Vorzeigestaat Kanada? Eher nicht…

Kanada galt lange Zeit als das "bessere Amerika". Allerdings gleicht sich der nordamerikanische Staat zumindest in Sachen Schulden seinem südlichen Nachbarn an.

Von Marco Maier

Wer das Wort "Kanada" hört, denkt wohl zuerst an Wildnis, Bären, Mounties (wer kennt sie noch, die Serie "Ein Mountie in Chicago"?) und freundliche Menschen, die so anders sind als die kriegslüsternen südlichen Nachbarn, mit all ihrer Kriminalität, Armut und Gewalt. Doch Kanada ist längst kein Vorzeigemodell mehr.

So wachsen in Kanada inzwischen seit Jahren die Haushaltsschulden im Vergleich zum Bruttoeinkommen. Lagen diese im Juli 2014 noch bei 163,7 Prozent, befinden sie sich mit 169,0 Prozent bereits deutlich weiter oben. Zum Vergleich: Noch im Jahr 1990 lag dieser Wert bei 125,3 Prozent – und das, obwohl die Einkommen deutlich stiegen und die kanadische Mittelschicht deutlich besser dasteht als jene der USA.

Deutlich wird die kritische Lage der privaten Verschuldung auch in folgendem Vergleich: Lag dieser Wert noch im Jahr 2007 bei rund 74 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), so stieg er in diesem Jahr bereits über die 100-Prozent-Marke. Und das, obwohl die kanadische Wirtschaft gar nicht so schlecht dasteht. Das heißt aber auch: Die Kanadier leben seit Jahren deutlich über ihre Verhältnisse.

Dies macht sich auch bei den Automobilkrediten bemerkbar. Bewegte sich die Summe von 1996 bis zum Jahr 2008 stets (mit leichter Aufwärtstendenz) zwischen zehn und zwanzig Milliarden kanadischen Dollar, gab es seitdem laut der Bank of Canada und RBC Economics Research einen starken Anstieg auf in etwa das Siebenfache: Mehr als 70 Milliarden kanadische Dollar schwer ist der Automobilkredite-Markt in Kanada bereits. Bedenkt man, dass der durchschnittliche Kreditzinssatz (ohne Hypotheken) bei derzeit etwa 5,5 Prozent liegt, jedoch ein Anstieg auf über 7 Prozent bis zum Jahr 2021 (Stichwort: Ende der Niedrigzinspolitik) prognostiziert wird, eine gefährliche Entwicklung.

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Aber auch bei den Hypotheken für die Häuser gibt es Gefahren. Denn: Zwar liegen die Kreditzinsen für Hypotheken derzeit bei niedrigen rund drei Prozent, aber hier wird ebenfalls mit einem Anstieg gerechnet. Gerade in teuren Städten wie Vancouver oder Toronto, wo solche Kredite schon mal eine Million Dollar umfassen können, wäre dies eine Verteuerung der Kreditraten (nur für die Zinsabdeckung) um monatlich 1.500 Dollar! Angesichts dessen, dass selbst bei "fixen Zinsen" die Raten normalerweise spätestens nach fünf Jahren angepasst werden (dürfen), wäre dies für viele Kreditnehmer wohl der finanzielle Genickbruch.

Hinzu kommt: Die gesamte Hypothekenkreditsumme in Kanada stieg im April 2017 (auf Jahresbasis) um 84,2 Milliarden Dollar (oder 6,1 Prozent) auf 1.454 Milliarden Dollar an und machen derzeit 71,8 Prozent der privaten Haushaltskredite aus. Steigt der durchschnittliche Zinssatz von derzeit drei auf fünf Prozent an, wären das – bei gleichbleibendem Kreditniveau Mehrkosten von 29 Milliarden Dollar (ca. 44 zu ca. 73 Milliarden kanadische Dollar). Da bis dahin wohl die aufgenommenen Kredite weiter wachsen werden, dürfte sich das jedoch noch deutlich ausweiten.

Bei den kanadischen Staatsschulden sieht es übrigens nicht wirklich besser aus. Die Schulden des Zentralstaates selbst liegen derzeit bei mehr als 1.102 Milliarden kanadischen Dollar. Bei einem BIP in Höhe von 2,1 Billionen Dollar also gerade einmal bei rund 50 Prozent. Dabei verschuldet sich allerdings nicht nur der kanadische Staat immer weiter. Als Beispiel: Die Provinz Ontario gilt inzwischen weltweit als höchst verschuldeter "sub-sovereign borrower" (also staatliche Unterebene). Prognosen zufolge sollen die Schulden der Provinz bis 2018 die Marke von 310 Milliarden Dollar übersteigen. Die aktuelle Verschuldungsquote liegt derzeit bei rund 42 Prozent des regionalen BIP.

