Türkische Lira
Türkische Lira

Die Türkei steht vor dem Crash

Die Lira verliert stark an Wert und die Zinsen steigen, während die Dollar-Schulden unbezahlbar werden. Die Angst vor dem Wirtschaftskollaps geht um, auch wenn die türkische Regierungspropaganda alles schönmalt.

Von Marco Maier

Dieser Artikel wird wohl wieder hasserfüllte Kommentare von glühenden Erdogan-Anhängern und türkischen Nationalisten nach sich ziehen, die den Worten ihres Präsidenten mehr Gewicht zumessen als den unumstößlichen Fakten, welche sich aus den offiziellen Daten ergeben. Dabei müssten auch sie sehen, dass auch in der Türkei längst nicht alles Gold ist was glänzt – trotz einiger kurzfristiger wirtschaftspolitischer Erfolge.

Immerhin lag das Wirtschaftswachstum des Landes zwischen 2003 und 2017 durchschnittlich bei 5,7 Prozent jährlich, die Mittelschicht ist gewachsen, die Staatsschulden nicht sonderlich explodiert und das Haushaltsdefizit ist weiterhin recht gering. Doch all diese Erfolge, die auch der expansiven Wirtschaftspolitik der AKP-Regierung von Ministerpräsident bzw. Präsident Recep Tayyip Erdogan. Diese führen nämlich auch zu einer sehr hohen Inflationsrate und zu einer massiven Abwertung der Türkischen Lira.

Das ist ein großes Problem. Denn: Die Türkei insgesamt hat sich inzwischen stark in US-Dollar verschuldet. Vor allem viele türkische Unternehmen und Privatpersonen bevorzugten die niedrigen Zinsen auf Dollar-Kredite, was sich jedoch inzwischen rächt. Musste man zum Beispiel vor fünf Jahren noch etwa 1,85 Lira pro Dollar bezahlen, sind es inzwischen schon rund 4,55. Für Unternehmen die einen Dollar-Kredit aufgenommen haben, heißt dies, dass sie inzwischen in eigener Währung etwa zweieinhalb mal so hoch verschuldet sind als noch eine halbe Dekade zuvor. Das Geld muss jedoch erst einmal erwirtschaftet werden – und das ist für immer mehr Unternehmen (auch große) immer schwieriger.

Und für die Türkei kommt noch eine weitere Hiobsbotschaft: Die Fed wird die Zinsen in den kommenden Monaten weiter erhöhen. Das heißt aber auch, dass der Dollar zur Lira weiter an Stärke zulegt und man bis zum Ende des Jahres bereits mit einem Kurs von fünf Lira und mehr rechnen muss. Das verteuert die Preise der von Importen abhängigen türkischen Wirtschaft jedoch noch mehr, so dass die rund elf Prozent Inflation von letztem Jahr in diesem Jahr deutlich übertroffen werden. Das Ergebnis: Während das türkische Statistikamt infolge einer geänderten Berechnungsmethode ein Rekordwachstum der Volkswirtschaft vermeldete, ist das nominale BIP auf Dollar-Basis seit 2013 rückläufig und seitdem auch um ganze 10,6 Prozent gesunken.

In der türkischen Regierung weiß man darüber Bescheid, weshalb man wohl auch die Neuwahlen von Parlament und Präsident vorgezogen hat, bevor das ganze mediale Beschönigungskonstrukt aufgrund der realwirtschaftlichen und finanziellen Tatsachen in sich zusammenfällt und die ganze Propaganda nicht mehr wirkt, weil die Türken mitansehen müssen, wie die ganze Wirtschaft vor ihren Augen kollabiert. Doch dann kann sich Präsident Erdogan fast schon sicher sein, dass er seine letzte Amtsperiode als Staatschef abdient. Da wird auch die ganze Regierungspropaganda und der gleichgeschaltete Medienapparat nicht mehr helfen können.

Update: Die Türkische Lira erlebte einen "Flash Crash".