Am 13.4.2017 zerriss die „Mutter aller Bomben“, abgeworfen von einem amerikanischen Flugzeug, den Himmel über Afghanistan. Ihr fielen laut offiziellen Angaben etwa Hundert Menschen zum Opfer, angeblich alles Kämpfer, keine zivilen Opfer.

Ein Gastartikel von Rüdiger Rauls

Aber die Richtigkeit dieser Behauptungen überprüfen, konnte bisher noch niemand, auch nicht das Ausmaß der Zerstörungen, die diese Megabombe am Tunnelsystem der Angegriffenen angerichtet haben sollen.

Aber nicht nur das ist unklar. War zu Beginn des Kampfes gegen den Terror und zu Lebzeiten Bin Ladens Al-Kaida der Feind und Träger des Terrors, so verliert der Beobachter der Vorgänge  allmählich den Überblick. Denn nach dem Tode Bin Ladens nahm Al-Kaida in der westlichen Darstellung immer weniger Raum ein als Hauptfeind, dafür aber zunehmend die Taliban. Nun soll auf einmal der IS in Afghanistan an Einfluss gewinnen, wovon bis zum Abwurf der amerikanischen Bombe noch nie die Rede gewesen ist. Das ist alles sehr verwirrend, wobei die Berichterstattung der westlichen Medien und die Pressekonferenzen der Regierungen wenig Erhellendes bringen.

War die Bombe zwar eingesetzt worden gegen die Aufständischen in Afghanistan (Al-Kaida?, Taliban?, IS?), so war sie aber auch gedacht als Warnung gegen Nordkorea, vermutlich auch gegen China und Russland, die von der amerikanischen Administration als Verbündete Nordkoreas angesehen werden. Der amerikanische Präsident wollte vermutlich Handlungsfähigkeit und Entschlossenheit beweisen in militärischen und strategischen Fragen, hatte er doch im eigenen Land bisher nur Niederlagen hinnehmen müssen. 

Die großmäuligen Ankündigungen des Wahlkampfes hatten sich als Versprechen herausgestellt, die alleine auf seiner realitätsfernen Einschätzung der politischen Wirklichkeit beruhten. Seine Einwanderungserlasse kassierten die Gerichte, bei der Abschaffung von Obamacare ließ ihn seine Partei im Stich. Die Maßnahmen zum Schutze der amerikanischen Wirtschaft stellten sich immer mehr als Schaden für die Konkurrenzfähigkeit amerikanischer Produkte heraus, und nun muss er auch noch den Bau der Mauer zu Mexiko verschieben, weil sonst Zahlungsunfähigkeit droht.

Um nicht gänzlich als zahnloser Papiertiger dazustehen, versucht er militärische Stärke zu zeigen, um wenigstens seinen militaristischen Anhängern im eigenen Lande zu imponieren. Marschflugkörper gegen Syrien, Drohgebärden und ein Schiffsverband gegen Nordkorea, der sich dann aber verirrt haben muss, und die Mutter aller Bomben gegen das vermeintlich wehrlose Afghanistan. 

Dabei hatte man sich offenbar keine Gedanken gemacht über die politischen Auswirkungen eines solchen Angriffs. Glaubte man, die Aufständischen damit einschüchtern zu können, so lässt eine solche Absicht an der politischen Weitsicht der Handelnden zweifeln. Denn die Bombe erschütterte nicht nur das Tunnelsystem der Aufständischen. Sie richtete auch schwere Schäden in der afghanischen Gesellschaft. 

Am Freitag, den 21.4.2017, überfielen zehn Taliban-Kämpfer das regionale Armeehauptquartier im Norden des Landes und töteten bei ihrem Angriff weit über 100 Soldaten der afghanischen Armee (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25.4.2017: Das Kalkül der  Taliban ist aufgegangen). Nach Darstellung der FAZ hat aber nicht der IS sondern die Taliban an Einfluss gewonnen und zitiert dabei McMaster, den Sicherheitsberater Trumps: „ … die Taliban hätten nach dem Abzug der amerikanischen Truppen ihren Kampf verstärkt“. Wer ist denn nun die wirkliche Gefahr in Afghanistan, Al-Kaida, Taliban oder IS?

