Russland & Saudi-Arabien – Geopolitischer Ausgleich

Der Besuch von König Salman in Moskau stößt vielerorts auf Kritik. Doch: Putin braucht auch die Saudis für die Nahostpolitik und muss König Salman und Kronprinz Mohammed Bin Salman gegen den wahhabitischen Klerus stärken.

Von Marco Maier

Moskau vertritt seit einigen Jahren das Prinzip der multipolaren Weltordnung als geopolitische Zukunftsagenda, die eine Alternative zur derzeitigen unipolaren – globalistischen und US-zentristischen – Weltordnung darstellen soll. Gerade in diesem Kontext sollte man auch die jüngsten Bemühungen des Kremls sehen, auch die Beziehungen zum Langzeit-Alliierten der USA im Nahen Osten und Terroristen-Unterstützer, Saudi-Arabien, zu verbessern.

Bislang gab es nämlich vor allem gute Beziehungen Moskaus zu Teheran, dem schiitischen "Erzfeind" der wahhabitischen Extremisten in Riad, Mekka und Medina. Dies zeigt sich auch in der konstruktiven Zusammenarbeit in Syrien, wo sich Russland und der Iran als Verbündete von Präsident Assad präsentieren, während Saudi-Arabien (samt Golfstaaten-Anhang) die Agenda Washingtons (Londons und Paris') unterstützt, die in der Unterstützung von radikalsunnitischen Extremisten mündet, welche gegen die syrischen Regierungstruppen kämpfen.

Doch nun sollen eine Kalaschnikow-Waffenfabrik und ein Atomkraftwerk (durch Rosatom) in Saudi-Arabien gebaut werden und auch die Lieferung von S-400-Raketen-Abwehrsystemen an das Königreich ist im Gespräch. Ein Umstand, der vor allem bei den eher Russland-freundlichen alternativen Medien im deutsch- und englischsprachigen Raum auf Kritik stößt. Angesichts der bisherigen desaströsen Außenpolitik der Saudis (Syrien und Jemen sind hierbei nur zwei besonders exemplarische Beispiele) und der langjährigen Finanzierung von extremistischen, salafistischen Gruppierungen weltweit, kann man den Unmut durchaus nachvollziehen.

Nun kommt jedoch das ganz große Aber: Ist das heutige Saudi-Arabien, welches bald schon vom Sohn Salmans, Mohammed Bin Salman, geführt werden soll, immer noch dasselbe Saudi-Arabien, welches es vor fünf oder zehn Jahren war? Offenbar nicht wirklich. Immerhin arbeitet der Kronprinz bereits mit großem Eifer am Umbau des Landes – inklusive der Innen- und Außenpolitik. Dies bemerkt man auch im scharfen Vorgehen gegen den (nach wie vor mächtigen) wahhabitischen Klerus, der jedoch auch in Teilen der Königsfamilie noch Rückhalt genießt. Und gerade die mangelnde Auslandserfahrung von "MBS", wie der künftige König auch genannt wird, sowie der Umstand, dass er lediglich islamische Rechtswissenschaft studierte, könnten hierbei sogar eine Stärke sein.

Loading...

Hat MBS erst einmal seine Macht im Staate gefestigt, könnte sogar eine moderatere Außen- und Regionalpolitik umgesetzt werden. Das macht ihn zwar immer noch nicht zu einem Sympathieträger, doch wenn es um Geopolitik geht, ist Sympathie ohnehin nur nebensächlich. Dort zählen nur realpolitische Ergebnisse. Und wenn das für Moskau bedeutet, den Konfliktherd im Nahen Osten durch eine geschickte bilaterale Wirtschaftspolitik zumindest in Teilen entschärfen zu können, anstelle wie Washington auf Konfrontation und Krieg zu setzen, wäre dies ein großer Gewinn für die Menschen in der Region.

Für Russland geht es allerdings um noch mehr: Die Volksrepublik China, die sich ohnehin nicht viel für Geopolitik im klassischen Sinne interessiert, sondern vor allem wirtschaftlich weltweit Fuß fassen will, hat in den letzten sechs Monaten zwei größere Pakete an Deals mit den Saudis abgeschlossen, die insgesamt ein Volumen von 130 Milliarden Dollar umfassen und dazu beitragen sollen, die "Vision 2030" von MBS umzusetzen. Auch in Peking hat man erkannt, dass der baldige neue König auch in Sachen Terrorismus-Föderung eine große Rolle spielen wird und dies auch minimieren kann.

