Anarchie in Brasilien: Über 120 Tote wegen Polizistenstreik

Der Ausstand der militarisierten Polizei im brasilianischen Bundesstaat Espirito Santo führt zu chaotischen Zuständen. Auch die Armee hat die Lage noch nicht in den Griff bekommen. Verbrecher nutzten die Gunst der Stunde, plündern, rauben, vergewaltigen und morden ungestraft. Über 120 gewaltsame Tode versetzen die Bevölkerung in Angst und Schrecken! Doch während nördlich von Rio de Janeiro langsam Ruhe einkehrt, greifen die Probleme auf die Karnevalshauptstadt über.

Von Rui Filipe Gutschmidt

Eine Welle der Gewalt rollt gerade über Vitoria und andere Städte im brasilianischen Bundesstaat Espirito Santo und niemand ist da, um die Bevölkerung vor den Verbrecherbanden zu schützen, die marodierend durch die Straßen ziehen. Ein „Streik“ der Polizei verursacht seit einer Woche das Chaos auf den Straßen im südöstlichen Bundesstaat. Bis vor kurzem gab es bereits 120 gewaltsame Todesfälle zu beklagen und mindestens 300 Geschäfte wurden geplündert. Diese Zahlen basieren auf Schätzungen der Gewerkschaft der Zivilpolizei (Sindipol), doch die Dunkelziffer ist um einiges größer. Aber darf die militarisierte Polizei denn streiken? Nein, eigentlich nicht!

In Wahrheit handelt es sich um eine Blockade. Die Familien und Freunde der Polizisten, die Anspruch auf Lohnerhöhungen und Verbesserungen der Arbeitsbedingungen erheben, kampieren vor den Kasernen und Polizeistationen. Das verhindert, dass die Polizisten die Straßen patrouillieren. Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch! In diesem Fall wohl eher Ratten, von der ganz schlimmen Sorte… Zweibeinige Ratten, die Supermärkte und andere Geschäfte plündern und Überfälle am helllichten Tag begehen. Schießereien im großen Umfang wurden in verschiedenen Städten, einschließlich der Hauptstadt Vitoria, verzeichnet. Transportdienstleistungen, Banken, Kliniken und Schulen bleiben geschlossen.

Die Reaktion der Staatsmacht war bestenfalls zaghaft. Nur nach und nach wurde die Armee auf die Straßen geschickt, wobei der Nutzen dieser Aktion, bei Bildern von tatenlos bei einer Supermarktplünderung zusehender Truppen, in Frage gestellt wurde. Auch wurde gegen 701 Polizeibeamte Anklage erhoben. Höchststrafen von bis zu 20 Jahren könnten angesichts der Schäden und des verursachten Leides durchaus verhängt werden. Die Angehörigen der Polizisten, größtenteils Ehepartner (meist Frauen), nahmen wider besseren Wissens in Kauf, dass es zu Mord und Totschlag kommt und selbst als sich das Szenario mit vielen Toten bestätigte, ließen sie ihre Angehörigen nicht zurück auf die Straßen, um für Recht und Ordnung zu sorgen. Wie sollen die Bürger ihrer Polizei je wieder vertrauen?

Lesen Sie auch:  Weißrussland: Die Lage eskaliert weiter

Während der  Gouverneur des Staates, Paulo Hartung, noch im Krankenstand den Streik als Erpressung bezeichnete, beendete der Stillstand der Polizei die Portugalreise Verteidigungsministers Raul Jungmann vorzeitig. Noch in Porto, Nordportugal, wo er mit seinem portugiesischen Kollegen Azaredo Lopes gemeinsame Projekte in der Rüstungsindustrie besprach, kündigte Jungmann eine schnelle Rückkehr zur Normalität an. Doch statt dessen verlagert sich das Problem mittlerweile nach Süden und auch in anderen Bundesstaaten rumort es inzwischen. Die „Policia Militar“ ist Sache der Bundesstaaten und so hatten die Beamten von Espirito Santo seit 7 Jahren keine Lohnerhöhung mehr. Bei der galoppierenden Inflation ist deren Kaufkraft extrem gesunken. In Rio de Janeiro haben die Polizisten die letzten Monate nicht oder nur teilweise bezahlt bekommen. Wie weiter nördlich, so bilden sich auch hier Gruppen von Ehefrauen und anderen Familienmitgliedern der „Policiais“ vor den Polizeistationen, um den Protest weiter zu führen.

