Multipolare Weltordnung: Amerikanische Macht am Scheideweg

Die multipolare Weltordnung ist in Bewegung. Insbesondere Russland und China avancieren zu ernsthaften Gegenspielern der Vereinigten Staaten, deren Hegemonialbestrebungen immer wieder herbe Rückschläge erleiden müssen. Die Erde ist nicht länger das Eigentum der USA.

Von Dilip Hiro / Antikrieg

Im eigenartigsten Wahljahr der jüngeren amerikanischen Geschichte – in dem der Kandidat der libertären Partei Gary Johnson nicht einmal den Namen eines ausländischen Anführers, den er „bewundert“ hervorbringen konnte, während Donald Trump bei der Absicht blieb, seine „fette schöne Mauer“ zu bauen und sich das irakische Öl zu „holen“ – könnte die Welt aus dem Blickfeld vieler Amerikaner verschwunden sein. Es ist also eine kleine Einführung in den Planeten angesagt, den wir in der Tat bewohnen. Willkommen in einer multipolaren Welt. Eine Tatsache sticht hervor: die Erde ist nicht länger das Eigentum der „einzigen Supermacht“ des Erdballs.

Wer einen Beweis dafür haben will, der kann damit anfangen, indem er sich mit Moskaus Rolle bei der kürzlichen Umgestaltung des Kriegs in Syrien und bei der Vereitelung von Washingtons Absicht, Präsident Bashar al-Assad zu stürzen, beschäftigt. Und das ist nur eine von einer Reihe von Entwicklungen, die Amerikas weltweit schwindende Macht sowohl in der militärischen als auch in der diplomatischen Arena aufzeigen. Oder auf friedlichem Gebiet, denken Sie an die Art, wie China erfolgreich die Asiatische Entwicklungsbank als einen Rivalen der Weltbank eröffnet hat, nicht zu reden von einem Plan, zahlreiche Länder in Asien und Europa mit China zu vernetzen mit einem ungeheuren Netzwerk von Transportwegen und Pipelines, die es großartig als den Einen Gürtel und Eine Straße-System oder als Projekt Neue Seidenstraße bezeichnet. Anhand von solchen Entwicklungen kann man sehen, wie die ursprünglich überwältigende wirtschaftliche Kraft der Vereinigten Staaten von Amerika Schritt für Schritt international herausgefordert und beschnitten wird.

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Moskau hat in Syrien das Sagen

Das Abkommen zwischen Moskau und Washington vom 10. September über Syrien, das nach zehn Monaten harter Verhandlungen erzielt wurde und jetzt nach einem weiteren gebrochenen Waffenstillstand in Scherben liegt, hatte einen entscheidenden, wenn auch wenig beachteten Aspekt. Das erste Mal seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion schaffte es Russland, sich selbst auf dieselbe diplomatische Ebene wie die Vereinigten Staaten von Amerika zu heben. Russlands Außenminister Sergej Lavrov sagte: „das ist nicht das Ende des Weges … sondern der Beginn unserer neuen Beziehungen“ mit Washington. Wenn auch diese Beziehungen sich jetzt in einem Zustand der Stillegung und der Verschlimmerung befinden, so ist unbestreitbar, dass die eingeschränkte militärische Intervention des Kreml in Syrien so konzipiert war, dass sie einen Mehrfacheffekt erreichte, mit Erfolgen sowohl in diesem kriegsverwüsteten verheerten Land als auch in der internationalen Diplomatie.  

