und das Risiko eines Krieges zwischen dem Iran und den regionalen Verbündeten der USA in der Region wird zunehmen.

Literatur:

Beer, S. (1960): Cybernetics and Management. New York: Wiley.

Dekkers, R. (2017): Applied systems theory. 2. Edition. Springer Verlag. Zurich

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