Ein ständig wechselndes Aufgebot offizieller Feinde

In der US-Außenpolitik mutieren Freunde zu Feinden und Feinde zu Freunden. Je nachdem, wie man es gerade braucht. Immerhin muss der ganze Kriegsapparat weiter gefüttert werden.

Von Jacob G. Hornberger / Antikrieg

Nachdem George W. Bushs Überfall auf den Irak zur Entstehung des ISIS führte, welcher schnell zum neuen offiziellen Feind der Vereinigten Staaten von Amerika gemacht wurde, bin ich mir sicher, dass viele Amerikaner zu sich selbst sagten: „Meine Güte, schon wieder ein neuer Feind. Aber sobald wir diesen bezwingen, wird es endlich vorbei sein. Dann werden wir endlich Frieden, Ruhe und Wohlstand haben.“

Diese Menschen leben in einem Luftschloss. Bringt das Pentagon etwa die Truppen nach Hause, jetzt wo ISIS besiegt worden ist? Gibt es eine große Militärparade mit Konfettiregen in New York City? Wird George W. Bush ein Bild mit dem Titel „Mission Accomplished“ malen?

Natürlich nicht. Jeder muss sich mit der beunruhigenden Realität abfinden, in einem nationalen Sicherheitsstaat und in einem weltweiten Imperium zu leben: da wird es immer einen offiziellen Feind oder offizielle Feinde geben. Das hört nie auf. Da gibt es keine Ablauffrist.

Wie sonst könnten Pentagon, CIA und NSA ihre ständig steigenden Budgets, Einfluss und Macht rechtfertigen? Offizielle Feinde sind das Münzgeld des Reichs. Diesem gehen die offziellen Feinde nie aus.

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Das ist es, worum sich das ganze antirussische Theater dreht. Es hat sich aus der Obsession des Kalten Kriegs mit der Sowjetunion entwickelt – gemeinsam mit dem Kommunismus ein wichtiger offizieller Feind – von dem Pentagon, CIA und NSA dachten, dass er niemals verschwinden würde. Kommunismus und Sowjetunion versorgten das nationale Sicherheitsestablishment mit einem Selbstbedienungsladen, der für alle Zeiten anhalten sollte.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion traf sie überraschend. Überzeugt, dass der Kalte Krieg für immer weitergehen wird, hatten sie keinen neuen offiziellen Feind griffbereit in Reserve.

Aber sie brauchten nicht lange, um einen zu finden. Saddam Hussein wurde zum neuen offiziellen Feind die gesamten 1990er Jahre hindurch. Erinnern Sie sich an die nationale Obsession während dieses Jahrzehnts: „Saddam! Saddam! Wir müssen Saddam kriegen! Er besitzt Massenvernichtungswaffen! Er kommt, um uns zu schnappen!“

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Saddam erwies sich als lukrativer offizieller Feind. Über zehn Jahre lang sorgte er dafür, dass dem Militär-/Geheimdienst-/Industriekomplex der Vereinigten Staaten von Amerika nichts abging.

Weitere offizielle Feinde? Die Liste ist ohne Ende. Die Taliban. Gaddafi. Terrorismus. Al-Qaeda. Rauschgiftbarone.

Es ist möglich, von der Rolle als offizieller Freund des Reichs in die eines offiziellen Feindes zu wechseln. Und der Himmel sei dem Amerikaner gnädig, der nicht mit der Strömung schwimmt und den neuen offiziellen Feind als seinen eigenen annimmt.

Zum Beispiel wurde die kommunistisch kontrollierte Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg zum offiziellen Freund erklärt. Die Roten wurden zu Partnern und Alliierten im Krieg gemacht.

Unmittelbar nach dem Krieg wurde die Sowjetunion in einen offiziellen Feind umgewandelt. Obwohl diese gerade Hitler besiegt hatte – von dem US-Regierungsvertreter gesagt hatten, er würde kommen und uns schnappen – wurde den Amerikanern gesagt, dass sie jetzt einer noch größeren Gefahr gegenüber stünden: der Sowjetunion, ihrem Kriegspartner und Alliierten. Und hochrangige Nazis wurden in offizielle Freunde umgewandelt und insgeheim in der US-Regierung untergebracht.

Das waren nicht die einzigen Fälle der Verwandlung von offiziellem Freund in offiziellen Feind. Saddam Hussein selbst fiel in diese Kategorie. In den 1980ern war er ein offizieller Freund des Pentagon und der CIA. Diese halfen ihm sogar, im Verlauf dieses Jahrzehnts Iraner umzubringen. Er war in der Tat ein so guter offizieller Freund, dass ihn die Vereinigten Staaten von Amerika sogar mit Massenvernichtungswaffen ausstatteten, auf die sie sich später beriefen, um ihren Überfall auf den Irak und den Sturz ihres offiziellen Freundes Saddam (der mittlerweile zum offiziellen Feind gemacht worden war) zu rechtfertigen. Sobald sie unerwartet die Sowjetunion als ihren offiziellen Feind im Kalten Krieg verloren hatten, machten sie einfach Saddam zu einem neuen offiziellen Feind. Und von jedem Amerikaner wurde erwartet, dass er mit von der Partie war.

