Vizepräsident Mike Pence. Bild: Flickr / Gage Skidmore CC BY-SA 2.0

Bei seinem Versuch neulich, den Geist Martin Luther Kings zu vereinnahmen, um für die Agenda seines Chefs den Lockvogel zu spielen, tat Mike Pence unbeabsichtigt um vieles mehr.

Von Robert C. Koehler / antikrieg.com

Er brachte die Großartigkeit von Kings Vision wieder ins nationale Bewusstsein, wo sie die Trump´sche Mauer der Angst ebenso erschütterte wie das America des Jim Crow vor über einem halben Jahrhundert.

Machen wir noch einmal das Grenzenlose zu eigen.

Als er am Tag vor dem MLK-Tag in der Sendung „Face the Nation“ sprach, sagte der Vizepräsident: „Eines meiner Lieblingszitate von Dr. King war: ‚Jetzt ist es an der Zeit, die Versprechen der Demokratie zu erfüllen‘. Du denkst daran, wie er Amerika verändert hat. Er inspirierte uns, uns durch den Gesetzgebungsprozess zu ändern, um eine perfektere Union zu werden. Das ist genau das, wozu Präsident Trump den Kongress auffordert: Kommt in gutem Glauben an den Tisch. Wir werden unsere Grenze sichern, wir werden unsere Regierung wieder öffnen.“

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Diese offensichtliche Vereinnahmung von MLK – dieser Versuch, sich mit einer amerikanischen Ikone zu verbrüdern – führte zu einer Welle der Empörung über soziale und andere Medien. Martin Luther King III. sagte zum Beispiel, sein Vater sei „ein Brückenbauer gewesen, nicht ein Mauerbauer“.

Aber meine Lieblingsantwort kam von Stephen Colbert, der in seinem „Late Show“-Monolog darauf hinwies, wie King wirklich über Trennwände dachte. Als King 1964 Berlin besuchte, sagte er von dieser Mauer: „Auf beiden Seiten der Mauer befinden sich Gottes Kinder, und keine künstliche Barriere kann diese Tatsache auslöschen.“

Diese Worte sind nicht nur ein Auswurf des Idealismus – nicht, wenn sie von MLK ausgesprochen werden -, sondern ein Schrei nach einem Bewusstsein, das so groß ist, wie die menschliche Rasse es zu besitzen vermag, nach einem Bewusstsein jenseits der üblichen Politik und einer Welt, die in militarisierte Nationalstaaten eingezäunt ist.

„Ob im Osten oder Westen“, fuhr King an diesem Tag fort, suchen „Männer und Frauen nach Sinn, hoffen auf Erfüllung, sehnen sich nach dem Glauben an etwas außerhalb ihrer selbst und schreien verzweifelt nach Liebe und Gemeinschaft, um sie auf dieser Pilgerreise zu unterstützen.“

Da die Sowjetunion im Fall der Berliner Mauer der Täter war, schätze ich, dass die Berichterstattung über King nach dieser Rede hier zu Hause positiv war. Schließlich war es unser größter Feind, der diese menschliche Schandtat begangen hatte, einen Teil einer Stadt abzuschotten, Berlin von sich selbst zu trennen und die menschliche Hoffnung auf ein besseres Leben einzudämmen. Aber die Vision, die King vorlegte, ging über die Politik des Kalten Krieges hinaus, sehr zum (eventuellen) Entsetzen des amerikanischen liberalen, kriegsfreundlichen Establishments, das bald genug erkannte, dass King wirklich glaubte, was er sagte, und sich um dieses Glaubens willen in Gefahr bringen würde.

„Denn auf beiden Seiten der Mauer hier sind Gottes Kinder.“

Das heißt, es gibt kein „Anderes“, keine Ansammlung von minderwertigen Menschen, die kontrolliert und eingedämmt und, wenn nötig, eliminiert werden müssen, um nationale Interessen zu fördern. Diese Position ist leicht zu schlucken, wenn sie der Kritik am Verhalten des etablierten Feindes dient, aber King meinte es weit über diese kleinkarierte Sichtweise hinaus. Er meinte es in alle Richtungen – und bezahlte den Preis für seine Kühnheit.

Lediglich im Streben nach Rassengerechtigkeit, in der gewaltfreien Konfrontation mit dem Süden des Jim Crow und den weniger auffälligen rassistischen Barrieren des Nordens ertrug King zahlreiche Verhaftungen, Morddrohungen und die ständige Überwachung durch das FBI (ganz zu schweigen von der persönlichen Feindseligkeit J. Edgar Hoovers); aber als er sich gegen den Vietnamkrieg stellte, gab er die Unterstützung des liberalen Status quo auf, einschließlich der von Lyndon Johnson, und wurde an den nationalen Randbereich verbannt.

Genug war genug. „Was macht dieser gottverdammte (n-Wort)-Prediger mit mir?“ Diese Worte soll der Präsident am Tag geschrien haben, nachdem King diese Worte gesagt hatte:

„Eine wahre Revolution der Werte wird die Weltordnung beeinflussen und vom Krieg sagen: ‚Diese Art der Beilegung von Differenzen ist nicht gerecht‘. Dieses Geschäft, Menschen mit Napalm zu verbrennen, die Häuser unserer Nation mit Waisen und Witwen zu füllen, giftige Drogen des Hasses in die Venen der normalerweise humanen Völker zu spritzen, Männer von dunklen und blutigen Schlachtfeldern körperlich behindert und psychisch gestört nach Hause zu schicken, lässt sich nicht mit Weisheit, Gerechtigkeit und Liebe vereinbaren. Eine Nation, die Jahr für Jahr mehr Geld für militärische Verteidigung ausgibt als für Programme zur sozialen Verbesserung, nähert sich dem spirituellen Tod.“

Dies war Kings Rede in der Riverside Church in New York City am 4. April 1967: „Jenseits von Vietnam: Eine Zeit, um das Schweigen zu brechen.“ Nicht weniger als 168 Zeitungen – darunter natürlich die großen Akteure, die New York Times, die Washington Post u.a. – verurteilten King nach dieser Rede. Wie kann er es wagen, aus Napalm und verbrannten Kindern, aus der psychologischen Verwirrung des Krieges eine große Sache zu machen? Er muss sich an die Bürgerrechte halten!

Martin Luther King: zu seiner Zeit wurde er gehasst, aber jetzt ist er ein Heiliger. Und mehr als 50 Jahre nach seinem Tod umarmt Mike Pence den Mann, als wäre er der Weihnachtsmann, anscheinend unter dem Eindruck, dass er jetzt verfügbar ist, um überall auf dem politischen Spektrum Segen und Unterstützung zu geben.

Aber anscheinend ist das nicht der Fall. Martin Luther King fügt sich nicht so ordentlich in die amerikanische Geschichte ein. Er steht jetzt, wie damals, als lebendige Kraft für Gerechtigkeit, in kompromissloser Opposition zu Armut, Rassismus und Krieg. Er steht jenseits der Mauern, die wir bauen, und umarmt die Kinder auf beiden Seiten.

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