Portrait von Präsident Erdogan. Bild: Flickr / thierry ehrmann CC BY 2.0

Seit dem Putschversuch und der Welle an Solidarität auch von Kemalisten, folgt ein innenpolitischer Rundumschlag dem anderen. Auch außenpolitisch geht es hart her. Befindet sich Präsident Erdogan im Machtrausch?

Von Marco Maier

Noch während der Putschnacht, als offenbar das CIA-gesteuerte Gülen-Netzwerk einen Staatsstreich gegen Präsident Erdogan durchführen wollte, konnte sich der türkische Präsident einer gewaltigen Welle an Unterstützung sicher sein. Selbst eingefleischte Kemalisten aus der Opposition stellten sich hinter den Staatsführer, zumal auch sie eine solche Aktion nicht gutheißen konnten. Doch nun steigt Erdogan das Ganze wohl zu Kopf.

Insgesamt, so die Schätzungen, wurden inzwischen über 100.000 Staatsbedienstete entlassen, weil sie dem Gülen-Netzwerk angehören sollen. Egal ob Verwaltung, Militär, Polizei, Justiz oder auch in den Schulen – wer auch nur im Verdacht stand, mit den Gülenisten zusammenzuarbeiten, war draußen. Nebenbei verstärkte die islamisch-konservative Führung noch den Kampf gegen die kurdisch-separatistische PKK und deren Sympathisanten, die ebenfalls mit Repressionen zu rechnen hatten. Mehr und mehr gleicht das Ganze einer "Hexenjagd", die durchaus mit der McCarthy-Ära in den Vereinigten Staaten verglichen werden kann, zumal auch zunehmend Unschuldige (im Sinne von: Nicht-Gülenisten und Nicht-PKK-Anhänger) ins Visier geraten.

Die türkische Medienlandschaft steht ohnehin schon mehr oder weniger unter Kontrolle der Regierung. Immer mehr der noch verbliebenen oppositionellen Zeitungen geraten unter Druck. Jene, die der PKK bzw. der kurdischen Parlamentspartei HDP nahestehen, wurden ohnehin schon weitestgehend "neutralisiert". Nun trifft es vermehrt auch Zeitungen wie die eher linksliberale Cumhuriyet (Die Republik), deren Chefredakteur gestern, am Montagmorgen, gemeinsam mit anderen führenden Mitarbeitern der Zeitung verhaftet wurde. Angeblich sollen sie entweder mit der Gülen-Bewegung oder mit der PKK in Verbindung stehen, so die türkische Staatsanwaltschaft – so genau scheint man es da nicht zu wissen.

So passen dann auch die neoosmanischen Gebietsansprüche ins Bild, die inzwischen öffentlich erhoben werden. Egal ob Aleppo oder Mossul, die griechischen Inseln oder Teile des Balkans – mittels alten Karten aus dem beginnenden 20. Jahrhundert werden diese legitimiert. Zwar spricht nichts dagegen, Grenzverschiebungen anzusprechen, doch dann müsste man in Ankara auch so fair sein und den Kurden ihr Kurdistan zugestehen, oder? Doch das ist eine ganz andere Geschichte. Auf jeden Fall, so macht es nämlich den untrüglichen Eindruck, hat Präsident Erdogan nun offensichtlich einen Anfall von Größenwahn. Die starke Mehrheit des Volkes im Rücken und mit dem Wissen um die starken nationalistischen Gefühle seiner Landsmänner, lässt es sich natürlich leicht gegen – tatsächliche und vermeintliche – Feinde im Inneren und im Äußeren vorgehen.

Mit dem sich abzeichnenden politischen Vernichtungsfeldzug gegen die Opposition im eigenen Land und der noch vorhandenen großen Unterstützung beim Volk kann sich Präsident Erdogan jedenfalls gewiss sein, dass sich ihm kaum wer entgegenstellt. Denn steht man erst einmal im Verdacht, in Opposition zur Politik Erdogans zu stehen, sind Repressionen schon vorprogrammiert. Egal ob nun durch die Staatsmacht selbst oder einfach durch Erdogan-Jünger – dem will sich kaum jemand aussetzen. Das macht es Erdogan natürlich noch leichter, seine Ziele umzusetzen.

