Bashar al-Assad im Interview mit Portugals TV-Sender RTP – 4. und letzter Teil

Hier jetzt der 4. und letzte Teil des ausführlichen Interviews, welches eine Menge unterschiedlicher Themen abdeckt. Syriens Präsident gewährte einen tiefen Einblick in seine Sicht des Krieges, der sein Land in Schutt und Asche legt. In diesem letzten Teil geht es vor um die Rolle der Türkei und Erdogahn, Erwartungen an Donald Trump und al-Assads Verantwortung im Ausbruch und Verlauf des Krieges.

Von Rui Filipe Gutschmidt

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Hier also der letzte Teil des Interviews mit Präsident Bashar al-Assad. Der 3. Teil endete mit einer Bemerkung zur Mammutaufgabe, die der neue UN-Generalsekretär António Guterres vor sich hat, da so viele ausländische Interessen dort eine Rolle spielen:

„Also ist seine (Guterres) Rolle im zusammenbringen all dieser Kräfte essentiell und wir hoffen, dass er erfolgreich ist. Es ist natürlich nicht einfach.“

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So ist die nächste Frage von Paulo Dentinho denn auch zu einem der wichtigsten „Mitspielern“ des blutigen Krieges…

„Lassen sich mich die Türkei herauspicken. Deren Armee ist in Ihrem Land. Ihr Präsident sagte letzte Woche, dass ihre Interessen außerhalb ihrer natürlichen Grenzen liegen. Er erwähnte Mossul und Aleppo. Akzeptieren Sie das?“

Präsident al-Assad war denn auch nicht schüchtern und machte sich keinerlei Mühe einen diplomatischen Ton anzuschlagen.

„Natürlich nicht. Sie reden über eine kranke Person. Er ist ein größenwahnsinniger Präsident, er ist nicht stabil.“ Ein Lachen entgleitet al-Assad beim nächsten Satz. „Er lebt im Zeitalter des Osmanischem Reiches. Er lebt nicht in der heutigen Zeit. Er hat den Bezug zur Realität verloren.“

„Aber was werden sie mit deren Armee machen, die sich in Ihrem Territorium aufhält?“

„Wir haben das Recht uns zu verteidigen. Es ist eine Invasion. Es ist unser Recht uns gegen jede Art Invasoren zu verteidigen. Doch bleiben wir realistisch. Jeder Terrorist der nach Syrien kam, kam über die Türkei, mit der Unterstützung von Erdogan. Also diese Terroristen zu bekämpfen, ist wie die Armee Erdogans zu bekämpfen, nicht die türkische Armee, die Armee von Erdogan.“ 

Die schweren Anschuldigungen sind nicht neu, aber auch nicht unbegründet. Dennoch spürt der portugiesische Reporter die Gefahr, die hinter dieser Situation lauert.

„Aber die Türkei ist ein Land der NATO, ist Ihnen das bewusst…?“

„Ja, natürlich. Ob es jetzt ein NATO-Staat ist oder nicht, er hat nicht das Recht in irgendein anderes Land einzumarschieren, in Anbetracht des internationalen Rechts oder hinsichtlich irgendwelcher moralischen Werte.“

Als nächstes stellte sich die Frage um die zukünftige Zusammenarbeit mit den USA unter dessen neuem Präsidenten, Donald Trump. Doch die in der Mainstreampresse angeblich so hoch eingeschätzten Erwartungen halten sich in Wahrheit in Grenzen.

„Herr Präsident, die Vereinigten Staaten haben einen neugewählten Präsidenten. Was erwarten Sie von Donald J. Trump?“

„Wir haben nicht viele Erwartungen, da die US-Administration nicht nur die Präsidentschaft ist. Es sind verschiedene Kräfte innerhalb dieser Administration, verschiedene Lobbys, welche jeden Präsidenten beeinflussen werden. Wir müssen also abwarten und dann sehen was er tut, wenn er seine neue Mission, sozusagen, oder eben seine Position als Präsident in dieser Administration, in zwei Monaten antritt. Aber wir würden sagen wir haben das Wunschdenken, dass die USA unparteiisch bleiben, das internationale Recht respektieren, sich nicht in andere Teile der Welt einmischen und, natürlich, dass sie aufhören Terroristen in Syrien zu unterstützen.