Nach dem, was man hört, war Präsident Assad im August 2015 am Ende seiner Kräfte und die Moral seiner dahinschwindenden Armee auf dem Tiefstpunkt. Sogar die Unterstützung des Iran und der libanesischen Kämpfergruppe Hezbollah hatten sich als unzureichend erwiesen, um den Zusammenbruch seiner Machtposition rückgängig zu machen. Um seine Regierung vor dem Zusammenbruch zu retten, beschlossen die militärischen Planer des Kremls, das durch die zusammenbrechende syrische Luftwaffe entstandene gähnende Loch zu schließen, seine Luftabwehrkräfte aufzustocken und sein heruntergekommenes Arsenal von Panzern und gepanzerten Fahrzeugen aufzumöbeln. Zu diesem Zweck machten sie aus einem der letzten russischen Stützpunkte im Ausland, einer Luftwaffenbasis nahe dem Hafen Latakia am Mittelmeer, eine Operationsbasis, in die sie Kampfflugzeuge, Kampfhelikopter, Panzer, Artillerie und gepanzerte Personenfahrzeuge lieferten. Russland stationierte dort auch seine hochentwickelten S-400 Boden-Luft-Raketen.

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Die Zahl des entsandten russischen Militärpersonals wurde auf 4.000 bis 5.000 geschätzt. Obwohl keine Bodentruppen dabei waren, war das ein beispielloser Schritt in der jüngsten russischen Geschichte. Das letzte Mal, als der Kreml signifikante Kräfte außerhalb seines Territoriums einsetzte – im Dezember 1979 in Afghanistan – erwies sich das als unüberlegtes Unterfangen, das ein Jahrzehnt später mit deren Rückzug endete, gefolgt vom Zusammenbruch der Sowjetunion im Dezember 1991.

„Ein Versuch Russlands und des Irans, Assad zu stützen und zu versuchen, die Bevölkerung zu befrieden, wird dazu führen, dass sie im Sumpf stecken werden, und es wird nicht funktionieren,“ sagte Präsident Barack Obama bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus, kurz nach der russischen militärischen Intervention. Er hätte es wissen müssen, nachdem eine Koalition unter Führung der Vereinigten Staaten von Amerika seit September 2014 Ziele auf syrischem Territorium bombardiert hatte, die vom terroristischen Islamischen Staat kontrolliert wurden. Trotzdem unterzeichnete das Pentagon bald danach eine Abmachung mit dem Kreml betreffend Sicherheitsmaßnahmen für ihre Flugzeuge, die jetzt beide im syrischen Luftraum unterwegs waren, und richtete eine Kommunikationsverbindung ein für alle Probleme, die auftauchen könnten.

In den folgenden sechs Monaten führten russische Kampfflugzeuge in einer anhaltenden Luftkampagne 9.000 Angriffe durch, wobei sie behaupteten, 209 Erdölproduktions- und –transportanlagen (vermutlich vom ISIS kontrolliert) zerstört zu haben und der syrischen Armee dazu verholfen zu haben, 400 über ein Gebiet von 10.000 km² verteilte Siedlungen zurückzuerobern. In dem Prozess verloren die Russen fünf Soldaten. Als die Aussicht stieg, dass Russland eine anhaltend bedeutende Rolle in Syrien spielen wird, begann die Stimmung im Weißen Haus sich zu ändern. Mitte März 2016 traf Außenminister John Kerry den russischen Präsidenten Vladimir Putin im Kreml. Die Konsequenz, wenn auch mit zusammengebissenen Zähnen war, dass die Vereinigten Staaten von Amerika die Rechtmäßigkeit der russischen Position in Syrien anerkannten, und dass engere Koordination zwischen den beiden führenden Spielern erforderlich war, um ISIS zu zerschmettern.

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Ein Jahr nach dem Beginn der russischen Kampagne waren die meisten größeren syrischen Städte wieder zurück in den Händen der Regierung (wenn oft auch in Trümmern), und der von Rebellen gehaltene Osten Aleppos wurde angegriffen. Die Moral der Regierung Assad hatte sich gebessert, obwohl die Größe seiner Armee sich verkleinert hatte. Sie war nicht länger in Gefahr, gestürzt zu werden, und ihre Position an jedem künftigen Verhandlungstisch wurde gestärkt.

