Türkei: Deshalb wird die Lirakrise zur Schuldenkrise

Die massive Abwertung der Türkischen Lira wird langsam auch zu einer Schuldenkrise. Noch hält sich das System über Wasser – aber wie lange noch? Banken und große Unternehmen beginnen bereits zu taumeln. Präsident Erdogan muss auf die Zeit setzen.

Von Marco Maier

Zu Beginn dieser Woche, als die Türkische Lira über das Wochenende implodierte und an zwei aufeinander folgenden Tagen abstürzte, brachen Anleihen türkischer Banken unter der Sorge zusammen, dass der Einbruch der Lira in diesem Jahr es extrem schwierig für Kreditnehmer machen würde, auf Dollar lautende Schulden zurückzuzahlen. Infolgedessen sind am Montag zahlreiche Anleihen türkischer Banken auf Rekordtiefs gefallen: Am stärksten betroffen waren Anleihen der Yapi Kredi Bankasi AS, die in der vergangenen Woche fast 30 Cent je Dollar verloren haben.

Der Grund für die sofortige Liquidation waren die Befürchtungen der Anleger, dass türkische Kreditgeber Schwierigkeiten hätten, das Kapital für die Rückzahlung von Anleihen in Höhe von 34,4 Milliarden US-Dollar zu finden, die während eines Jahrzehnts mit schnellem Wirtschaftswachstum und historisch niedrigen weltweiten Kreditkosten vergeben wurden. Allein die türkischen Banken müssen bis Ende 2019 USD-Schuldtitel in Höhe von 7,6 Milliarden US-Dollar bedienen. „Das materielle Niveau der Fremdwährungskredite bei türkischen Instituten macht sie anfällig“, sagten BNP Paribas-Analysten, während ein Goldman-Bericht den panischen Anleihegläubigern mit der Behauptung den Hammer fallen ließ, dass, wenn die türkische Lira auf 7,1 fiel, das überschüssige Kapital im türkischen Banksektor ausgelöscht werden würde.

Aber die türkischen Banken sind nicht das einzige Opfer dieser enormen Währungsabwertung. Nach Berechnungen von Bloomberg sehen sich türkische Großunternehmen, Finanzinstitutionen und die Regierung mit einer „Anleihemauer“ von mindestens 16 Milliarden Dollar in Fremdwährungsanleihen konfrontiert, die bis Ende nächsten Jahres fällig werden: „Der zum Ende des nächsten Jahres fällige Betrag setzt sich hauptsächlich aus Schuldtiteln zusammen, die von türkischen Finanzinstituten begeben werden. Dazu gehören herkömmliche Anleihen und islamische Sukuk-Anleihen mit einem Wert von mindestens 100 Millionen US-Dollar zum Zeitpunkt der Emission.“

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„Bisher hat sich eine Währungskrise nicht in eine Verschuldungskrise verwandelt“, schrieben Analysten von Exotix Partners in einem Bericht, obwohl dies vor allem auf den Mangel an bevorstehenden Fälligkeiten zurückzuführen ist: Je länger die Krise andauert, desto tiefer fällt die Lira und desto größer ist die Wahrscheinlichkeit eines katastrophalen Ergebnisses. Unterdessen könnte die niedrige Staatsverschuldung des Landes mit 28 Prozent des BIP „ein Trost sein, und das Land hat Munition in Form von offiziellen Währungsreserven in Höhe von 98 Milliarden Dollar“, schreiben sie, obwohl auch hier die größere Wildcard darin liegt, ob die Türkei in der Lage ist, den Zustrom an ausländischem Kapital aufrecht zu erhalten um genügend Fremdwährungsreserven zu haben. Immerhin sorgt das anhaltende Handelsbilanzdefizit dafür, dass immer genügend Fremdwährungen (vor allem Dollar und Euro) vorhanden sein müssen. Sonst kommt es auch zu einer Versorgungskrise bei den Importwaren.

Im Grunde genommen bleibt Präsident Erdogan nichts weiter übrig als auf Zeit zu spielen und darauf zu hoffen, dass sich die Türkische Lira zumindest wieder ein wenig erholt und einen Teil der jüngeren Verluste wieder gut macht. Doch die Saison für den Sommerurlaub neigt sich dem Ende zu und damit auch jene Zeit, in der die türkische Wirtschaft den größten Zustrom an Devisen erhält, zumal der Tourismussektor ein wichtiger Devisenlieferant ist. Der Boykottaufruf des Präsidenten in Sachen amerikanische Elektronikprodukte dürfte auch eher symbolischer Natur gewesen sein. Denn: Infolge der massiven Währungsabwertung werden iPhones & Co für die Türken auch zusehend zum Luxus-Gut.

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Ein Kommentar

  1. Schulden sind schuld an der Schuldknechtschaft. Darum werden allen großen deutschen und vermutlich auch türkischen Unternehmen Schulden aufgezwungen. Wer sich (wie etwa vor Jahren der erklärte Großbankengegner Carsten Rodbertus als Prokon-Geschäftsleiter) nicht „freiwillig“ verschuldet, wird von der westlichen Volksverhetzerpresse diffamiert, von westlichen Unternehmen boykottiert oder gar von westlichen Regierungen mit Sanktionen geschäftlich isoliert. Obendrein werden alle deutschen (und türkischen?) Großunternehmen NUR von den US-Wirtschaftsprüfern PWC, KPMG, E&Y oder Deloitte „beraten“ und „geprüft“. Transatlantische Wirtschaftsspionage und Blutsaugerei sind bestens „integriert“. Die zur Übernahme verführte Bayer AG blutet nun für Monsanto, bei Linde/Praxair droht ein ähnliches Desaster, wie auch schon bei Daimler/Chrysler. Grenzenlos kriegsblutrote Betriebs(ver)räte(r) in den Aufsichtsräten machen den Diebstahl des von Arbeitern produzierten Betriebsvermögens mit.

    Am besten wird es sein, wenn die Türkei die US-Bankster nebst den US-Wirtschaftsprüfern und der Nato aus dem Land wirft und nach mohammedanischer Sitte allenfalls die Tilgung und eine Gewinnbeteiligung im Erfolgsfall zurückbezahlt. Zinsen, die nur vom Kalender abhängen, sind Arbeitshetze und insofern ein Terrorismus.

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