Die FAZ stellt keinen Zusammenhang zwischen dem Abwurf der Bombe und dem Anschlag auf das Militärcamp her. Offensichtlich ist aber, dass ihr Einsatz keine abschreckende Wirkung auf die Aufständischen gehabt und sie nicht in der Verfolgung ihrer militärischen und strategischen Ziele beeinflusst hat. Sie waren darüber hinaus sogar in der Lage, einen harten Gegenschlag gegen die afghanische Armee auszuführen und diese in ein mehrstündiges Gefecht zu verwickeln. Insofern hat der Abwurf der Bombe für die afghanische Regierung mehr Schaden angerichtet, als dass sie ihr einen wesentlichen Vorteil im Kampf gegen die Aufständischen erbracht hätte. 

Der Anschlag gegen die afghanische Armee hat zum Rücktritt des Verteidigungsministers und des Stabschefs der Armee geführt und damit zu einer erheblichen Schwächung der Regierung im Kampf gegen die Aufständischen. Denn immerhin hatte es zwei Jahre gedauert, bis Regierung und Opposition sich endlich auf Abdullah Habibi als Verteidigungsminister hatten einigen können. Vermutlich wird die Handlungsfähigkeit von Regierung und Armee unter dem Rücktritt leiden und das in einer Situation, in der die Aufständischen immer mehr die Oberhand gewinnen in verschiedenen Regionen des Landes. „Die Taliban sind auf dem Vormarsch. … Zuletzt gelang es ihnen, einen strategisch wichtigen Distrikt in Helmand in Südafghanistan zu überrennen“.

Diese Fortschritte der Aufständischen müssen im Zusammenhang gesehen werden mit dem Ansehensverlust von Regierung und Armee in der Bevölkerung. So schreibt die FAZ vom 25.4.2017: „Das Vertrauen in die Regierung und die Streitkräfte ist erschüttert“. Sie erklärt diesen Vertrauensverlust mit den Zweifeln in Bevölkerung und Parlament: „Wie solle die Armee das Land schützen, wenn sie nicht einmal sich selbst schützen könne?“ Aber es stellt sich auch die Frage, was von einer Armee zu halten ist, die tatenlos zusehen muss, wie eine fremde Macht Bomben über dem eigenen Territorium abwirft und dabei afghanische Bürger tötet. Denn auch Aufständische haben Familienangehörige, Freunde und Bekannte, und bislang ist noch nicht erwiesen, dass es sich bei den Bombenopfern nur um Aufständische und nicht auch um Zivilisten handelt wie schon öfter geschehen bei Luftangriffen der multinationalen Truppen.

Die afghanische Armee selbst ist innerlich zerrissen und nicht sehr zuverlässig. „Selbst viele Soldaten wurden mit Äußerungen zitiert, die tiefes Misstrauen gegenüber ihren Vorgesetzten ausdrückten“ (FAZ vom 25.4.2017). Und offensichtlich verfügen die Aufständischen auch über Unterstützung innerhalb der Armee, da sie über die Fähigkeit verfügen, „Schläferzellen in die Reihen der Armee einschleusen zu können“ (FAZ ebenda). Aus diesem Grund landen beispielsweise Hubschrauber der NATO „… in einem besonders geschützten Areal, das nicht von einheimischen Sicherheitskräften, sondern von Soldaten der NATO-Mission rund um die Uhr gesichert wird“ (FAZ ebenda). Das wirft ein bezeichnendes Licht auf den Zustand der afghanischen Armee und das Verhältnis der NATO-Truppen zu dieser Armee. 

Es stellt sich nun die Frage, wie unter solchen Umständen ein Krieg gewonnen werden kann, in dem Regierung und Armee wenig Ansehen in der Bevölkerung haben und nach über 10 Jahren westlicher Unterstützung offensichtlich immer noch nur durch diese aufrecht erhalten werden können. 

In diesen Ereignissen der vergangenen Tage wird die Lage in Afghanistan offensichtlich. Die NATO-Verbände beherrschen den Luftraum und führen von dort aus ihren Krieg gegen Taliban und was sie von oben dafür halten. Am Boden gewinnen die Aufständischen immer mehr an Einfluss, geographisch wie anscheinend auch politisch. Wie aber Vietnam, Syrien und immer deutlicher auch Afghanistan zeigen, ist ein Krieg aus der Luft alleine nicht zu gewinnen. Man kann ein Land aus der Luft mit Bomben terrorisieren, aber nicht befrieden. Frieden bringen nur die Kräfte, die am Boden den Frieden herstellen und sichern. 