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Nehmen Sie den Iran. Er befindet sich auf der derzeitigen Top Ten-Liste der offiziellen Feinde. Das war nicht immer so. Von 1953 – 1979 wurde der Iran als offizieller Freund des Pentagons und der CIA betrachtet. Aber dann, im Jahre 1979, revoltierte das iranische Volk gegen die Regimewechseloperation, die die CIA 1953 im Iran initiiert hatte, und gegen die darauf folgende von den Vereinigten Staaten von Amerika unterstützte und ausgebildete Tyrannei des Schah.

Die erfolgreiche iranische Revolution gegen die Tyrannei des Schah verwandelte den Iran umgehend in einen neuen offiziellen Feind. Nachdem rund 20 Jahre lang von ihnen erwartet worden war, den Iran zu lieben, wurde von den Amerikanern erwartet, schnell mit dem Hass gegen den Iran zu beginnen und den Iran zum neuen offiziellen Feind zu machen, eine Stimmung, die bis zum heutigen Tag beizubehalten von den Amerikanern erwartet wird.

Es ist nicht immer klar, wie sie zu offiziellen Freunden und offiziellen Feinden kommen. Heute bleiben das kommunistische Kuba und das kommunistische Nordkorea offizielle Feinde trotz des Endes des Kalten Kriegs 1989. Gleichzeitig werden das kommunistische Vietnam und das kommunistische China als offizielle Freunde betrachtet.

Ägyptens nicht gewählte Militärdiktatur? Ein offizieller Freund, gerade wie auch Pinochets nicht gewählte Militärdiktatur in Chile in den 1970ern einer war. Andererseits die demokratisch gewählten Regierungen von Salvador Allende in Chile, Jacobo Arbenz in Guatemala, Mohammad Mossadegh im Iran und Mohamed Morsi in Ägypten? Alles offizielle Feinde.

Nehmen wir den syrischen Diktator Bashar al-Assad. Heute ist er ein offizieller Feind, ein dermaßen schlimmer Diktator, dass die US-Regierung sogar einen Krieg mit Russland (dem derzeitigen Feind Nummer 1) riskiert bei dem Versuch, einen Regimewechsel in Syrien zu erreichen.

Es war nicht immer so. 2002 wurde der kanadische Bürger Mahar Arar von Beamten der Vereinigten Staaten von Amerika in Virginia entführt, als er darauf wartete, sein Flugzeug auf dem Weg nach Kanada zu wechseln. Nach einem Handel mit dem Assad-Regime brachten CIA-Beamte Arar nach Syrien zum Zweck, ihn dort zu foltern. Er blieb dort ein Jahr lang und wurde gefoltert, bis er endgültig für unschuldig erklärt wurde.

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Wie schloss die CIA diesen Handel mit dem Assad-Regime ab? Zu welchen Bedingungen? Mit welchen syrischen Regierungsvertretern schlossen sie diesen Handel ab? Wusste Präsident Bush davon und segnete er diesen Handel ab?

Davon wissen wir nix, weil wir davon nix wissen dürfen. Und die Massenmedien haben nie die CIA unter Druck gesetzt, um an die Details zu kommen, wie dieser Handel vor sich ging. Alles was wir wissen ist, dass Assad ein guter offizieller Freund war – gut genug, um jemanden auf Ersuchen von CIA-Vertretern zu foltern.

Und heute? Wie wir alle wissen, wurde Amerikas Folterpartner Assad ebenfalls in einen offiziellen Feind verwandelt.

An der Schweiz gibt es etwas sehr wichtiges zu erkennen: die Schweizer haben weder offizielle Freunde noch offizielle Feinde. Sie geraten nicht aus dem Häuschen wegen Saddam, ISIS, al-Qaeda, Assad, den Taliban oder irgendwelcher anderer offizieller Feinde. Sie gehen einfach ihren eigenen Geschäften nach und beschränken ihre Regierung auf die Verteidigung der Schweiz. So gut wie jeder Schweizer Bürger ist bewaffnet und bereit, sein Land zu verteidigen. Und da gibt es noch etwas wichtiges in Bezug auf die Schweiz: niemand legt es sich mit den Schweizern an.