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Also wo sind da bitte schön die hohen Erwartungen an Donald Trump? Syriens Präsident kennt die USA genau. Die Macht liegt im Militärisch-Industriellen-Komplex! Wer denkt, dass Trump dieses System schaden wird oder auch nur daran kratzen wollte, der wurde genauso in die Irre geführt wie der amerikanische Wähler. Ein Blick auf seine Regierungsmannschaft genügt um zu erkennen was Bashar al-Assad längst sehen konnte. Donald Trump ist Multimillionär und wird das System der Multimillionäre und Milliardäre nicht antasten, sondern eher noch ausbauen.

„Aber er (Trump) sagte in einem Interview, dass er offen zu sein scheint um mit Ihnen zusammenzuarbeiten im Kampf gegen den Islamischen Staat oder ISIL (ISIS). Sind Sie bereit für so eine Bewegung?“

„Natürlich lässt das hoffen, aber kann er Liefern?“ 

Al-Assad scheint nicht zu glauben, dass sich Amerikas neuer Präsident in irgendeiner Weise gegen das Establishment durchsetzen kann. Auch die Mainstreampresse sieht al-Assad als Hindernis für einen Politikwechsel hinsichtlich seines Landes. So ist es seiner Meinung nach eher fragwürdig, dass sich der unerfahrene Populist durchsetzen kann oder ob er es wirklich will. Nichts desto Trotz sagt Bashar al-Assad, dass „wenn, und ich meine nur wenn, er die Terroristen bekämpfen will, dann könnten wir Verbündete, natürliche Verbündete, gemeinsam mit den Russen, den Iranern und vielen anderen Ländern, sein, die die Terroristen besiegen wollen.“ 

So ist al-Assad also skeptisch, wer soll es ihm verübeln, was die zukünftige Politik der USA in Bezug auf Syrien betrifft. Donald Trump müsste die bislang von den USA und anderen westlichen Staaten anerkannte syrische Exilopposition zu Terroristen erklären und unter Beschuss nehmen. Auch die Kurden, Verbündete der USA seit dem ersten Golfkrieg, sind in den Augen der Syrer Terroristen. Ich sehe nicht, dass Donald Trump daran etwas ändern wird und auch Syriens Präsident muss dies ernsthaft bezweifeln. Ein härteres Vorgehen gegen ihn ist da sogar noch wahrscheinlicher.

Also da für al-Assad nur eine Zusammenarbeit zwischen legalen Regierungen in Frage kommt, ist ein gemeinsamer Kampf gegen ISIS an der Seite der Kurden, wie es Donald Trump sich das wohl vorstellt, völlig ausgeschlossen. Ein weiteres Beispiel zeigt die Antwort auf Dentinhos nächste Frage.

„Wie auch immer… Der (designierte) Vizepräsident, Hr. Pence sagte, er würde militärisch agieren um eine Ihre militärische Aktionen zu unterbinden und damit eine humanitäre Krise in Aleppo zu verhindern.“ 

„Das ist wiedereinmal gegen das internationale Recht und das ist das Problem mit der amerikanischen Position. Sie denken, sie seien die Polizei der Welt, sie denken sie seien die Richter der Welt. Das sind sie nicht! Sie sind ein souveränes Land, ein unabhängiges Land, aber das ist ihre Grenze. Sie haben sich nicht in irgendeinem anderem Land einzumischen. (…) Bashar al-Assad kritisiert die USA also für ihre überhebliche Interventionspolitik, die seines Erachtens nach in den letzten Jahrzehnten nichts als Probleme in die Welt brachten. Auch daher hat Syrien keine echten Illusionen was ein Systemwechsel in den USA betrifft. 

Da al-Assad jeglichen „Terrorismus“ ausradieren möchte, der Westen aber vor allem die Islamisten von Daesh, Al-Nusra und Verbündete (innerhalb Syriens), muss der aus dem Kontext gerissene Begriff von „natürlicher Verbündeter“ korrigiert werden. Im Kampf gegen ISIS und andere Islamisten sind Assad und Trump eventuell natürliche Verbündete. Doch das trifft auch auf Obama oder die EU zu. Mit Ausnahme der Sunniten im sunnitisch-schiitischem Religionskrieg (Saudi-Arabien, Katar und deren Organisationen), ist so ziemlich jeder al-Assads „natürlicher Verbündeter“. Paulo Dentinho geht daher noch auf Trumps angebliches Angebot einer Kooperation im Kampf gegen den Terrorismus und einen möglichen „Trumpeffekt“ auf Europas Syrienpolitik ein.