Diese Aufgabe zu bewältigen, ist die afghanische Armee aus eigener Kraft alleine nicht in der Lage. Die Amerikaner vermeiden aufgrund der Erfahrungen in Vietnam den massiven Einsatz von Bodentruppen. Der Vietnam-Krieg ging in den USA verloren. Denn es war der eigenen Bevölkerung nicht mehr zu vermitteln, wofür dieser Krieg geführt wurde, der immer mehr Tote forderte. Und auf Dauer wird man auch der amerikanischen Bevölkerung nicht vermitteln können, dass sie von einem Afghanistan oder Nordkorea bedroht sind, die beide Tausende Kilometer von der eigenen Haustür entfernt liegen.

14 KOMMENTARE

  1. Wenn es auf dieser Erde ein Land gibt das unbesiegbar ist dann ist es Afghanistan. Keine Hypothese, eine Geschichtliche Wahrheit.

    Davon abgesehen, dumm war der Bombeneinsatz zu dem Zeitpunk an dem Ort nicht wirklich.

    • Ich empfehle den hervorragenden Spielfilm nach authentischen Ereignissen:

      "Die neunte Kompanie"

      Der Film handelt von jungen Russen, die für den Afghanistan-Krieg vorbereitet wurden und ihre Erfahrungen bis zum Tod gemacht haben.

      Und "jhs" Sie haben Recht, Afghanistan ist nicht besiegbar, die Russen haben das nicht geschafft und die Amis werden das erst recht nicht schaffen. Alles was dort veranstaltet wird ist Völkermord mit Waffentests an Menschen, hauptsächlich mit Drohen. Leider hat dieses geschundene Land nicht die Mittel und Möglichkeiten, sich gegen die feigen Angriffe der Amis über den Luftraum zu wehren.

  2. „…Frieden bringen nur die Kräfte, die am Boden den Frieden herstellen und sichern. Diese Aufgabe zu bewältigen, ist die afghanische Armee aus eigener Kraft alleine nicht in der Lage. Die Amerikaner vermeiden aufgrund der Erfahrungen in Vietnam den massiven Einsatz von Bodentruppen…“
    Aha. Mit Bodentruppen könnten die Amis also „Frieden bringen“.

  3.  Jegliche Anwesenheit von fremden Bodentruppen in Afghanistan friedensstiftend zu nennen, ist ebenso verlogen wie hirnrissig. Selbst die von jahrzehntelanger Medienkost "ausgerichteten" GEZ-Zuschauer fragen nach dem Grund für die dauerhafte Anwesenheit von NATO-Truppen         —    Wie war das noch ? Unsere Freiheit wird am Hindukusch verteidigt. Na , wenn das so ist.

    • Lösungen wären möglich, wie es die Vietnamesen vorgemacht haben. Dazu wäre allerdings eine Reformation der Glaubensrichtungen zwischen den Schiiten und Sunniten und ihren vielen islamischen Untergruppen, mit einer Hinwendung zu eíner humanitären Aufklärung erforderlich, was nach der momentanen religösen Lage des Islams eine Ding der Unmöglichkeit sein dürfte, was von den Hegemonen, mit der Uneinigkeit dieser Glaubensgruppen, weitlich ausgenutzt wird. So dürfte eine Trennung zwischen Kirche und Staat, wie in Europa praktiziert, noch in weiter Ferne liegen, was umgesetzt in erster Linie auch mit Israel neue Maßstäbe setzen würde, die diese Trennung ebenfalls noch nicht vollzogen haben.

  4. Soweit richtig. Der letzte Absatz ist allerdings falsch. Zumal es sich hier um eine Botschaft an das übergewichtige, verzogen Diktatorbalk aus Nordkorea handelt. Und genau das rechtfertigt schon den Einsatz. Ich denk das die Botschaft angekommen ist, beeindruckt hat und damit schlussendlich durchaus eine weitere Eskalation verhindern hilft. Immerhin hat Peking seinen Druck auf den geliebten Führer, sich zu Mässigen, danach erhöht.

  5. "… solche Aussagen können nur von einem kommen, der noch nicht mal ansatzweise sich mit diesem Land beschäftigt hat."