Loading...

Noch ist in Rio genug Polizei auf der Straße und inzwischen sind 2.000 von insgesamt 10.000 Beamten in Espirito Santo wieder im Dienst. Die meisten davon patrouillieren durch die Straßen der Hauptstadt Vitoria und sie bekommen Unterstützung von bis zu 4.000 Soldaten und Einheiten der „Elite-Polizei“, die „erst wieder in ihre Kasernen zurückkehren, wenn wieder Ruhe herrscht…“ so zumindest Raul Jungmann, der auch die volle Aufmerksamkeit des Präsidenten Michel Temer zusicherte. Wer allerdings außerhalb der urbanen Zentren lebt, muss weiter um sein Hab und Gut und noch viel mehr um sein Leben fürchten.

Warum das Chaos gewollt ist – eine spekulative These:

Ja, Michel Temer ist auffällig schweigsam in dieser Sache. Es scheint fast so, als wolle der Präsident so wenig wie möglich in Erscheinung treten, wenn es um Proteste in dem Land geht, an dessen Spitze er sich mit Hilfe juristischer Tricks „geputscht“ hat. Die neoliberale Verbrecherbande, die in Brasilia die Macht übernahm, ist nur daran interessiert das Land im Namen der US-Rohstoffmafia auszubeuten und scheint vergessen zu haben, dass man so ganz nebenbei noch ein Land zu regieren hat. All die Probleme, die durch die Finanzkrise der zu gierig gewordenen Spekulanten und Bankster ausgelöst wurde und so die Schmutz-Kampagnen gegen Ex-Präsidentin Dilma Rousseff und ihrer Arbeiterpartei (PT) erst möglich machten, sind nicht nur weiterhin vorhanden, sondern haben sich inzwischen noch verschlimmert.

Lesen Sie auch:  Weißrussland: Die Lage eskaliert weiter

Wie alle Despoten, so brauchen auch die neuen Machthaber in Brasilia einen Vorwand, um jegliche Opposition und aufkommenden Widerstand repressiv unterdrücken zu können. Geht Temer jetzt einen ähnlichen Weg wie Erdoğan in der Türkei? Die private Presse gehört einem der „ihren“ und somit gehorcht sie auch „ihnen“, zumindest zu einem großen Teil. Doch es gibt keine Terroranschläge in dem Land, so dass man nicht den Ausnahmezustand ausrufen und das Militär einsetzen kann. Aber es gibt nun mal eine extrem hohe Gewaltkriminalität, die auf große Armut und Ungleichheit in Verbindung mit langfristig herangewachsenen Drogenkartellen und Korruption zurück geht. Unterbezahlte Polizisten und Justizbeamte tun ihr Übriges.

Also gab es politische Proteste, die trotz eingeschleuster Provokateure und bezahlter Unruhestifter, nicht genug in Gewalt ausarteten. Dann versuchte man es über die Gefängnisse, wie in Manaus und anderen entlegenen Gegenden des nordbrasilianischen Regenwaldes. Angeblich führte ein Bandenkrieg zu Morden und Bränden innerhalb hoffnungslos überfüllter Gefängnisse und jedes mal konnte eine ganze Reihe Häftlinge entkommen. Aber auch das war nicht genug für einen massiven und landesweiten Militäreinsatz. Also bezahlt man die Polizei einfach nicht mehr. Jetzt hat man die Menschen eine Woche lang ungeschützt den Verbrechern ausgeliefert. An die 5.000 Soldaten sind im Einsatz und wenn in Rio de Janeiro nun das Gleiche geschieht, dann wird der weltberühmte Karneval von Soldaten beschützt und Brasilien kehrt zu einer (wohl abgemilderten Form der) Militärdiktatur zurück. Es gibt Pläne, die Familien der Polizisten wegen Behinderung der Justiz zu verhaften. Eine Konfrontation, die in einem Blutbad enden könnte. Nach allem, was Brasilien schon durchgemacht hat und egal ob man jetzt Mitte-Links oder Mitte-Rechts ist, kann so ein Szenario keiner gutheißen. Wer nämlich glaubt, dass die Militärs die Korruption beenden und für Recht und Ordnung im Land sorgen wird, der sollte mal einen Blick in die Geschichtsbücher werfen.

