Schiffe im Hafen von Bombay 1731. Bild: Public Domain

Während der Kolonialzeit haben die Briten Indien um gewaltige Summen betrogen. Möglich machte es auch ein unfaires Handelssystem, welches enorme finanzielle Mittel umleitete.

Von Jason Hickel / Antikrieg

Es gibt eine Geschichte, die in Großbritannien allgemein verbreitet ist, dass die Kolonisierung Indiens – so schrecklich sie auch gewesen sein mag – für Großbritannien selbst keinen großen wirtschaftlichen Nutzen gebracht hat. Wenn überhaupt, dann war die Verwaltung Indiens ein Kostenfaktor für Großbritannien. Die Tatsache, dass das Imperium so lange aufrechterhalten wurde – so die Geschichte – war also eine Geste des britischen Wohlwollens.

Neue Forschungen der renommierten Ökonomin Utsa Patnaik, die gerade von der Columbia University Press veröffentlicht wurden, versetzen dieser Erzählung einen vernichtenden Schlag. Ausgehend von fast zwei Jahrhunderten detaillierter Daten über Steuern und Handel berechnete Patnaik, dass Großbritannien im Zeitraum 1765 bis 1938 insgesamt fast 45 Billionen Dollar aus Indien abgesaugt hat.

Es ist eine erstaunliche Summe. Aus heutiger Sicht sind 45 Billionen Dollar 17 mal mehr als das gesamte jährliche Bruttoinlandsprodukt des Vereinigten Königreichs.

Loading...

Wie kam es dazu?

Es geschah durch das Handelssystem. Vor der Kolonialzeit kaufte Großbritannien Waren wie Textilien und Reis von indischen Produzenten und bezahlte sie auf die übliche Weise – meist mit Silber – wie in jedem anderen Land. Aber 1765 änderte sich etwas, kurz nachdem die East India Company die Kontrolle über den Subkontinent übernommen und ein Monopol über den indischen Handel aufgebaut hatte.

So hat es funktioniert: Die East India Company begann, Steuern in Indien einzuheben, und nutzte dann geschickt einen Teil dieser Einnahmen (etwa ein Drittel), um den Kauf indischer Waren für den britischen Gebrauch zu finanzieren. Mit anderen Worten, anstatt für indische Waren aus eigener Tasche zu bezahlen, erwarben britische Händler sie kostenlos und „kauften“ von Bauern und Webern mit Geld, das ihnen gerade abgenommen worden war „Tax-and-Buy-System“).

Es war ein Betrug – Diebstahl im großen Stil. Doch die meisten Inder wussten nicht, was vor sich ging, denn der Agent, der die Steuern einnahm, war nicht derselbe wie der, der auftauchte, um ihre Waren zu kaufen. Wäre es die gleiche Person gewesen, hätten sie sicher Verdacht geschöpft.

Ein Teil der gestohlenen Waren wurde in Großbritannien konsumiert, der Rest wurde anderswohin wieder ausgeführt. Das Wiederausfuhrsystem ermöglichte es Großbritannien, einen Strom von Importen aus Europa zu finanzieren, einschließlich strategischer Materialien wie Eisen, Teer und Holz, die für die britische Industrialisierung unerlässlich waren. Tatsächlich hing die Industrielle Revolution zu einem großen Teil von diesem systematischen Diebstahl aus Indien ab.

Darüber hinaus konnten die Briten die gestohlenen Waren für viel mehr Geld in andere Länder verkaufen, als sie sie ursprünglich „gekauft“ hatten, indem sie nicht nur 100 Prozent des ursprünglichen Wertes der Waren, sondern auch den Aufschlag einnahmen.

Nachdem der britische Raj 1847 die Macht übernommen hatte, fügten die Kolonisatoren dem Tax-and-Buy-System eine besondere neue Wendung hinzu. Als das Monopol der East India Company zusammenbrach, durften indische Produzenten ihre Waren direkt in andere Länder exportieren. Aber Großbritannien sorgte dafür, dass die Zahlungen für diese Waren dennoch in London landeten.