Nicht weniger wichtig war für die Russen, die sich gerade wieder auf der Bühne des Mittleren Ostens etablierten, dass alle ausländischen Anti-Assad-Spieler dazu gekommen waren, die ausschlaggebende Position anzuerkennen, die der Kreml in diesem kriegszerrissenen Land errungen hatte, in dem ein fünfeinhalbjähriger Konflikt zu bis zu 500.000 Toten geführt hatte und die Bombardierung von Krankenhäusern normal geworden war. Am ersten Jahrestag der russischen Kampagne schickte Putin mehr Flugzeuge nach Syrien, was die Möglichkeit schuf, in ein Schlamassel zu geraten. Es kann aber keine Frage sein, dass in der Zwischenzeit Putins Strategie Russlands geopolitischen Zielen gut gedient hat.

Weiter auf Seite 2 (Putin wird von den Anti-Assad-Arabern aufgesucht)

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14 Kommentare

  1. Optimismus ist Feigheit. (Spengler)

    Bleibt noch die Kultur. Rußland und China haben nichts zu bieten. Nichts, was irgendwie anziehend wäre, wo man dazugehören möchte. Wenn die einheimischen Eliten den Sack voll haben, investieren sie nicht etwa in der Heimat, sondern schaffen die Beute in die VSA, auf die Insel oder in andere Weiße Länder, wo man sich dann auch niederläßt.

    RT und CRI richten sich übrigens auch stark an westlichen Modellen aus, in der Form wie im Inhalt.

    Was die Propaganda angeht, haben die BRICS verloren. Liegt auch an ihrem grundsätzlich primitiven Menschenbild. Der Westen hat zum Vorzeigen bei Bedarf immerhin noch Reste seiner klassischen Kultur.

    Nix mit "aus dem Osten kommt das Licht". Eine multipolare Welt wird nicht viel besser als eine unipolare. Dazu bräuchte es weltweit neue Eliten.

    1. wo leben Sie denn? selbstverständlich ist eine multipolare welt besser als eine unipolare, ergibt sich bereits aus der meinungsvielfalt, oder wollen Sie sich ständig der arroganten menschenverachtenden meinung der usa anschliessen müssen? dass china und russland nichts zu bieten hätten, ist unsinn, Sie dürfen beide länder nicht mit der trostlosigkeit des kommunismus verwechseln, wie es ihn dort vor vierzig jahren noch gab. im übrigen muss man fragen, was denn der westen zu bieten hat? McDonalds etc?. sollen das errungenschaften von Bedeutung sein?

    2. Sie haben noch nie gehört, wie an der Wallstr. und den Banken in NY, VSA ganze Länder und Volkswirtschaften geplündert wurden?

    3. Eine sehr pauschalisierende und engstirnige Aussage! Die Sprüche vom primitven Menschenbild und die Herabwürdigung Chinas und Russlands, von wegen sie hätten nichts zu bieten was irgendwie anziehend sein könnte grenzt schon an pure Bosheit!

      Das mit den Eliten stimmt natürlich teilweise aber gerade die enorme Verbesserung der Lebensumstände in Russland und die gleichzeitige Verschlechterung in den meisten westlichen Ländern, vor allem in den USA, seit 1999 beweisen das Sie im Ganzen gesehen falsch liegen!

      Man vergleiche einfach mal die Entwicklung der Ukraine und Russlands seit den Ende der 90er Jahre. In der Ukraine hatten die Oligarchen immer die Möglichkeit sich zu entfalten, wie sie wollten, dass Ergebniss ist eines der korruptesten Länder der Welt! Seit Merkels und Obamas Freunde in Kiew an die Macht geputscht wurden hat sich die Lage sogar noch weiter verschlimmert und der Lebensstandart in der Ukraine ist so niedrig wie seit der Zeit des Stalinismus.

      In Russland wurde das Treiben der Oligarchen durch unmissverständliche Warnschüsse des Staates ausgebremst, wenn auch nicht ganz beendet. Trotzdem haben sich Renten und Löhne verzwanzigfacht, die Staatsverschuldung wurde um 80%, die Infllation um 30% reduziert, BIP und BIP pro Kopf um das 10 fache gesteigert und Russland verfügt über pralle Devisen – und die sechstgrößten Goldreserven der Welt, während die Goldbestände der Ukraine längst auf nimmerwiedersehen Richtung USA verschwunden sind!