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9 KOMMENTARE

  1. Ne glaub eher nich. Was da innenpolitisch läuft ist ein normaler vorgang nach einem gescheiterten Putsch. Das Land muss eben stabilisiert werden. Wäre Merkel bei ihrem gescheitert, würd es bei uns auch nicht anders ablaufen. Ist nunmal so. Wenn du wieder zurück willst in normale verhältnisse musst du die Putschisten entfernen. Andernfalls versuchen die es immer und immer wieder, solange bis sie erfolgreich sind.

  2. "Warum nicht ?"

    Ich beziehe es aber weniger auf die Psychompharmaka als auf die Aktion im Sommer, denn wie ich damals schon schrieb: "Mit der Aktion (Putsch) angestiftet von der CIA+Falken (ohne Wissen Washingtons ! siehe plötzlicher Besuch Kerrys in Moskau) gegen Erdogan, haben sie ihm alle Trümpfe in die Hand gespielt und ihm sozusagen (bis zur Angelobung des/der neuen US-Oberverbrecherin) völlige Narrenfreiheit verschafft, die er weidlich ausnützt.

  3. Was die Türkei und Erdogan betrifft basiert doch sehr viel , wie auch hier in diesem Bericht , auf Vermutungen meist mit negativem Tatsch . Das mag wohl mit an der von Anfang an geübten Bändigungskultur des Westens liegen .  Man wollte wohl die Türkei einschl. Erdogans in  einem unterwürfigen steuerbaren Verhältnis zu den Amis sehen wie eben die EU auch .  Im Entefekt hat man aber nur das Mißtrauen  enorm verstärkt  Erdogan weiss inzwischen sehr deutlich das er mit seiner Türkei nicht in das Konzept der Amis passt . Und was das für ihn und sein Land bedeutet . Er wird wohl auch entsprechent beraten und versucht mit allen Mittel in dieser Nummer nicht unterzugehen .

    Der ganze europäische Raum und das drum herum ist inzwischen zu einem  kriminellen Ami Seuchensumpf mit ordentlich Leichen verkommen . Stellen sie sich mal vor wir würden in BRD oder EU anfangen ( wenn wir denn könnten ! Der Erdogan kann wenigstens noch ) den Ami-Sumpf  trocken  zu legen . Befor sie uns gegen die Russen verheitzen .

  4. Das Volk vermeintlich im Rücken, weil mit überwiegender Mehrheit gewählt, hatte schon mal einer vor ca. 80 Jahren und der hatte dann auch den Größenwahn durch Fehleinschätzung und genau das gleiche könnte an der Nahtstelle Europa/Asien auch passieren. Wenn nicht heute, dann später, denn es hat noch kein Despot das Volk über längere Zeit hinter sich bringen können und auch das wird dann sein persönliches Verhängnis.

    • Hatten deutsche Menschen überhaupt noch mal einen Politiker auf ihrer Seite, nachdem „einer vor ca. 80 Jahren“ gegangen worden ist?

      … war ja nur mal so eine Frage …

  5. Hm, immerhin hat Erdo das Volk hinter sich was Frau Blockflöte nicht von sich behaupten kann. Man ist es hier zu Lande halt nicht gewöhnt das ein Politiker tut was er sagt das passt nicht in unser System. Aber zum Glück haben wir noch die Presse auf die kann man sich wenigstens verlassen.

  6. Nun ja, die Vorgänge im Orient entsprechen nicht westlichem Denken. Damit käme man auch regional vor Ort nicht weit. Im übrigen vergessen die EU, auch  die BRD und andere Mitglieder immer wieder,  dass sie nicht die Türkei regieren. Keiner dieser hiesigen Grossmäuler hat Regierungsgewalt in der Türkei. Und auf die Visafreiheit und Mitgliedschaft schei.. dieser schon lange. Ich freue mich darauf, wenn er die Flüchtlinge auf die europoäischen Großmäuler loslässt und die Ar…. lö.. vor lauter Verzweiflung nciht mehr wissen, was noch zu tun ist und die europäischen Völker den Versagern endlich entgültig in den übel riechenden Allerwertesten treten. Politisch, mit Wahl.

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