Spread the love

Wir brauchen ihre Unterstützung!

Liebe Leser, wenn Sie keine Premiumartikel lesen möchten, aber uns dennoch unterstützen wollen, dann können sie das auch mit einer Spende auf unser Bankkonto tun. Fragen Sie per eMail: [email protected] nach den Bankdaten oder übersenden Sie einen Unterstützungsbeitrag einfach per Paypal. Danke für Ihre Hilfe!

Loading...

4 Kommentare

  1. Was wohl in Berlin passieren würde, wenn dort mal alle Polizisten und Sicherheitsleute streiken würden? Und auch die Busse der Antifa nicht fahren würden? Und auch die SPD sich nicht als Auszahlstelle der Gegendemonstranten zur Verfügung stellen würde? Und die Drogendealer kein Chrystal Meth mehr liefern würden?

    Ich denke man würde sich gegenseitig mit Standing Ovations beklatschen, sie noch mehr Posten und Orden umhängen und noch weitere Schul-Studienabbrecher und Lebenslauferfinder oder Dotortitelschreiberlinge in die Regierung holen und weitere Ethikmaßstäbe definieren, während die Flugmeilen abgefeiert werden, das Canabis auf dem Balkon wächst, die Kreditkarte für die Kinderpornobezahlung glüht. vermutlich würde man dann alles noch via Twitter als großartige Entwicklung kommentieren.

    Ja so geht es in unserer Demokratie in der man nur als Fussballtrainer und verkleideter Transsexueller, der sich bereits im Vorfeld eindeutig politische positioniert hat aus 82.000.000 einen von einem zum Präsidenten wählen darf, wo nur innerhalb der Parteien Kanzler, Bundestagspräsidenten bestimmt werden und allein das Wort "Volksentscheid" schon mit rechtem Gedankengut in Verbindung gebracht wird.

    Das Demonstrationsrecht ist auch vernichtet worden durch die bezahlten Antifa-Gegendemonstranten, die sich gegen alles was als Elitenfeindlich oder BRD feindlich aufstellt, unbehelligt von Strafverfolgung weder der Steinewerfenden Teilnehmer, noch deren Auftraggeber.

    Schon irgendwie lustig, daß der "schwarze Block" sich nun gegen Deutschland stellt bzw. Deutsche scheisse findet, sich jedoch offen für die Bundesrepublik einsetzt. Wer hätte das gedacht. Das klingt wie gaucks Einschätzung, daß nicht die Eliten das Problem seien, sondern das Volk und damit wird uns vielleicht auch klar, was die Antifa in Wirklichkeit sein könnte.

    Die Meinungsfreiheit ist ebenfalls weg durch die Totschlagdefinition "Hatespeech" und die willfährigen Zensoren der asozialen Netzwerke.

    Was also bleibt?

    Die Möglichkeit sich das ganze Spektakel aus der Entfernung mit dem nötigen innerne Abstand anzusehen und hoffen, daß irgendwann auch mal die Aufpasser einen Bewußtseinssprung haben werden.

  2. Brasilien gibt einen hervorragenen Einblick in die Zukunft unseres Landes. Das alles steht uns noch bevor. Und das betrifft nicht nur die innere Sicherheit, sondern auch die Wirtschaft. Auch in dieser Hinsicht werden wir uns Brasilien nähern.

  3. Brasilien hat keinen Trump. Ich wüste nicht wer dort Ordnung machen soll. Ein Land mit so viel Nachwuchs und immer weniger Arbeit und die ist schlecht bezahlt.

    1. Brasilien hat DEN Trump und all die anderen neoliberalen Ultrakapitalisten die den Amerikanischen Albtraum in die Welt exportieren! In wessen Namen hat die Kleptokratie die demokratisch gewählte Präsidentin wohl aus dem Amt geputscht?? Trump ist einer von ihnen!

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.