Der "Jedermann" mit Moretti und Reinsperger. Bild: © Salzburger Festspiele / Matthias Horn

Neue Jedermann-Inszenierung mit Tobias Moretti. Die Vorschusslorbeeren und der Hype die zu spüren waren, sind unbegründet. Einzig „Die Reinsperger“ wird ihrem guten Ruf und den Vorschusslorbeeren gerecht.

Von Viribus Unitis

Vorab – die Premiere der neuen Jedermann-Inszenierung wurde nicht mit Petrus abgesprochen. Statt vor dem Dom unter freiem Himmel, musste der Jedermann im Großen Festspielhaus stattfinden, weil Petrus seine Schleusen gerade zur rechten Zeit – zu Beginn der Vorstellung – öffnete.

Die Buhlschaft ist in einer mit einer Korsage zusammengehaltenen Wolke aus Taft und Tüll gekleidet, hinten lang und vorne kurz, wie eine Tänzerin aus dem wohlbekannten Pariser Etablissement Moulin Rouge. Frau Reinsperger, eine weibliche Erscheinung die das Etikett Weiblichkeit mit Fülle erfüllt, wirkt in der farblich undefinierbaren Fülle aus pink-rosa-blau eingeschlossen und deplatziert.

Frau Reinsperger hat sich das Kleid selbst ausgesucht – schwankte zwischen grün und dem pink-irgendwas – eine Maßanfertigung des Salzburger Trachtengeschäftes Wimmer, das diesen Can-Can-Verschnitt als Dirndl verstanden wissen will. Aha – wieder was gelernt!

Loading...

Die Buhlschaft ist trotz des Fashion-Handicaps die herausragende schauspielerische Erscheinung der ganzen Inszenierung. Die Rolle der Buhlschaft gibt grundsätzlich nicht viel her, aber „Die Reinsperger“ (dieses Etikett darf man ihr anhaften) holt alles raus was drin ist. Chapeau!

Die Reinsperger ist auch einen Kopf größer als der Jedermann, Moretti ist körperlich nicht in der Lage ihr Paroli zu bieten, was in manchen Szenen sehr deutlich zum Ausdruck kommt. Für die körperlichen Gegebenheiten kann Moretti nichts, für die Unzulänglichkeiten im darstellerisch-sprachlichen schon. Weder die notwendige Bühnenpräsenz war ersichtlich, noch war er in der Lage seine Rolle sprachlich im Rahmen der Darlegung der Texte gut umzusetzen.

Die Intonation vieler Text-Stellen war in krassen Widerspruch zum Text-Inhalt – am Reinhard-Seminar würden derartige Patzer zu heftiger Kritik Anlass geben, bei den Festspielen ist so eine Präsentation einfach unter der sonstigen Qualität und ihrer nicht würdig. Beim Film – Morettis Domäne – kann man eine Szene mehrmals drehen – da fallen sprachliche Unzulänglichkeiten nicht auf, weil einfach so lange gedreht wird, bis es passt. Auf der Bühne ist dies anders, da hat man nur eine Chance, und das Gesprochene muss sitzen – und das saß sehr oft nicht.

Die guten Werke des Jedermann liegen, schwach und dem Tode nahe, auf dem Krankenbett. Ein Krankenbett wird hereingefahren, und die guten Werke werden von Jedermann aus dem Krankenbett gehoben, können jedoch nicht alleine stehen. Jedermann bemüht sich um den festen Stand der guten Werke, diese sinken jedoch immer wieder in sich zusammen. Eine szenisch sehr gut dargestellte Metapher.

Der Mammon als eine Art goldener Pudel, der als untreuer Geselle in guten Zeiten mit Jedermann teilt, aber in schlechten Zeiten nicht mitgeht. Mammon steht über Jedermann – gut dargestellt auch im Rahmen einer solchen Szene.

Der Teufel ist kein Schreckgespenst, sondern ein herumlaufender, hüpfender Gnom, der als eine Art Rumpelstilzchen seine Weisheiten von sich gibt. Auch hier vergisst der Regisseur die Wurzeln des Stücks. Religion wurde als Basis vom Autor in das Stück eingemischt, Moral sowie Schuld und Sühne sind jene Basis-Elemente, die die guten Werke und den Mammon als Gegengewicht erst rechtfertigen. Den Teufel vom Schreckgespenst, das er sein sollte, und sein muss, zur Lachnummer zu machen heißt, dem Jedermann in seiner Gesamtheit ein Stück seiner Seele und seiner Moral zu rauben.

Der Tod ist beim Jedermann der Salzburger Festspiele durchaus schon seit Jahren zur Lachnummer verkommen. Schon vor Jahren hat man den Tod mit einer Frau als „Tötin“ besetzt, nun machte man den Tod zur Transe. Was einerseits logisch wirkt – der Tod holt Frau und Mann – ist doch Lachnummer, weil die Essenz von Tod und Leben durch die Inszenierung nicht verstanden wird. Tod, das kann und ist immer ein Mann, eine Frau kann es nicht sein, weil ihr Schoss das Leben gebiert, von Alters her, die Frau als Symbol von Fruchtbarkeit und Leben gilt.

