Portugals Regierung hat das durch die Troika 2011 eingestellte Erwachsenenbildungsprogramm unter den Namen „Qualifica“ wieder eingeführt. Die jetzige Version hat laut Regierungssprecher einige Fehler des alten Programms ausgebessert. Bis 2020 sollen 600.000 gebildete, qualifizierte und vor allem mündige Bürger das Land nach vorne bringen. Ein Beispiel für ganz Europa?

Von Rui Filipe Gutschmidt

Die Erwachsenenbildung, wie sie in der Zeit vor der Troika in Portugal stattfand, gab den Menschen mehr als nur eine Berufsausbildung. Ex-Premierminister Socrates wollte allen die Möglichkeit geben, ihren Schulabschluss bis hin zum Abitur nachzuholen. Dabei wurden mündige Bürger geschaffen, die ihre Rechte kennen und die gleichzeitig einen Beruf erlernten. Ein Teil des alten Programms war die Anerkennung der „Schule des Lebens“, bei der sich die Teilnehmer in Ergänzung einiges an Allgemeinwissen, Rechtschreibung und Grammatik, Algebra und eine Fremdsprache aneigneten. Dafür bekam man dann die vierte, sechste oder neunte Klasse anerkannt. Für das Nachholen des Abiturs – hier die 12. Klasse – musste man schon einiges mehr an Zeit und Arbeit investieren und in der „doppelten Zertifizierung“ konnte man neben dem Abitur auch noch eine Berufsausbildung machen.

Auch in der neuen Version geht es darum, den Menschen in Portugal Kompetenzen zu verleihen und sie einerseits beruflich auszubilden, andererseits ihnen das Wissen von Abiturienten zu vermitteln. Die Leute werden zu Photovoltaiksolarenergietechnikern, Thermischen SE Technikern, Elektroinstallateuren, Kommunikationstechnikern und vielen anderen Berufen ausgebildet, die im hier und jetzt Sinn machen und die vom Arbeitsmarkt gebraucht werden. Doch die Teilnehmer werden auch zu besseren Bürgern. Ich habe 2010/2011 persönlich daran Teil genommen und musste damals ein paar Mängel zu spüren bekommen. Dennoch könnte ich heute als Photovoltaiktechniker arbeiten und bin durchaus dankbar für das angeeignete Wissen. Daher weiß ich aus Erfahrung, dass am Ende dieser Kurse gut informierte, aufgeklärte Bürger stehen, die sich ihrer Rechte bewusst sind.

Die Regierung Costa will Portugal aus dem Loch wieder herausholen, in das die Troika das Land gestürzt hat. Dafür wollen sie den Anteil der Abiturienten auf über 50 Prozent steigern. Außerdem haben sie das Ziel, den Prozentsatz derer, die im Laufe ihres Lebens Fortbildungsmaßnahmen wahrnehmen, auf 15 und bis 2025 auf 25 Prozent ansteigen zu lassen. In über 300 Qualifikationszentren im ganzen Land soll gerade in abgelegenen Regionen, den Menschen eine neue Chance gegeben werden. Das Abitur wird nicht so sehr überbewertet wie in Deutschland, aber es gibt den Menschen dennoch ein gutes Gefühl. Man hat nach so einer „doppelten Zertifizierung“ also mehr wie nur berufliche und soziale Kompetenzen. Die Bürger, die ein solches Programm durchlaufen, erhalten auch einen Schub für ihr Selbstwertgefühl.

