Recep Tayyip Erdogan. © Sputnik/ Sergey Guneyev

Die Türkei will in den kommenden Jahren mehrere islamische Kongresse abhalten, welche die Bildung eines „Islamischen konföderierten Staates“ zum Ziel hat – die Vereinigung aller muslimischer Länder unter einem Dach (und türkischer Führung).

Von Marco Maier

Jedes Jahr bis zum Jahr 2023 soll ein „Internationaler Kongress der Islamischen Union“ stattfinden, wie das türkische „Strategische Forschungszentrum für die Verteidiger der Gerechtigkeit“ es plant. Ziel ist es, so berichtet „Gefira„, einen „Islamischen konföderierten Staat“ zu bilden, der möglichst alle derzeitigen muslimischen Länder der Welt umfasst. Dazu passt auch die Aussage von Präsident Recep Tayyip Erdoğan, die er am 10. November 2016 machte:

„Gehen Sie nach Syrien, in den Irak, nach Nordafrika, in den Nahen Osten oder auf den Balkan und fragen Sie die Menschen, was sie von der Türkei und den Türken halten. Sie werden niemals Worte wie Kolonialismus, Invasion, Verfolgung oder Massaker hören. Stattdessen werden Sie Dankesausdrücke hören, die zu einem Symbol geworden sind, z. B. „Der treue Türke war hier“. … Ja, es ist ein Jahrhundert her, seit wir diese Länder verlassen haben, aber das Warten und die Hoffnung der Menschen dort sind nie zu Ende gegangen … Sie wissen, ich sage: „Die Welt ist größer als fünf“ [bezieht sich auf die fünf ständige Mitgliedsstaaten des UN-Sicherheitsrats]. Und die Türkei ist größer als die Türkei, wissen Sie das einfach. Wir können nicht innerhalb von 780.000 Kilometern [Gesamtfläche der Türkei] gefangen sein.“

Die Türkei scheint ihr Bestreben, eine islamische Regierung im osmanischen Stil zu schaffen, die mehrere muslimische Nationen umfasst, zu beschleunigen. Eine solche Anstrengung wurde Anfang November auf dem zweiten „International Islamic Union Congress“ in Istanbul sichtbar. Die Konferenz wird hauptsächlich vom Strategischen Forschungszentrum der Verteidiger der Gerechtigkeit (ASSAM) gesponsert, angeführt vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğans militärischem Berater, Adnan Tanrıverdi, einem pensionierten Generalleutnant der Islamisten.

Weitere Organisatoren des Kongresses – der nächste Kongress wird im Dezember 2019 stattfinden – sind die Vereinigung der Gerechtigkeitsverteidiger (ASDER), die Üsküdar-Universität in Istanbul (ÜÜ), die Union der NGOs der Islamischen Welt (UNIW), die Internationale muslimische Gelehrten-Verbindung (UMAD) und die Internationale Union der muslimischen Gelehrten (IUMS).

Das Ziel Erdogan ist es, quasi eine Neubildung des Osmanischen Reiches zu schaffen. Dazu setzt er auch auf die Hilfe der Muslimbruderschaft, die ursprünglich ein Produkt des britischen Geheimdienstes war. So sagte der ägyptische Theologe Yusuf al-Qaradawi, Vorsitzender der zur Muslimbruderschaft gehördenden Internationalen Union der muslimischen Gelehrten, der auch Selbstmordattentate verteidigt:

„Die Türkei sieht sich den Anschlägen von denen gegenüber, die es nicht mögen, diese Nation [aufsteigen] zu sehen und durch den Westen. Sie wären [in ihren Anschlägen] erfolgreich gewesen, aber Allah unterstützt Präsident Recep Tayyip Erdoğan und seine Brüder um Sieger zu sein, solange echte Muslime neben ihm stehen.“

Bei der Veranstaltung im November haben Tanrıverdi und andere prominente Anhänger von Erdoğan die Schaffung eines gemeinsamen muslimischen Wirtschaftsmarktes gefordert. Die Teilnehmer erklärten ihr Ziel, eine islamische „Supermacht der Zukunft“ in den islamischen Ländern zu schaffen, die 60 islamischen Ländern gehören, die von 1,6 Milliarden Muslimen bewohnt werden und auf 19 Millionen km² 55,5 Prozent der weltweiten Ölreserven und 45,6 Prozent der Ölförderung haben, sowie 64,1 Prozent der Erdgasreserven und 33 Prozent seiner Produktion.“

Wenn man bedenkt, dass Präsident Erdoğan auch ein Brückenbauer zum schiitischen Iran ist und im Gegensatz zu Saudi-Arabien und den Riadh gegenüber hörigen arabischen Staaten auch versucht die Schiiten zu integrieren, kann man sich durchaus vorstellen, dass seine Bemühungen fruchten könnten. Allerdings ist davon auszugehen, dass insbesondere die Saudis dagegen opponieren, zumal sie seit dem Zerfall des alten Osmanischen Reichs de facto eine Führungsfunktion in der sunnitischen Welt übernommen haben. Der integrative und in Sachen muslimischer Strömungen relativ tolerante osmanische Ansatz dürfte hier längerfristig jedoch deutlich erfolgreicher sein als der sektiererische wahhabitische Ansatz der Saudis.

Auf der ersten ASSAM-Konferenz im November 2017 bekräftigten die Teilnehmer das Ziel der „Einheit des Islam“ durch die Gründung der „Konföderation der islamischen Länder“. Seine Erklärung wurde von ASSAM und 109 NGOs – davon waren siebzig aus der Türkei – aus 29 Ländern genehmigt.

In der Erklärung heißt es unter anderem:

„Islamische Länder müssen sich unter einem gemeinsamen Willen zusammenschließen, und es muss dringend ein ‚Islamisches Länder-Parlament‘ geschaffen werden, das dauerhafte Aktivitäten durchführen wird. [Die Konföderation zeilt darauf ab] einundsechzig islamische Länder zu umfassen… In der Einheit des Islams werden sie frei entscheiden und die Einheitsbedingungen akzeptieren.“

Darüber hinaus wurde eine Modellverfassung ausgearbeitet, wonach die Hauptstadt der Islamischen Konföderation Istanbul ist. Souveränität „gehört zur Scharia [islamisches Gesetz]“; und vier der Mitgliedstaaten – hauptsächlich Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo und Mazedonien – werden voraussichtlich europäische muslimische Staaten sein. Zudem wurde beschlossen, dass „jedes islamische Land ein „Ministerium der Islamischen Union“ schaffen soll, um so einen Ministerrat zu etablieren. Es geht also voran, mit der Bildung einer solchen Konföderation, die jedoch auch die Einführung der Scharia in all jenen Staaten mit sich bringen dürfte, welche bislang noch (aus welchen Gründen auch immer) darauf verzichten.

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