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„Aber auf das zurückkommend was der neu gewählte Präsident in Bezug auf eine Kooperation mit Ihrer Regierung im Kampf mit dem Islamischen Staat. Erwarten sie ebenso eine Veränderung bei den europäischen Ländern?“

„Bezüglich der Bekämpfung des Terrorismus, sind wir bereit mit jedermann in dieser Welt bedingungslos zu kooperieren.Das ist der Kern unserer Politik, nicht heute, nicht gestern, schon seit vielen Jahren, selbst vor dem Krieg in Syrien.Das haben wir immer schon gesagt.(…)“ Und so erinnert al-Assad an den Kampf seines Vaters gegen die Moslembruderschaft in den 80er Jahren. Wieder einmal vergisst er dabei, das sein Vater andererseits die Hisbollah im Libanon unterstützt hat und an der Seite des Irans auch andere Terroristen in aller Welt – nicht nur gegen Israel – für sich kämpfen lies. Terrorismus liegt wohl immer im Auge des Betrachters. Das sollte man bei Politikern nie außer Acht lassen. So ist auch die letzte Frage von Paulo Dentinho vom jeweiligem Blickpunkt abhängig.

„Eine letzte Frage Hr. Präsident. Ich muss sie das jetzt wirklich fragen. Denn nach all den Jahren, weisen Sie immer noch jegliche Verantwortung…, jegliche Verantwortung für das, was in Ihrem Land geschah, von sich?“

Diesbezüglich kommt Bashar al-Assad doch ein wenig aus der Ruhe, was zeigt, dass er, im Gegensatz zu dem was seine Worte wiederspiegeln, doch eine schwere Last auf seinem Gewissen trägt. 

„Nein, ich weise keine Verantwortung von mir, aber es kommt auf die Entscheidung an. Wenn wir über Verantwortung reden, dann müssen wir uns fragen welche Entscheidungen wir treffen müssen, um mit der Krise fertig zu werden. Hat der Präsident jemandem befohlen Zivilisten zu töten? Hat er die Zerstörung angeordnet? Hat er befohlen den Terrorismus in seinem Land zu unterstützen? Natürlich nicht! (…) Syriens Staatsoberhaupt sagt noch er habe gemeinsam mit den anderen Institutionen des Landes den Dialog gesucht, die Terroristen bekämpft und er habe sich bemüht die Reformen zu implementieren, die gleich zu Beginn der Krise den Konflikt hätten verhindern können. 

Doch seine Worte: „(…) Als Antwort auf die Behauptung, sagen wir mal so, dass Reformen in Syrien notwendig seien und so gaben wir diese Antwort (Umsetzung von Reformen). Das war denn auch die Entscheidung die ich traf.“

So weist er doch die Verantwortung für die Eskalation der Demonstrationen und dem Ruf der Strasse nach Reformen, hin zu diesem Krieg, diesem Blutbad, von sich.

„Würden Sie sagen, oder würde irgendwer sagen, dass es falsch ist Terrorismus zu bekämpfen? Einen Dialog zu führen ist falsch? Reformen umzusetzen ist falsch? Die Zivilisten zu schützen und von Terroristen besetzte Gebiete ist falsch? Natürlich nicht. Also ist da ein Unterschied zwischen der Verantwortung der Politik und in der Verantwortung in der Praxis. In jeder Praxis gibt es inkorrekte Vorgehensweisen, das ist eine andere Frage. Wenn wir über den Staat und den Präsidenten reden, oder wenn wir über die Entscheidungen und die Politik sprechen.“

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„Danke für RTP zu Verfügung gestanden zu haben.“

„Ich danke Ihnen.“

Fazit:

So hat Präsident Bashar al-Assad also anscheinend kein Schuldbewusstsein. Aber eben nur scheinbar, denn Syriens Staatsoberhaupt zeigt Gefühlsregungen die gegensätzlich zu seinen Worten sind. Doch alles das ist verständlich. Syriens Regierung kann nur so einen Diskurs haben, wie bei diesem Interview um zu rechtfertigen, was schon lange keine Rechtfertigung mehr hat. Es ist nicht der Kampf gegen die Dschihadisten vom Daesh oder Al-Nusra, der von der Welt kritisiert wird. Im Gegenteil, wird Syriens Armee schon jetzt von den meisten Staaten gegen den Islamischen Terrorstaat unterstützt. Das Problem liegt vielmehr in der Bezeichnung „Terroristen“ und darin wer von wem so betitelt wird. Bei den Islamisten hat keiner ein Problem damit, doch mit vielen anderen Gruppen schon. Kurden oder die wenigen nicht islamisierten Gruppierungen werden von den USA und Europa als „Rebellen“ oder „Freiheitskämpfer“ bezeichnet. Genauso ist die Hisbollah für Bashar al-Assad und  seine Verbündeten eine legitime Truppe. Recep Tayyip Erdoğan, der von al-Assad nicht zu unrecht als größenwahnsinnig bezeichnet wird, unterstützt „seine“ türkischstämmigen Milizen, zu dessen Schutz er angeblich in Syrien einmarschiert ist. Dabei hat er seine ganz eigene Agenda und bekämpft ganz nebenbei die Kurden, die für ihn alle – nicht nur PKK oder gar YPG – Terroristen sind. 