Dieses Programm ist eine der Reformen der neuen Regierung, die diese Bezeichnung auch verdient haben. Immer wenn in Deutschland die Rede von „Reformen“ ist, dann meint man damit das Outsourcing öffentlicher Dienste (wie Gärtnereien, Wasserwerke, Schulkantinen…) das kürzen von Sozialleistungen und Zwangsmaßnahmen gegen Arbeitslose wie die 1-Euro Jobs oder das Streichen und Wiederabschaffen von Arbeitnehmer- und Bürgerrechten. Hier, in Südwesteuropa, investiert die Regierung Costa, genau wie Städte und Gemeinden, einfache Bürger aus Wirtschaft, Sport und aus dem öffentlichem Leben, in die Zukunft des Landes und vor allem in seine Bürger! Europa? Europa sollte genau so aussehen. Mit einer Politik für den Bürger, in der die Wirtschaft nicht die Politik manipuliert, sondern in der die Politik dafür Sorge trägt, dass die Wirtschaft dem Bürger, der Gesellschaft, dem Allgemeinwohl dient und nicht nur den schnellen Profit für eine Handvoll Großaktionäre und Manager da ist und sich der Menschen als reine Arbeitskraft und als Kostenfaktor, den es niedrig zu halten gilt, bedient. Ja, Europa sollte sich an Portugal ein Beispiel nehmen.

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17 thoughts on “Qualifica: Erwachsenenbildung schafft 600.000 qualifizierte und mündige Bürger”

    1. wem gegenüber..?

      Als revidentenden Steuerknechte dem Staat od. als Hungerlöhner/Bützer/Schufter für den Patron..?

      Jungs/Mädels.. "WorkingPoore" ist voll im Trend,, keiner hat Bock auf mehr Lohn da keiner es Wert. 

      Wer denkt durch Zusatzt FA und Weiterbildugszertifikaten,, den Mitbewerber auf dem Arbeitsmarkt auszustechen der irrt sich Gewaltig es bleibt bei einem Fehlinvestition.. 

      _____________________________________________________

      Erst konnte ich nicht wirklich Nachvollziehen was einige wenige Community über "Teuerungsausgleich u. Inflation" hier und wo Anders geschrieben wurde – Habe mich auf die Quellen verlassen die auch Zuverlässig und Renomiert waren darunter auch Staatliche-Veröffentlichungen..

      Realität ist Fern ab.. sogar der billig Anbieter "Aldi u. Lidl" haben die Preise massiv aufgehoben und seitens Lohngeber fand kein Ausgleich statt – oder bezogen Sie sich auf die Fake-Vorgaben..

      Ein Auto anschaffung wurde nicht günstiger der wurde teurer, das selbe auf dem Wohnungsmarkt und sogar auf den Caffe/Imbiss-Shops.. es wird beschiessen und überteuert Angeboten als wäre es ein Hype..

      Rechnet es selber aus rüchwirkend auf 3 / 5 / 10jh.. mit Wohnug od. Gewerberäumen, Transportmitteln / Fahrzeugbeschaffung und Unterhaltskosten,, mit Crundnahrungs u. Hygienemitteln..

      _______________________________

      Statistiken u. Behörden Lügen uns an.. das Jahr für Jahr das immer dreister und unverschämter Art u. Weise,, Versicherungen verweigern Leistungserbringung bei Schädenfällen… usw. usw.

       

       

      1. Keine Frage, die Statistiken sind massiv "gebogen"

        Es sinkt das Wohlstandsniveau, viele Menschen schweigen aber dazu, weil der Abstieg nicht dem System angelastet wird ,sondern die "looser" Zuteilung von dem Medien erfolgreich implementiert wurde.

  1. Mir scheint, da ist der Autor etwas zu optimistisch.

    Denn die gleiche Nummer wurde in Deutschland Ende der 90er von der Regierung Kohl veranstaltet. nannte sich "Umschulung" oder "Strukturwandel".

    Der Haken an diesen gut gemeinten Ausbildungen war, dass es immer noch zu wenig Arbeitsplätze gab. Was nützt eine Ausbildung ohne Arbeitsplatz?

    Kohl hat es damals versäumt aktiv Arbeitsplätze in staatlichen Betrieben zu schaffen, in die er die Umgeschulten hätte einsetzen können. Viele der Umgeschulten sind die Langzeitarbeitslosen von heute. Irgendwann wurde das Ausbildungsprogramm wegen Nutzlosigkeit eingestellt.