Immerhin gilt Mohammed Bin Salman nicht gerade als strenger Wahhabi, sondern setzt auch im privaten Leben auf persönliche Freiheiten, die er seinem Volk durchaus ebenfalls angedeihen lassen möchte. Bei den jungen Saudis (immerhin mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist jünger als 25) kommt er deshalb auch gut an, zumal auch sie nicht viel vom wahhabitischen Weg halten. Und es ist zu erwarten, dass nach der Erlaubnis für Frauen, auch Auto zu fahren, bald schon schrittweise neue gesellschaftliche Liberalisierungen folgen werden. Doch dies wird noch zu massiven Auseinandersetzungen mit dem wahhabitischen Klerus führen, der neben der Monarchie wirkt und das Land quasi zu einem Diktatur-Duopol macht. Die Liberalisierungsmaßnahmen sind hierbei faktisch ein "weicher Putsch" gegen den stockkonservativen Klerus.

Gerade deshalb, um einen "Gegenputsch" der wahhabitischen Kleriker zu unterminieren, ist es auch seitens Moskaus sinnvoll, die Modernisierungsbemühungen von MBS und König Salman zu unterstützen und die "Vision 2030" mit zum Erfolg zu führen. Geschieht dies nicht, würde die Lage in Saudi-Arabien und damit auch im gesamten Nahen Osten deutlich schlechter werden. Das sind alles Hintergründe, die es zu verstehen gilt, bevor man Putin dafür kritisiert, die Beziehungen zu den Saudis zu verbessern und auch dort im Land zu investieren.

Unterstützen auch Sie die Medienvielfalt. Vielen Dank!

Wir brauchen ihre Unterstützung!

Liebe Leser, wenn Sie keine Premiumartikel lesen möchten, aber uns dennoch unterstützen wollen, dann können sie das auch mit einer Spende auf unser Bankkonto tun. Fragen Sie per eMail: [email protected] nach den Bankdaten oder übersenden Sie einen Unterstützungsbeitrag einfach per Paypal. Danke für Ihre Hilfe!

Loading...

3 Kommentare

  1. Mit Kritik an Putin sollte man generell sparsam umgehen, insbesondere wenn unsere "Qualitätsmedien" dazu animieren. Er wird wohl auch für die Saudis einen Platz auf seinem Schachbrett reserviert haben, und natürlich – und das legitimerweise – im Interesse Russlands. Unterstelle und hoffe da gleichfalls auf einen mäßigenden Einfluss bezüglich Jemen, Iran, Syrien usw.. (Rat ehemaliger Mossad-Chefs ggü. der israel. Regierung: "Man sollte immer mit dem Gegner reden"…, Netanjahu jedoch bisher mit schwerem Hörfehler)  Wo wird gerade gegen derlei Handlungsanweisungen zu Felde gezogen, und in wessem Interesse?

     

  2. Wie immer kann auch in Syrien beim Kampf ums Öl viel oder wenig passieren

     

    Die Sache in Syrien kann noch heiter werden: Denn Rußland muß hier den Wert seiner Freundschaft beweisen und nur wenn man auf russischen Beistand gegen die VS-Amerikaner und ihre Vasallen hoffen kann, hat es einen Wert mit Rußland verbündet zu sein; zwar ist Rußland zu schwach, um den VS-Amerikanern und deren Vasallen die Spitze bieten zu können, aber dafür ist es mit China verbündet; und das Bündnis mit Rußland ist für China von unschätzbaren Wert: Wegen des Ackerlandes, des Rohstoffreichtums und vor allem wegen der geographischen Lage, die zum Sprungbrett nach Europa und in den Nahen Osten dient, sowie des gewaltigen Atomwaffenarsenals, damit die VS-Amerikaner nicht auf dumme Gedanken kommen; und auch in China gilt: Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach und die Konfrontation zwischen China und VS-Amerika ist ohnehin längst überfällig. Auch ist Putin eben nicht Jelzin und daher wird er seine Freunde und Verbündeten den VS-Amerikanern nicht ans Messer liefern!

     

    Im Übrigen bin ich dafür, daß der Euro zerstört werden muß!

     

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.