      Korruption und gierige Eliten gibt es überall und schneeweiße Politiker nirgends, das hat die Politik grundsätzlich an sich, dass keiner sauber bleibt der in einem grundsätzlich schmutzigen Geschäft mitmischt sollte jedem klar sein aber sowohl der rein subjektive Eindruck als auch die wirtschaftliche Entwicklung sowohl Chinas als auch Russlands sprechen eindeutig dafür, dass dort die Korruption deutlich wirkungsvoller bekämpft wird als in Brüssel, Berlin oder Washington!

      1. Das was die Nationalstaaten Europas nach dem Krieg geleistet haben  d a s  waren echte Errungenschaften im Interesse ihrer Völker. Russland nimmt sich diese Errungenschaften zum Vorbild und bedauert die Abwirtschaftung Europas durch die EU und ihrer gewissenlosen und nichtswürdigen Politkamarilla. Eine für die Menschen gedeihliche Weltordnung kann nur entstehen wenn die Amerikaner auf ihre Weltgegend beschränkt werden und das was kontinentalgeografisch zusammengehört nämlich die europäischen Staaten und Asien auch auf vielen Ebenen und souverän zusammen arbeitet.

  2. Die Kultur der Massenmörder Welteroberer und Lügenbaronen scheint die letzte Zeit ganz schön aufs Maul zu bekommen. NWO Tschüss. Es geht hier um friedliches Nebeneinander das unsere Welt nötig wie nie braucht. Fast 70 jahre hat der Ami die Welt geknechtet Millionen von Menschen ermordet Staaten zerstört und das muss ein Ende haben. Adolf würde bleich werden vor Neid der kleine Diktator. Die ganze Welt sich Untertan zu machen funktioniert nicht mehr ihr Amis. Wer Frieden will und diese Welt beschützt ist mein Favorit .

  3. @Rüdiger-noch nicht gemerkt das Ihr "Westen" mit seinen "Werten" gerade am Abkacken ist?Das was er mal war ist er nicht mehr auch wenn BRICS noch keine wesentlichen Vorzeigepräsente hervorgebracht haben.Das liegt nicht zuletzt an der ständigen Sabotage des Hegemons mit seinen Mitteln:Medien,Geheimdiensten,Infiltrationen,Farbrevolutionen und der Reservewährung Dollar.Nicht mehr lange.Soll keine Schadenfreude sein weil es mich ebenfalls betrifft der gekniffen istIch wäre froh wenn wir den Rheinischen Kapitalismus noch hätten aber der wurde uns vom Hegemon gestohlen.Jetzt sind wir nur noch Tributzahler.

  4. Diese Multipolarität im Mächtesystem macht US-rael besonders gefährlich, da diese Satanswelt natürlich selbst spürt, dass ihr tyrannisches Möglichkeitspotentiel schwächer wird und  bevor es -zumindest nach ihrer subjektiven Meinung- ganz den Bach runter geht, versuchen sie durch eine Präventivschlag vermeintlich noch was zu retten. Bei Killary gehe ich mit Sicherheit von so einer superbeschränkten Denke aus und das macht sie mit Sicherheit brandgefährlich. Hinzu kommt, dass die Juden sich noch mit Entsetzen vorstellen, dass sie ohne Präventivschlag und Krieg mit Sicherheit Deutschland nicht vernichten können und ihre heimlichen Teuflischkeiten über Jahrzehnte umsonst waren, vielmehr Deutschland mit Russsland eine neue Weltmacht bilden könnte.

  5. Die Konsequenz, wenn auch mit zusammengebissenen Zähnen war, dass die Vereinigten Staaten von Amerika die Rechtmäßigkeit der russischen Position in Syrien anerkannten, …

    das ist natürlich äussserst wichtig, dass die seite, die sich selbst dort rechtswidrig aufhält, "zähneknirschend" die rechtmässigkeit anderer anerkennt.  

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