    So gesehen hinkt Portugal Deutschland 20 Jahre hinterher und da der Artikel nichts über neu geschaffene Arbeitsplätze sagt, kann man vermuten, dass die portugiesische Regierung den gleichen Fehler wie Kohl macht und der freien Wirtschaft das Schaffen von Arbeitsplätzen überläßt. Und das funktioniert nunmal nicht.

    Der Umstand, dass der Autor schreibt, er "könnte" als Photovoltaiker arbeiten und nicht, dass er dies schon tut läßt ahnen, dass er mittlerweile das gleiche Problem hat wie hier vor 20 Jahren die Umschüler – Ausbildung, jedoch keinen Arbeitsplatz.

    ——————————————-

    Stellt sich die Frage, wie ein funktionierendes Wirtschaftskonzept denn aussehen müßte.

    Dazu müßte man zuerst produktive Staatsbetriebe aufziehen, die den Bedarf des Landes bedienen. Also z.B. Agrarbetriebe, Montagebetriebe von modernen Windkraftanlagen, Automobilwerke, Zement- und Glasfabriken zum Bau von Gewächshäusern usw.

    Im nächsten Schritt würde man Ausbildungs- und Studienplätze schaffen, in denen Arbeitslose gezielt für die freien Stellen in den Staatsbetrieben ausgebildet werden.

    Parallel dazu erhebt die Regierung Zölle auf Konkurrenzprodukte aus dem Ausland, damit keine Dumpinglohnprodukte aus dem Ausland die heimische Produktion und die Arbeitsplätze gefährden.

    So denke ich, kann es funktionieren.

  2. Man kann einen Menschen mit sgn. Bildung vollstopfen – solange er die ihm anerzogene Autoritätshörigkeit nicht an den Nagel hängt, wird aus ihm nie ein mündiger Bürger.

     

    Der Artikel strotzt vor Arroganz – denn auch einfache  Menschen können mündige Bürger sein.

    Ich kenne viele mit Titel, vor allem Politiker, die sind total unmündig! 

      1. Tja, man sollte hier nicht auf die deutsche Realität Rückschlüsse ziehen. Es ist die Erfahrung, die diesen Optimismus hervorbringt, nach dem die Troika die Menschen wie eine Zitrone ausgequetscht hat. Ich verstehe, dass die Mentalität der Deutschen Probleme hat, den tieferen Sinn dieses Programms zu verstehen. Hier aber lebten die Leute bis 74 in einer Diktatur und Eltern gaben anfangs die Untergebenheit noch an ihre Kinder weiter. Wenn ich aber sage „mündige Bürger“ dann meine ich Bürger, die ihre Rechte kennen. In meinem Kurs war das Staunen gross, als die Arbeitnehmerrechte Unterrichtsstoff waren. In kleinen Betrieben, wo es keine Gewerkschafter nötig haben die Leute aufzuklären, machen Chefs oft was sie wollen. Auch wenn diese mit Kündigung drohen, so ein Bürger der seine Rechte kennt immer im Vorteil. Je mehr sich ihrer Rechte bewusst sind um so schwerer ist es die „Zitronen“ auszuquetschen. Der Optimismus ist also durchaus angebracht.

  3. Der Autor schreibt gern, in seinen Atikeln oftmals einem naiven Enthusiasmus freien Lauf lassend und schießt dabei über das Ziel hinaus. Werter @Gutschmidt, seine Rechte zu kennen und berufliche Qualifikationen zu erlangen, machen noch längst nicht einen "mündigen Bürger" aus. Als Folge von staatlicher Erwachsenenbildung verläßt man die Bildungsstätte erst recht nicht als aufgeklärter Zeitgenosse.  ——-   Der Gruppenzwang im Bildungssystem läßt notwendiges Querdenken nicht zu, als Folge haben wir dann dem gesellschaftlichen System angepaßte Duckmäuser. "Auswendiglernen" wird auch in der Erwachsenenbildung als kranker Sport betrieben. Die Schüler, die es wagen, den Lehrstoff in Frage zu stellen, werden wenig Freu(n)de in der Ausbildung erfahren und noch weniger Erfolg. —————————–    Solange ein Schulsystem vom Staat aufgesetzt ist; ich denke, das gilt für Portugal ebenso wie für die BRD, entläßt es nurmehr systemtreue. den Bedürfnissen der Wirtschaft angepaßte Menschen.                                                                                           P.S.Könnte allerdings sein, das negative Erfahrungen mit "dem System", der Bürokratie oder den Justizbehörden z.B., jemanden der "Mündigkeit" und "Aufgeklärtheit" näherbringen.