Wie funktionierte das? Grundsätzlich würde jeder, der Waren aus Indien kaufen wollte, dies mit speziellen Council Bills tun – einer einzigartigen Papierwährung, die nur von der britischen Krone ausgegeben wurde. Und der einzige Weg, diese Scheine zu bekommen, war, sie in London mit Gold oder Silber zu kaufen. So würden Händler London in Gold bezahlen, um die Scheine zu bekommen, und dann die Scheine benutzen, um indische Produzenten zu bezahlen. Als die Indianer die Scheine im örtlichen Kolonialbüro einlösten, wurden sie mit Rupien aus Steuereinnahmen „bezahlt“ – Geld, das gerade von ihnen gesammelt worden war. Also wurden sie auch hier wieder gar nicht bezahlt, sie wurden betrogen.

Unterdessen erhielt London das gesamte Gold und Silber, das im Austausch für ihre Exporte direkt an die Inder gehen sollte.

Dieses korrupte System bedeutete, dass Indien zwar einen beeindruckenden Handelsüberschuss mit der übrigen Welt erzielte – ein Überschuss, der Anfang des 20. Jahrhunderts drei Jahrzehnte lang andauerte -, sich aber als Defizit in den volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen erwies, da das Realeinkommen aus Indiens Exporten vollständig von Großbritannien vereinnahmt wurde.

Loading...

Einige weisen auf dieses fiktive „Defizit“ als Beweis dafür hin, dass Indien eine Belastung für Großbritannien war. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Großbritannien hat enorme Mengen an Einkommen abgefangen, die zu Recht indischen Produzenten gehörten. Indien war die Gans, die das goldene Ei legte. Unterdessen bedeutete das „Defizit“, dass Indien keine andere Wahl hatte, als von Großbritannien Kredite zur Finanzierung seiner Importe aufzunehmen. So wurde die gesamte indische Bevölkerung in völlig unnötige Schulden bei ihren kolonialen Oberherren gezwungen, was die britische Kontrolle weiter festigte.

Großbritannien nutzte den Gewinn aus diesem betrügerischen System, um die Motoren der imperialen Gewalt zu befeuern – die Finanzierung der Invasion in China in den 1840er Jahren und der Unterdrückung der indischen Rebellion im Jahr 1857. Und das kam zu dem hinzu, was die Krone direkt von den indischen Steuerzahlern nahm, um für ihre Kriege zu bezahlen. Wie Patnaik betont, „wurden die Kosten aller britischen Eroberungskriege außerhalb der indischen Grenzen immer ganz oder hauptsächlich den indischen Einnahmen angelastet“.

Und das ist noch nicht alles. Großbritannien nutzte diesen Zustrom von Tribut aus Indien, um die Expansion des Kapitalismus in Europa und in Regionen europäischer Besiedelung wie Kanada und Australien, zu finanzieren. So wurde nicht nur die Industrialisierung Großbritanniens, sondern auch die Industrialisierung eines Großteils der westlichen Welt durch die Absaugung aus den Kolonien erleichtert.

Patnaik identifiziert vier verschiedene Wirtschaftsperioden im kolonialen Indien von 1765 bis 1938, kalkuliert die Extraktion für jede einzelne und berechnet dann einen bescheidenen Zinssatz (etwa 5 Prozent, was niedriger als der Marktzins ist) vom Mittelwert einer jeden Periode bis zur Gegenwart. Zusammenfassend stellt sie fest, dass sich der gesamte Abfluss auf 44,6 Billionen Dollar beläuft. Diese Zahl ist konservativ, sagt sie und beinhaltet nicht die Schulden, die Großbritannien Indien während des Raj auferlegt hat.

Das sind atemberaubende Summen. Aber die tatsächlichen Kosten dieses Abflusses lassen sich nicht berechnen. Wenn Indien in der Lage gewesen wäre, seine eigenen Steuereinnahmen und Deviseneinnahmen in die Entwicklung zu investieren – wie es Japan tat -, lässt sich nicht sagen, wie die Geschichte anders verlaufen wäre. Indien hätte sehr wohl zu einem wirtschaftlichen Kraftpaket werden können. Jahrhunderte der Armut und des Leidens hätten verhindert werden können.

All dies ist ein ernüchterndes Gegenmittel gegen die rosarote Erzählung, die von einigen mächtigen Stimmen in Großbritannien gefördert wird. Der konservative Historiker Niall Ferguson hat behauptet, dass die britische Herrschaft dazu beigetragen hat, Indien zu „entwickeln“. Während seiner Zeit als Premierminister behauptete David Cameron, dass die britische Herrschaft eine Nettohilfe für Indien war.