Der Westen – allen voran die USA und Frankreich – muss ebenso seine Schuld eingestehen. Die Menschen zu unterstützen, die Reformen und Demokratie wünschen, mag ja auf den ersten Blick lobenswert sein. Doch wenn dies an der Regierung des Landes vorbei gemacht wird, dann ist das nicht weiter als subversives Intrigieren gegen einen anderen Mitgliedstaat der Vereinten Nationen. Zurecht weist al-Assad immer wieder auf das Völkerrecht, dass von unzähligen Staaten gebrochen wird. Der Bürgerkrieg ist in Wahrheit ein Stellvertreterkrieg, in dem jeder mit Interessen in der Region kräftig mitmischt. Der legitime Präsident Syriens beschreibt die Lage in seinem Land gut, wenn er von unrechtmäßiger Einmischung aus dem Ausland redet. Es handelt sich also um einen Stellvertreterkrieg, bei dem aber nicht nur um den neuen Ost/West-Konflikt geht, sondern vor allem um den sunnitisch-schiitischem Religionskrieg. Saudi-Arabien und Katar unterstützen die Djihadisten des Daesh, auch wenn sie offiziell diese bekämpfen. Neben dem Jemen, stehen der Irak und Syrien im Mittelpunkt dieses „Religionskrieges“, bei dem die Religion natürlich auch nur von Saudis einerseits und Iranern andererseits für machtpolitische Zwecke missbraucht wird. 

Wie kommt man da wieder heraus? Indem ALLE auf ihre egoistischen Ziele verzichten und unter der Leitung des neugewählten UN-Generalsekretärs António Guterres zu Verhandlungen zusammenkommen. Doch obwohl Syriens Regierung zweifellos im Recht ist, wird auch al-Assad Zugeständnisse machen müssen, wenn er diesen Krieg beenden will. Es ist an der Zeit, dass Blutvergießen, die Zerstörung, das Morden und Vergewaltigen, die Folter und den Terror generell, der den größten Flüchtlingsstrom der letzten 50 Jahre auslöste, ein für alle mal zu beenden!

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2 Kommentare

  1. Der Türke ist die Pest !!!

    Im Juni diesen Jahres trafen sich Netanjahu, Putin und Erdogan. Der Türke sucht Verbündete und hat natürlich in Netanjahu einen dankbaren Partner gefunden. Israel unterstützt also die Türkei bei Interventionen in Syrien, bzw. lässt ihn für sich mal machen.

    Um das nicht einseitig werden zu lassen, schaltete sich Putin ein, indem er, überraschend für uns alle, das Kriegsbeil mit Erdogan begrub (vorerst).

    Der Osmane wandert politisch auf einem sehr schmalen Grat und seine Verrücktheit besteht vor allem darin, trotz seiner Situation, keine Gelgenheit auszulassen um selbst ein Bein in internationale Räume zu bekommen. Er manövriert sich in die Position eines zweiten Syriens.

    Still sein, Zurückhaltung und Neutralität signalisieren, wäre eine Möglichkeit, die Türkei vor einem Sturm zu bewahren, aber Meister Größenwahn hält von all dem nicht viel.

    Na dann, wohl bekomm's !

    1. Es ist an der Zeit, dass Blutvergießen, die Zerstörung, das Morden und Vergewaltigen, die Folter

      und den Terror generell, der den größten Flüchtlingsstrom der letzten 50 Jahre auslöste, ein für alle mal zu beenden!

      Ich möchte sehen was im EU -Ländern die Regierungen machen würden, wenn hier die bewaffnete Oposition gegen Regierungen Krieg führen würden? Werden sie diskutieren und den "gemässigte Rebellen" freie Hand lassen und Teritorium geben, oder werden sie bekämpfen und töten?

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