    1. Muss ich jedem einzeln erklären? Portugal ist nicht Deutschland! Ich habe einen dieser Kurse gemacht. Also weiss ich wohl am besten was den Teilnehmern für Werte vermittelt werden. Warum hat die Troika wohl als allererstes diese Weiterbildung untersagt? Man sollte schon wissen wovon man redet und nicht Äpfel mit Birnen vergleichen… Also das Querdenken können die Portugiesen, die sich seit 600 Jahren überall auf der Welt zurechtfinden, anpassungsfähig sind und die 43 Jahren eine Demokratie einführten, die sich stetig im Kampf gegen die Internationalen Machteliten befindet. Nicht perfekt aber besser wie die Deutschen, die auf ihrem Wirtschaftswunder und ihren demokratischen Werten eingeschlafen sind. 

      1. @ Shmidt, das Gehirn eines gesunden Menschen ist weltweit zum Zeitpunkt der Geburt nahezu gleich strukturiert. Danach setzen dann die Konditionierungen und Manipulationen ein.

        Das eine Kind lernt wie man alleine aufsteht, und dem anderen wird geholfen und damit zur Abhängigkeit dessiert ständig nach fremder Hilfe zu suchen. – Das werden dann Beamte oder sonstige Versager.

        Man kann den Menschen nicht auf Dauer helfen, wenn man für sie tut, was sie selbst hätten tun können und auch hätten tun sollen.

          1. Wohl vergessen, dass hier keine Links erlaubt sind. Aber Sie lebe ja eh i ihrer eigee Welt.“Lehrfilme“? Na klar. Gibts Milliarde von und jeder behauptet was aderes. 

          2. Über den Einwand eines Gescheiten lässt sich streiten;

            über der Entgegnung eines Dummen muss man verstummen.

            Man lässt eben nur soviel zu, wie man geistig verkraften kann.

            Nun beruhige dich wieder und über fehlerfrei zu tippen – wirkt dann überzeugender.

      2. Wie es scheint, haben wir doch recht unterschiedliche persönliche Definitionen von "mündig" und "aufgeklärt".                                                 Mit jeder (stets) über staatliche Bildung  erfolgende Konditionierung bzw. Anpassung von jungen wie auch erwachsenen Menschen geht eine Manipulation des Bewußtseins einher. Die Absolventen jener Ausbildungen haben mit erlangten beruflichen Qualifikationen auch das "Bürokratie-Staatssystem" verinnerlicht, werden es nicht in Frage stellen. Das genannte Bü.St.-system wiederum dient mächtigen Interessengruppen (und deren okkulten Geldmechanismen) um die Masse an Menschen in kontrollierten Bahnen zu halten. Beide,  Machtzirkel wie auch Bürokratie bzw.Staat, verfolgen ein Ziel, ein seit langem bestehendes Verhältnis von Herrschern und Beherrschten, Macht und Ohnmacht, aufrechtzuerhalten.                                                                                  @Shmidt, ich fürchte, Sie haben noch niemals in Frage gestellt, ob das so sein muss oder oder ob es andere Formen von einer menschlichen Gesellschaft gibt, z.B. eine, die nicht den Traum vom ewigen Wachstum lebt, die das Zinssystem und die damit einhergehende Ausbeutung der Menschen abschafft.

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