Diese Erzählung hat in der Volksmeinung eine beachtliche Wirkung: Laut einer Umfrage von YouGov aus dem Jahr 2014 glauben 50 Prozent der Briten, dass der Kolonialismus für die Kolonien von Vorteil war.

Doch während der gesamten 200-jährigen Geschichte der britischen Herrschaft in Indien gab es fast keinen Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens. In der Tat brachen in der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts – der Blütezeit der britischen Intervention – die Einkommen in Indien um die Hälfte ein. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Inder sank von 1870 bis 1920 um ein Fünftel. Zehn Millionen starben sinnlos an politisch bedingten Hungersnöten.

Großbritannien entwickelte Indien nicht. Im Gegenteil – wie Patnaiks Arbeit deutlich macht – entwickelte Indien Großbritannien.

Was verlangt das heute von Großbritannien? Eine Entschuldigung? Auf jeden Fall. Reparationen? Vielleicht – obwohl es in ganz Großbritannien nicht genug Geld gibt, um die Summen zu bezahlen, die Patnaik ausweist. In der Zwischenzeit können wir damit beginnen, die Geschichte richtig zu stellen. Wir müssen erkennen, dass Großbritannien die Kontrolle über Indien nicht aus Wohlwollen, sondern um der Ausplünderung willen behalten hat und dass der industrielle Aufstieg Großbritanniens nicht sui generis aus der Dampfmaschine und starken Institutionen hervorging, wie es unsere Schulbücher vorschreiben, sondern vom gewaltsamen Diebstahl aus anderen Ländern und anderen Völkern abhängig war.

Liebe Leser, wenn sie kein Abo abschließen möchten, können sie uns auch mit einer Spende auf folgendes Empfängerkonto: Andreas Keltscha, IBAN: DE96100110012620778424, BIC: NTSBDEB1XXX oder per Paypal und Kreditkarte, unterstützen. Danke für ihre Hilfe!

Loading...

9 KOMMENTARE

  1. Wann macht sich endlich einmal ein Autor bei Contra auf und erzählt uns wie gut das „britische System“ noch immer funktioniert. ?

    Beispiel: Die Außenhandelsüberschüsse der BRD, über deren Verbleib seit der Aufhebung der Golddeckung des Dollars jede BRD-„Regierung“ den Mantel des Schweigens hüllt. Bis 1971 konnte die junge BRD beispielsweise ca. 3500 To. Gold aus dem Außenhandel in Reserven anlegen . Das selbst dieses Gold „nicht zur Verfügung steht“( und wenn, dann erst seit Neuerem nur in geringfügigem Ausmaß), müsste doch den BRD-Bürgern zu denken geben.

    Stattdessen wird seit Jahrzehnten weiterhin die Geschichte vom Export-Weltmeister BRD vorgegaukelt, aber dass jemals eine glaubhafte Version über den Verbleib der Überschüsse seit 1971 zuhören war, die doch auch als Währungsreserven in offiziellen Statistiken erscheinen sollten, kann ich mich nicht erinnern. Der „neue“ Export-Weltmeister China hingegen war in der Lage Billionen Dollar wie auch Goldreserven aus den Außenhandelsüberschüssen des Staates anzusammeln.

    • Die Einnahmen aus den Exportüberschüssen fließen vorrangig in die Taschen der Unternehmen und kommen auch stark den Aktionären zugute. Da jedoch zB rund ein Drittel der deutschen Aktien in US-Händen liegen, fließt also ein nicht unerheblicher Teil wieder in die Staaten zurück. Ähnlich dürfte es auch bei den Briten sein.