Diesen Gegensatz von Tod und Leben – der Tod ist eine Endgültigkeit und das genaue Gegenteil des Lebens – durch eine Transe darzustellen, mag modern wirken – ist aber unpassend. Egal wie modern der Mensch heute ist und morgen sein wird – der Tod ist immer eine eindeutige Endgültigkeit – das Leben endet, der Tod ist kein Zwischending – wie durch eine Transe dargestellt.

Nebenbei ist die Regie mit der Besetzung des Tod als Transe inkonsequent und hat nicht den Mut zur Innovation, sondern geht den Weg der kabarettistischen Plattitüde. Die Transe ist ein Mann der sich als Frau verkleidet. Solche Rollen hat schon Peter Alexander im 50er-Jahre- Film „Charlys Tante“ besser gespielt als der jetzige Tod. Warum, so fragt man sich, wenn doch die Regie so innovativ ist, nimmt man nicht eine Drag-King als Tod.

Drag-Kings sind Frauen die sich als Männer kleiden, und aktuell gibt es viele Frauen, die sich von Chirurgen zu Männern umoperieren lassen (optisch ist das männliche Geschlechtsteil dann da – „funktioniert“ aber nicht). Ein Drag-King hätte durchaus Logik. Zuerst Frau – die Frau gebiert das Leben – dann zum Mann mutierend – im Lauf des Lebens – der als Tod am Ende des Lebens, das Leben nimmt.

Nicht schlüssig, nicht stringent, weder im Rahmen der Inszenierung, noch bezogen auf die Schauspieler die das Stück tragen sollen, so fühlt man sich nach diesem Jedermann – und das hört man in Gesprächen auch von anderen. Nur bei einem ist man sich einig – „Die Reinsperger“ ist als Buhlschaft perfekt besetzt, und das Licht in dieser ansonsten – mit ungewollten satirischen Elementen überhäuften – dunklen Jedermann-Stunde der Salzburger Festspiele.

Hatte man geglaubt, die vorherige Inszenierung vom Jedermann Obonya sei ein absoluter Tiefpunkt künstlerischen Schaffens, so wird man von dieser Inszenierung eines besseren belehrt. „Meist kommt nichts Besseres nach“, so sagt ein altes Sprichwort. Wie wahr, wie wahr!

Alles in allem ist diese Inszenierung nur falsch beworben. Würde man sie als Satire dem Publikum offerieren – in der Tradition eines Loriot – wäre das Stück eine durchaus sehenswerte Darbietung. Da man es aber bei den Festspielen ernst meint mit dem Jedermann, ist diese Inszenierung eine unwürdige Verballhornung des großen Erbes der Festspiele – und dahingehend des Jedermann.

Liebe Leser, wenn sie kein Abo abschließen möchten, können sie uns auch mit einer Spende unter dem Kennwort "Contra Magazin" auf folgendes Konto: IBAN: DE54 7001 1110 6052 6763 88, BIC: DEKTDE7GXXX oder per Paypal und Kreditkarte, unterstützen. Danke für ihre Hilfe!

Loading...

7 KOMMENTARE

  1. Danke, dass Sie auch aufbauende Beiträge bringen! "Contra" zu sein, Missstände im gedanklichen Zerlegen zu erforschen, ist wichtig, aber es ist nicht schöpferisch und nicht kontruktiv. Dagegen zu sein vermag weder Seelen noch Leiber zu nähren. Gutes Theater ist anregend für das geistige Zeugen und trägt dazu bei, Lebenswelten zu erneuern.

    • Gutes Theater??

      Warum muss ich für diese ANTITALENTE Steuern zahlen?? Sogar zwangssteuern müssen wir für das DRECKPACK bezahlen!

      Dises versiffte Gesindl (Künstler) soll sich selber finanzieren…………

      Und obendrein sind diese Komödiaten auch noch INLÄNDERRASSISTISCH!!

      • Ich habe die Aufführung nicht gesehen; dem Artikel entnehme ich: Diese Inszenierung sagt, was in Europa geschieht und wer es wie kaputt macht. Das eröffnet dialektischem Denken einen Neuanfang. Theater ist nicht zum Nachdenken da, sondern zum Vordenken, um Wege aus Katastrophen zu erfinden.

        Goehte ließ im "Faust"-Vorspiel den Theaterdirektor bezüglich von Beschäftigungen der Theatergänger vor den Aufführungen sagen: "Der Eine kommt vom opulenten Mahle, der Andre gar vom Lesen der Journale." Wer vollgefressen und besoffen im Theater einschläft, ist besser dran als jemand, der vorher Zeitung gelesen hat. Die Zeitung verdummt zum Konsumieren von Fakten, d.h. zum sklavischen Nachdenken über Vergangenes, das sich nicht mehr ändern lässt. Im Theater aber geht es um das Schöpferische und Konstruktive, um Facienda (zu Tuendes), so dass man es künftig besser machen kann, bessere Fakten erschafft.

        • Da haben sie recht – aber darum gehts nicht bei der Staatskunst , die Salzburger Festspiele sind Staatskunst wie der überwiegende Teil der Kunst Staatskunst ist und Staatskunst ist die kulturelle Umsetzung der Interessen der Globalisierungsfaschisten .

          Aber selbstverständlich ist Kunst als Teil der Kultur wesentlicher Bestandteil der Gesellschaft . Aber genau der vorausschauend kritische Aspekt wird von den Herrschenden unterdrückt .

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here