Phlegräische Felder - Die Solfatara bei Pozzuoli. Bild: Wikimedia / Stanley-goodspeed CC BY-SA 3.0
Phlegräische Felder - Die Solfatara bei Pozzuoli. Bild: Wikimedia / Stanley-goodspeed CC BY-SA 3.0

Supervulkan Phlegräische Felder – Eine tickende Zeitbombe

Die Phlegräischen Felder in Italien sind Europas gefährlichster Supervulkan. Er kann jederzeit explodieren und fast ganz Europa mit einem Ascheregen bedecken.

Von Mike Clover

Die Phlegräischen Felder sehen unscheinbar aus und wirken alles andere bedrohlich.D och spätestens seit zahlreiche Medien eine Studie des University College London (UCL) und von Forschern aus Neapel aufgriffen, steht das Vulkanfeld als Hochsicherheitsrisiko mit Folgen für ganz Europa wieder im Blickfeld der Öffentlichkeit.

Die etwa 150 Quadratkilometer großen Phlegräischen Felder beginnen unmittelbar am westlichen Stadtrand von Neapel und setzen sich entlang der Küste des Mittelmeeres bzw. des Golfes von Neapel fort. Im Süden dehnen sie sich untermeerisch aus und schließen hierbei auch das Gebiet der Inseln Ischia und Procida (im Südwesten) sowie Nisida (im Nordosten) ein. Wichtigster Ort der Region und zugleich Anziehungspunkt für viele Touristen ist die Ortschaft Pozzuoli.

Die Phlegräischen Felder bereiten Forschern derzeit mehr Sorgen der Vesuv, der die Bewohner der Gegend täglich an den historischen Ausbruch im Jahr 79 erinnert, der die Städte Pompeji und Herculaneum unter einer dicken Schicht aus Asche und Gestein begrub. Bei einer Eruption vor 39.400 Jahren warf die „Campi Flegrei“ ca. 350 Kubikkilometer Gestein und Asche aus, der Vesuv im Jahre 79 gerade mal 4 Kubikkilometer. Die Asche gelangte bis nach Zentralrussland und verteilte sich im ganzen östlichen Mittelmeerraum. Es war die größte vulkanische Eruption der letzten 100.000 Jahre in Europa.

Damit kann sie sich in Bezug auf den VEI (Vulkan Eruptions Index) mit den stärksten überlieferten Eruptionen in historischer Zeit (allem voran Tambora im Jahre 1815, aber auch Krakatau 1883) messen. Bei einem weiteren Großausbruch vor 15.000 Jahren wurden 40 km³ Material ausgestoßen und 1000 km² Bodenfläche zerstört. Der letzte größere Ausbruch fand im Jahr 1538 statt. Er dauerte acht Tage, und aus dem ausgeworfenen Material entstand ein neuer Berg – der Monte Nuovo – und der angrenzende Lago d’Averno (Averner See; ein mit Wasser gefüllter Vulkankrater) wurde vom Meer abgeschnitten.

Der Druck steigt!

Im Observatorium des Nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie (INGV) in Neapel werden die Phlegräischen Felder 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr überwacht. Und nicht nur der Supervulkan interessiert die Wissenschaftler – auch die anderen Problemkinder des Golfs von Neapel werden beobachtet: der Vesuv und die Vulkaninsel Ischia. Der Boden auf den Feldern kann durch die vulkanische Aktivität sehr heiß werden. An vielen Stellen ist das Gestein durch die aufsteigenden Schwefeldämpfe gelb gefärbt. Auf dem gesamten Gebiet gibt es mehr als 50 Eruptionsherde. Die nicht sichtbare, eingesunkene Caldera liegt zu zwei Dritteln unter Wasser und stellt einen von über 20 Supervulkanen auf der Erde dar.

Die Aktivität ist zuletzt wieder gestiegen. Der Druck im Untergrund steigt, 2012 wurde die Alarmstufe auf Gelb angehoben. Erhöhte Wachsamkeit. Denn nachdem es in den vergangenen Jahrzehnten wiederholt ein starkes Auf und Ab begleitet von spürbaren Beben im Gebiet der Phlegräischen Felder gab, steigt die Kurve seit einigen Jahren wieder nach oben. Die Erde wölbt sich auf.

Unklarheit herrscht auch über den Grund der Bodenhebungen. „Eine Fraktion sagt: Grund dafür ist die Akkumulation neuen Magmas in der Tiefe“, sagt Thomas Walter vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam. „Die andere sagt, es gebe keine Hinweise auf Magma, vielmehr seien hydrothermale Gase dafür verantwortlich, die vor der Magmakammer frei werden und sich in Untergrundreservoiren ansammeln.“ Vor vier Jahrzehnten stieg das Niveau des Bodens innerhalb von drei Jahren um 1,5 Meter an, Anfang der 80er-Jahre gab es eine ähnliche Krise. Forscher sagen, eine derartige Situation ging dem Ausbruch im Jahr 1538 voraus.

Das Ergebnis wäre katastrophal

Wenn man bedenkt, welch ein Flugchaos schon der vergleichsweise schwache Ausbruch des Eyjafjallajökull (in den ersten 3 Tagen wurden 0,14 Kubikkilometer Tephra gefördert) im Frühjahr 2010 verursachte, bedarf es nicht viel Fantasie, welche Auswirkungen ein Ausbruch ders Supervulkans hätte. Beim Ausbruch des Pinatubo in den Philippinen wurde 1991 wurde durch die Eruption ungefähr 10 Kubikkilometer Tephra ausgeworfen. Daraufhin sank die weltweite Temperatur um 0.5 Grad und es war eine erhöhte Ozonreduktion aufgetreten.

Würden die Phlegräischen Felder ausbrechen, wären die Folgen apokalyptisch: Hungersnöte, Flüchtlingsströme und ein nuklearer Winter könnten die Welt bedrohen. Das Gebiet um Neapel würde völlig zerstört. Durch den Ascheregen käme die Landwirtschaft in weiten Teilen Europas zum Erliegen. Die Lebensmittelpreise würden extrem steigen, die Lebensmittelversorgung wäre in Gefahr – Hungersnöte wären die Folge. Ausgeworfener Bimsstein würde die Schifffahrt lahm legen. Der Flugverkehr für längere Zeit zum Erliegen, auch die Strom- und Wasserversorgung wären bedroht.

Aus den verwüsteten Gebieten würden die Menschen zu Tausenden fliehen. Ein „nuklearer Winter“ würde die Situation langfristig verschlimmern: Aufgewirbelte Staub- und Ascheteilchen in der Atmosphäre blockieren das Sonnenlicht. Die Erde kühlt ab, was wiederum die Landwirtschaft beeinträchtigt, weltweit. Im Endeffekt würde in weiten Teilen der Erde das Ende der Zivilisation kommen.