  2. Zum Nutzen der Kolonialherrschaft: Wir werfen Massenmörder Stalin zu Recht vor, dass die Kollektivierung der Landwirtschaft in seiner ursprünglichen Form bei der ersten Dürre zu Millionen Hungertoten führte. Die Kolchosstrukturen wurden verbessert und damit gab es in Friedenszeiten keine Hungertoten mehr, wie es zuvor, auch im Zarenreich, häufig vorkam. Also 20 Jahre nach der bolschewistischen Machtübernahme. Nach über einhundert jähriger britischer „Entwicklungsförderung“ gab es die letzte Hungersnot mit über einer Million Toten im 20. Jahrhundert. Insgesamt verhungerten in britischer Zeit etwa 60 Millionen Inder. Da 1918-20 Polen, die baltischen Staaten und Finnland unabhängig wurden und Bessarabien(Moldawien) und Rumänien kam, stimmen die großen Opferzahlen des Bolschewismus nicht, weil die auf dem Vergleichen der Einwohnerzahlen mit dem Zarenreich Blödsinn sind. Trotzdem spricht man zu Recht von 11 bis 12 Millionen Opfern von Lenins Oktoberputsch, Bürgerkrieg und Stalinismus, also des Bolschewismus. In Bezug auf die UdSSR war und es legitim, die Hungertoten mit zu den Opfern zu zählen. Die britische Herrschaft in Indien hat (ohne getötete Aufständische, Streikende und Demonstranten) also mindestens das Fünffache, allerdings in einem längeren Zeitraum, an Opfern gekostet. Man sollte die britischen Kolonialpolitiker endlich mit Stalin, Berija und Konsorten vergleichen.

      • Die unabhängig gewordenen Völker und die Grippeopfer und die Weltkriegsopfer und deren Nachkommen wurden bzw. fehlenden Nachkommen sind über 50 Millionen, die Stalin nicht mordete. Der Autor Snyders (Bloodlands). setzt die Opfer des Stalisnismus ( 8 Millionen in den Bloodlands, Stalins Hauptterrorzone) ähnlich hoch an. Unter den Opfern Stalins sind dabei 2 Millionen der brutalen Kriegsführung einberechnet. Hitler ist hier allerdings der Haupttäter. Außerdem hat die Ukraine ihre ursprünglichen Angaben über die Opfer nach nach untern korrigiert. Übrigens: Der Rückgang der Lebenserwartung unter Jelzin um zehn Jahre entspricht etwa zusätzlichen 13 Millionen Toten.Das waren nicht nur Alkoholiker.

  3. Da können sich viele die Hand geben, denn viele Europäer waren über Jahrhunderte Räuber und fielen über die ganze Welt her, angefangen bei den Engländern und allein der Commonwealth ist schon das sichtbare Zeichen ihrer ehemaligen Macht und Ausbeutung und selbst diese Räuber haben in königlichem Auftrag noch durch staatlich legitimiertes Freibeutertum den anderen noch das Gold abgejagt und dann die Spanier, die ganze Landstriche vom Süden Amerikas bis hin nach Kalifornien ausgeplündert haben und darauf ihren Reichtum begründet haben und auch die Portugiesen waren mit dabei und haben große Teile im fernen Osten ausgeplündert, von den Holländern ganz abgesehen und die Franzosen haben sich insbesondere in Schwarzafrika breit gemacht und sind dort immer noch dabei, sich zu bereichern und von den Weißen in Nordamerika wollen wir erst garnicht sprechen, die haben das Land ungefragt übernommen und es zu ihrem Eigentum erklärt und ca. 180 indigene Stämme entrechtet und das alles im Namen ihrer verkommenen Regierungen und Kirchen, die sich sogar noch die Frechheit erlaubten sie um ihren angestammten Glauben zu bringen und merkwürdigerweise hat keine Rasse so übel gehaust, wie die Weiße und demzufolge sollte sie sich alle schämen, wie sie mit der Welt umgegangen sind und wenn ich immer höre, wenn die Amis von der großen Nation sprechen, dann überfällt einen ja das Grausen, denn sie können es nicht lassen und treiben bis heute überall auf der Welt ihr Unwesen und die Europäer sind immer noch lustig mit dabei, das ist doch einfach unerträglich.

  4. Ja, die Gründung der FED fußt ja auf ähnlichem System nur daß damit die ganze Welt abgezockt wird. In Europa wurde dafür das Target2 System erfunden und damit Geld vom Steuerbürger in die privaten Schatullen der Unternehmenseigentümer umgeleitet.

    Die Briten haben schon seit sehr langer Zeit die gesamte Welt betrogen. Wann wurde England von dieser betrügerischen Ethnie übernommen?

  5. Es war noch weit komplexer. Z.B. hat das Empire die florierende indische Textilwirtschaft zerschlagen und Indien gezwungen die indische Baumwolle billig nach Großbritannien zu exportieren, dort industriell verarbeiten zu lassen und dann die Stoffe teuer zu reimportieren. Ein glänzendes Geschäft für die Engländer, ein Minus-Geschäft für Indien.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here