So waren einst auch die Vereinigten Staaten von Amerika unterwegs, ehe die Bundesregierung in einen nationalen Sicherheitsstaat und in ein Weltreich im Ausland umgewandelt wurde. Die Amerikaner wären gut beraten, sich mit den Schweizern und mit Amerikas Grundprinzipien näher zu beschäftigen, wenn sie wieder zu einer Gesellschaft von Frieden, Wohlstand, Harmonie und Freiheit werden wollen.

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10 Kommentare

  1. Diese Menschen leben in einem Luftschloss. Bringt das Pentagon etwa die Truppen nach Hause, jetzt wo ISIS besiegt worden ist? Gibt es eine große Militärparade mit Konfettiregen in New York City? Wird George W. Bush ein Bild mit dem Titel „Mission Accomplished“ malen?

    den USA fehlen die finanzen um bspw die marine nach hause zu holen – deswegen kreisen ihre schiffe planlos in den weltmeeren herum. ansonsten ist das einer der sehr wenigen artikel von antikrieg, der einigermassen lesbar ist – weiter so, bitte!  

    1. Den USA fehlen die Finazen.

      Einen kleinen Teil der Finanzen holt man sich bei der deutschen Autoindustrie.

      18 Milliarden z.b. von VW.

      1. und es reicht noch nicht, nach dem kartellskandal werden die nochmal so viel ablatzen dürfen in amerika, und andre deutsche autohersteller auch, ihr werdet sehn.

  2. Niemand legt sich mit der Schweiz an. Da gibt es viele Gründe. Die Schweiz ist neutral, sehr wehrhaft und geostrategisch nicht einfach zu erobern und außerdem ist dort das Geld der Welt gebunkert und warum soll man den eigenen Staatssafe der Reichen überfallen, wo das Geld dort  noch einigermaßen sicher gelagert ist.

  3. Die schon immer Unfrieden auf unserer Welt gestiftet haben sind und bleiben die Amis. Jetzt langsam aber sicher kommt die Quittung für ihre Schweinereien die sie schon immer weltweit angestiftet haben und hoffendlich ganz gewaltig.

  4. Guter Artikel, der das amerikanische hinterhältige Freund-Feind-Prinzip anschaulich darstellt. Man muss sich einfach immer gut einprägen, die Amerikaner kennen keine Freunde, sondern nur Interessen, die sich auf ihre Machtposition beziehen. Und dafür sind alle Mittel – ungeachtet jeglicher Gesetze – gerechtfertigt.

    Dieses Freund-Feind-Prinzip konnte nur deshalb aufrecht erhalten werden, weil die US-Regierung militärisch den anderen Staaten weit überlegen war und permanent mit Drohen, Erpressen, Stehlen, Lügen und Morden nach alleiniger Hegemonialmacht strebte, innerhalb der sie ungestört die Staaten ausplündern konnte und heute mehrheitlich noch kann.  

    Allein die Russen und Chinesen mit ihren zahlenmässig zunehmenden Verbündeten gebieten den USA immer mehr und stärker Einhalt in diesem Streben. Die Feinde der USA nehmen zahlenmässig zu, die Freunde nehmen zahlenmässig ab. Diese noch nie dagewesene extreme US-Isolationspolitik mit ihren Erpressungen, Restriktionen, Sanktionen und ihren Mordkommandos werden die USA zu Fall bringen.

    Die dreckigen Macht-Herrschaften in den oberen Rängen des Westens – voran der US-Politik und – US-Wirtschaft – haben sich ganz gehörig verrechnet und rennen mit ihrem Machtwahn ungebremst in eine Wand. Die monströse Verschuldung des Westens samt der zunehmenden Finanzblasen und einer fortschreitenden Ent-Dollarisierung werden dem Westen das AUS bringen. Der Dollar, mit dem die USA wirtschaftlich die ganze Welt erpresste, wird durch Russland und China sowie deren Handelspartner mit anderen Währungen oder gar mit Naturalien ersetzt. Und diese Entwicklung nimmt stetig an Geschwindigkeit zu.

    Rückkehr zum Tauschhandel: Indonesien bietet Moskau Naturalien für Kampfjets
    https://deutsch.rt.com/asien/55448-ruckkehr-zum-tauschhandel-indonesien-bietet/

  5. Wer noch immer bei MacBombalds frisst, wer noch immer Esso und Jet tankt, wer bei Starbucks tafelt, wer Getränke der Coca-Cola-Company säuft (die haben sogar Bionade aufgekauft!) oder seine Zähne mit verzuckerten Cornflakes ruiniert
    finanziert die chronischen US-Völkermorde!

    Für mich und mein Auto gilt im Ladengeschäft, in der Gaststätte und an der Tankstelle: Ami-Gesöff – nein danke!

     

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