Die türkische Eliteeinheit "Deniz-Kommando". Bild: Turkish Naval Forces

Die aktuelle türkische Operation in Syrien ist ein Affront gegen den NATO-Chef USA. Ankara stellt neue Regeln auf und kann sich auf neue Partner und Alliierte verlassen.

Von Marco Maier

Das Machtgefüge im Nahen Osten hat sich im Zuge des Kriegs in Syrien massiv verändert. Nicht nur Russland avancierte zu einem wichtigen regionalpolitischen Akteur, auch die Türkei als natürliche regionale Macht nahm ihre Rolle zunehmend (natürlich im eigenen Interesse) wahr. Zwar ist die Türkei nach wie vor Mitglied des transatlantischen Militärbündnisses NATO, doch was die US-Führung will ist für Ankara nebensächlich. Hier geht es rein um die türkischen Sicherheitsinteressen und um nichts anderes. Da müssen auch die "Alliierten" zurückstecken.

Dies zeigt sich auch in der "Operation Olivenzweig" in Nordsyrien, speziell in der Region um Afrin, in der viele Kurden leben. Diese haben nämlich enge Verbindungen mit den Kurden in der Türkei – und die syrisch-kurdische Miliz YPG gilt als Schwesterorganisation der türkisch-kurdischen Terrororganisation PKK. Kein Wunder also, dass die von Ankara eingerichtete "Pufferzone" im Norden Syriens (die offenbar auch annektiert werden soll) um jeden Preis militärisch abgesichert wird. Damit schießt man den verbündeten Amerikanern jedoch quasi ins Knie, zumal diese die YPG mit Waffen versorgen, weil sie das "kurdische Menschenmaterial" (und als mehr werden die YPG-Kämpfer von Washington auch nicht betrachtet) für ihre eigenen Ziele opfern wollen: Auf der einen Seite die islamistischen Gruppen zu bekämpfen und auf der anderen Seite wenn möglich die Destabilisierung Syriens voranzutreiben um die Assad-Regierung massivst zu schwächen.

Doch die Türken sind auf die Allianz mit den USA (bzw. dem Westen allgemein) eigentlich nicht (mehr) angewiesen. Ankara kann sich auf neue Partner verlassen. Wirtschaftlich sind es die Volksrepublik China und Katar, die zu den wichtigsten Investoren in der Türkei aufstiegen. Alleine das kleine reiche Emirat Katar hat mittels Verträgen bereits mehr als 20 Milliarden Dollar an Investitionen in der Türkei am Start – und weitere 19 Milliarden Dollar sind schon in der Pipeline. Im Gegenzug avancierte die Türkei (dessen Präsident der Muslimbruderschaft zugeneigt ist, die auch in Katar den Ton angibt) zur wichtigsten Schutzmacht des Emirats, welches sich massiven Anfeindungen aus Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Ägypten usw. gegenübersieht. Und China? Zwar kann man die chinesischen Direktinvestitionen (noch) nicht mit jenen der Kataris vergleichen, doch rein aus geographischen Gründen darf man davon ausgehen, dass die Türkei in der Etablierung der "Neuen Seidenstraße" Pekings eine Schlüsselrolle einnehmen wird.

Dann gibt es noch die militärischen Allianzen – unter anderem mit Russland und dem Iran. Beides Staaten, die von Washington als "Feind" klassifiziert werden. Als Ankara beispielsweise das Luftabwehrsystem S-400 von den Russen kaufte, drehte man im Pentagon und im Brüsseler NATO-Hauptquartier durch. Immerhin kann das türkische Militär bei Bedarf so auch NATO-Kampfjets vom Himmel holen, was mit den amerikanischen Systemen wegen der Freund-Feind-Kennung nicht möglich wäre. Und die iranische Armee mag zwar noch auf viel veraltetem Gerät sitzen, dennoch sind die iranischen Streitkräfte (wie jene der Türkei) insgesamt betrachtet jene der stärksten in der Region. Die Saudis mögen beispielsweise viel neues Kriegsgerät haben, doch in einer direkten militärischen Konfrontation wäre das wahhabitische Königreich sowohl den Türken als auch den Iranern ziemlich sicher völlig unterlegen.

Doch: Wie weit wird Ankara zur Absicherung der Südflanke gehen? Denn es ist klar, dass das logische nächste Ziel nach Afrin das ebenfalls kurdisch besiedelte Areal von Manjib östlich des Euphrats ist. Allerdings haben sich dort die Amerikaner eingenistet – und diese haben schon angekündigt, sich zu verteidigen, sollten sie von der türkischen Armee angegriffen werden. Vor allem jedoch wird dies wohl der bislang größte Test für die (seit dem Putschversuch im Juli 2016) ohnehin sehr angespannten türkisch-amerikanischen Beziehungen werden. Kommt es so weit, dass sich die Soldaten beider Länder Gefechte liefern? Werden sich die Amerikaner lieber zurückziehen oder werden die Türken nicht "die Eier" haben, den US-Truppen dort ein Ultimatum zum Abzug zu stellen und ohne Rücksicht auf die bilateralen Beziehungen durchmarschieren? Fragen, die wohl bald schon beantwortet werden. Bis dahin allerdings kann man durchaus sagen: Die Türkei hat es – zusammen mit Russland – geschafft, die US-Vorherrschaft in der Region zumindest teilweise zu brechen. Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis wann es tatsächlich so weit ist, dass die Amerikaner dort nur noch eine kleine Nebenrolle spielen.

 

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