    Und solche Aussagen können nur von einem kommen, der mich noch nicht einmal ansatzweise gegooglet hat. Das ist doch das mindeste, was man macht, ehe man solche Behauptungen aufstellt, mit denen man sich im Handumdrehen disqualifiziert. Ich habe sogar ein Buch dazu geschrieben: https://www.amazon.de/dp/B00VAVPMO2. Ganz dummer Anfängerfehler.

    Zudem frage ich mich, weshalb all die Naseweise und Besserwisser, die hier glauben, Artikel zerreißen zu müssen, nicht selbst etwas zu den Themen schreiben. Mal was Konstruktives tun. Stattdessen geben die meisten zu verstehen, dass sie den Inhalt garnicht verstanden haben und suchen ein Haar in der Suppe.

  6. Welche falschen Schlussfolgerungen ziehe ich denn? 

    "Allein schon die Geographie sollte einem Laien klar machen, das es da nichts zu gewinnen gibt,..Afghanistan ist ein Land was aus Hochgebieren besteht, nur 10% liegen unter 600 Metern..".

    Aha, nach Ihrer Argumentation gibt es in der Schweiz dann auch nichts zu gewinnen. 

    Zudem ist mir neu, dass es DAS Afghanistan nicht gibt. Ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen, aber schauen Sie mal in den Atlas, da werden Sie sehen, dass es DAS Afghanistan gibt. Ansonsten müssen Sie sich schon genauer ausdrücken, was Sie damit meinen. 

    WEr sollen denn diejenigen sein, die sich über die Bombe und ihre Wirkung kaputt lachen? Geben Sie mal bitte eine einzige Quelle an (außer RTL).

    "….ist ein Land mit ~49 Sprachen, Ethnien, Gruppierungen usw. dieses Land kann man noch nicht mal regieren, geschweige denn besiegen!" Meines Wissen sind es sogar viel mehr, aber da will ich mich nicht mit Ihnen streiten. Nur stellt sich mir die Frage, wie das Land dann bis zum Krieg gegen die sowjetischen Soldaten in den 1980er Jahren staatlich verwaltet wurde? Gab es keinen Staat?  Gab es keine Königsherrschaft bis zur Absetzung des letzten Königs 1978? Was war denn da in Afghanistan, Anarchie ohne staatliche Strukturen? Jedenfalls reichten diese staatlichen Grundlagen in A. eine relativ ruhige Gesellschaft trotz aller Armut zu gewährleisten.

    Und auch der Nimbus der Unbesiegbarkeit ist hisorisch falsch. Wenn man nicht im Geschichtsunterricht geschlafen hat, sollte man wissen, dass das Land sehr wohl im 3. englisch-afghaenischen Krieg besiegt wurde und von britischen Truppen besetzt war. Nur gaben die Briten die Besetzung des Landes bald auf, weil die Kosten angesichts der geringen Bedeutung Afghanistans viel zu hoch waren. Man setzte einen König ein, der wirtschaftlich von England abhängig war, indem er jedes Jahr Zuwendungen bekam aus dem englischen Staatshaushalt bis zum Beginn des ersten WK. 

    Wenn Sie noch mehr wissen wollen, empfehle ich Ihnen mein oben erwähntes Buch.

    • 😂😂😂 Herr Rüdiger Rails, sie haben meinen Tag gerettet. 

      Das zängkige Bergvölkchen in den Alpen mit den Mudschahedi gleich zu setzten. 😊👍😊😊

      Meines Wissens sind die gar 3 mal in Afgahnistan gescheitert. 😎

  7. Alles was die Beesatzung und der Krieg in Afghanistan verhindern soll, ist der Pipelinebau von Russland nach Pakistan-Indien und den Pipelinebau Iran nach China,Pakistan, Indien. Ich erinner da mal an Tapi2 Haliburten, die nicht damit einverstanden waren, das die Taliban den Pipelinebau-deal mit Argentinien gemacht haben.

    Das würde ja die Feinde Russland und Iran(das immer noch seine eigene Zentralbank besitzt, die Rothschild unbedingt braucht um die Weltfinanzen zu endgültig zu beherrschen) und China stärken, gegen die eine Supermacht Marine nichts mehr nützen würde.

    Bla..bla und der ganze Rattenschwanz vom Drogenhandel….

    Schnauze voll ! von der Oper in der so viele Unschuldige sterben…die dann auch noch mit Lügen, als die Bösen hingestellt werden..

    und wir haben hier dann den Ärger mit den ganzen Vertriebenen.

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