Kanada befindet sich inzwischen – wie die meisten westlichen Industriestaaten – zunehmend auf dem absteigenden Ast. Und die wirtschaftliche Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten macht die Lage nicht gerade leichter. Das werden die Menschen dort ziemlich bald schon zu spüren bekommen.

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20 Kommentare

  1. Der Autor hat echt einen guten Riecher, was seine Einschaetzungen und auch die Themenwahl anbelangt.

    Viel Bureaukratie, Durchleuchtung jeden Buergers, Beschnueffelung seiner Buerger Telefone, Export abhaengig betreff der Holzwirtschaft und seiner Genlandwirtschaft, teils calvinistisch gepraegt. Wil ja nicht alles schlecht reden, sonst muesste ich fortfahren.

    Ich sagte zu mir nur tschuess! Du hast genug gesehen.

  2. naja, niedrige Arbeitslosigkeit, ein hohes und deutlich steigendes Haushaltseinkommen, eine geringe Staatsverschuldung,… die allermeisten Staaten hätten wohl gerne die Probleme Kanadas.

     

    Vielleicht sollte der Autor mal nicht zwanghaft vermeintliche Probleme in den westlichen Ländern suchen, sondern den Blick mal in den Osten richten.

    1. Als ich 2006 Kanada für 4 Wochen im WoMo bereist habe, dachte ich, klar als Tourist, da möchte ich leben, spreche ich so gut englisch wie auch französisch. Das wäre mein Land gewesen. Selbst heute noch kann ich es mir vorstellen, aber Russland hat auch eine gewisse Faszitination auf mich ausgeübt. Oder sollte ich in DE bleiben? Ich bin mir nicht sicher, aber es ist spannend. 

  3. Ein beeindruckender Fakt: die Goldreserven Kanadas betrugen 2015 noch ganze drei Tonnen (Platz 91).
    Wer Langeweile hat, kann sich ja mal Gedanken darüber machen, wo das alles hingegangen ist und warum die Kanadische Verwaltung das so entschieden hat.
    Gut, daß die so reich an Rohstoffen sind. Kann sich jeder selbst ausmalen, wie es dort ohne diese aussähe.

  4. Eigenes Erdöl (Ölsand) in großen Massen, mehr als Saudi-Arabien. Riesige fruchtbare Landflächen. Die natürlichen Grundlagen sind bestens. Die Bürger stammen überwiegend von unternehmungsfreudigen Auswanderern ab. Es kann nur an der hochfinanzfaschistisch verschissenen Volksseele liegen, wenn es ausgerechnet in Kanada kriselt. Ein Auto, das nur "auf zwei Rädern" fährt (darlehensfinanziert ist), ist meistens eine Dummheit. Henry Ford hat seine Autos nur gegen volle Barzahlung verkauft, was den Bankstern sehr missfallen hat.

  5. Hier lebend kann man – als Europaeer – eigentlich nur noch den Kopf ueber dieses Land schuetteln…hier funktioniert nichts, es sei denn 'man-macht-Schulden'. Dieses System basiert NUR da drauf.

    Kanadier sind weniger produktiv als viel mehr faul…geistig in einer 'alles-ist-schoen-Blase' lebend, die, wenn sie platzt sehr viel 'Aggressivitaet' zu Tage befoerdert. Es ist eben nicht alles Gold, was glaenzt. Die viel beschworene 'politeness', die in den 'kanadischen' Medien propagiert wird (laut Umfrage seien die Kanadier weltweit auf Platz 1, was Freudlichkeit angeht) ist nur ein aeusserliches Merkmal. 

    Die Identitaet der Kanadier belaeuft sich lediglich auf die Flagge, die Nationalhymne und die vielen Sportarten insbesondere EisHockey. 

    Ich koennte ein Buch schreiben…lasse es aber lieber.

    Gruss aus der Ferne

     

     

    1. Giftigste Land? Das interessiert mich nun wiederum, wie das gemeint ist? Denn das Land ist gross und groesstenteils unberuehrt…wenn es nicht buchstaeblich gemeint ist…wie dann?

      Oder sprechen Sie die urbanen Areale an, die mit 'round-up und Co'. zugeballert werden, so dass tote Voegel nicht mehr von natuerlichen Bakterien/Maden etc. zersetzt werden (koennen). Wenn es ueberhaupt noch Voegel dort gibt  !

      Oder die Minen? Oilsands? etc. etc.

       

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